The Female Brain

Frauen sind anders im Kopf

Hormone prägen weibliche Gehirne anders aus als männliche. Und zwar in jedem Alter. Weniger Östrogen erhöht z.B. die Empfindlichkeit für Stress.

Viel Platz für Sex oder viel Platz für Gefühle

Die Geschlechter ticken unterschiedlich: Männer denken viele Male am Tag an Sex, besitzen dafür einen riesigen Flugplatz als Drehscheibe für ihre Gedanken, Frauen verfügen nur über eine Mini-Landepiste für Privatflugzeuge. Frauen haben in ihrem Gehirn eine achtspurige Autobahn, um Gefühle zu verarbeiten, Männer hingegen nur eine kleine Landstrasse. Frauen erinnern sich an Konflikte, von denen Männer meinen, es habe sie nie gegeben. Und Frauen sind kommunikativer als Männer. Dies und mehr schreibt die US-amerikanische Neuropsychiaterin Louann Brizendine in ihrem Mitte Februar 2007 auf deutsch erschienendem Buch „Das weibliche Gehirn". Schuld an den gravierenden Unterschieden in männlichen und weiblichen Gehirnen, sagt die Autorin, sind Hormone. Sie prägen das menschliche Denkorgan in jeder Phase des Lebens. Wie Hormone die Wahrnehmung und Stimmung von Frauen beeinflussen, hat Brizendine im vorliegenden Buch aufgeschrieben. Eine Analyse des männlichen Gehirns soll bald folgen.

Hormone sind der Treibstoff fürs Hirn

Es beginnt im Mutterleib, sagt die Wissenschaftlerin. Bereits hier beeinflussen die Hormone die Entwicklung des Hirns. Alle Menschen starten mit einem weiblichen Gehirn. Dann bilden die kleinen Hoden des männlichen Fötus in der achten Woche Testosteron. Dieses Geschlechtshormon wandelt Schaltkreise des Hirns von weiblichen in typisch männliche um. Testosteron lässt einige Regionen wachsen - das Areal für den Sexualtrieb ist bei Männern beispielsweise doppelt so groß wie bei Frauen. Es verdrängt aber andere, die mehr mit emotionaler Wahrnehmung zu tun haben. Daher können sich Frauen besser an emotionale Details erinnern, erklärt Brizendine. Bei der Geburt hat jeder Mensch schon ein weibliches oder männliches Hirn. Im weiteren Leben sind das Geschlechtshormon Östrogen im weiblichen und das Testosteron im männlichen Hirn der Treibstoff für Unterschiede zwischen den Geschlechtern. In der Pubertät beispielsweise sorgt der schwankende Östrogen- und Progesteron-Spiegel für eine stärkere Stressempfindlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen und Heulkrämpfe. Das ausgeprägte Kommunikationsbedürfnis von Mädchen, das sich z.B. in stundenlangen Telefonaten ausdrückt, erklärt Brizendine mit einem hohen Oxytocin-Spiegel.

Das Gehirn der reifen Frau

In den Wechseljahren nimmt das Beziehungs- und Fürsorgehormon Oxytocin ab. Das macht Frauen selbstbezogener und scheidungsfreudiger. Sie kümmern sich weniger um Gefühlnuancen und sind nicht mehr so bemüht, Frieden aufrecht zu erhalten, erklärt Brizendine. Da in den Wechseljahren gleichzeitig der Östrogenpegel sinkt, kommt das Testosteron stärker zum Tragen, obgleich auch sein Spiegel abnimmt und das sexuelle Verlangen schmälert. Testosteron feuert aber die Aggressivität an. Das erklärt ungewohnte Streitlust. Das abnehmende Östrogen sorgt zusätzlich dafür, dass sich die Empfindlichkeit des Gehirns für Stress ändert – die Frau wird besonders reizbar und anfällig für Stimmungsschwankungen, die bis zu Depressionen reichen können. Einen Grund dafür sieht die Psychiaterin darin, dass der niedrige Östrogenpegel auch einen Rückgang an Botenstoffen nach sich zieht, die für gute Laune sorgen. In so einem Fall können synthetische Hormone für Ausgleich sorgen und die Depression bekämpfen, sagt Brizendine. Nach der Menopause stellt sich das Gehirn mit der Zeit auf den niedrigen Östrogenspiegel ein und Wechseljahrsbeschwerden verschwinden.

Nicht nur Spielball der Hormone

Brizendine betreibt in San Fransisco eine „Stimmungs- und Hormonklinik für Mädchen und Frauen". Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Wissenschaftlerin einer Hormontherapie in den Wechseljahren nicht allzu ablehnend gegenübersteht. Sie bewegt sich dabei auf dem Boden der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse, nach denen künstliche Hormone bei jüngeren Frauen unter 60 Jahren weniger Risiken bergen, als die große WHI-Hormonstudie 2002 zunächst ergeben hatte. Brezendine betont in ihrem Buch besonders die Schutzwirkung, die Östrogen für das Gehirn hat. Sie zitiert eine Studie, nach der bei Frauen, die das Hormon einnahmen, die Hirnareale für Entscheidungen, Urteilsvermögen, Konzentration, Verarbeitung von Sprache und Gefühlen sowie die Fähigkeit zum Zuhören weniger stark schrumpften. Die positiven Wirkungen müssten aber gegenüber schädlichen Folgen für Brust oder Herz für jede Frau individuell abgewogen werden. Sie weist zudem darauf hin, wie wichtig Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und mentales Training für das Gehirn der reifen Frau sind. Und letztlich sind Menschen nicht reine Spielbälle ihrer Hormone, sondern auch kulturell geprägt. Vor allem im fortschreitenden Alter wachse mit der Zunahme von Weisheit, Information und Bildung die Kontrolle und Unterdrückung von Impulsen, sagte Brizendine im Interview mit dem TV-Sender 3sat: „Es ist ein fortwährender Lernprozess. Wir erfahren durch die Kultur, welche Verhaltenweisen die richtigen sind und für uns als Individuum und in unserem kulturellen und persönlichen Umfeld funktionieren." Menschen führten nur solche Verhaltensweisen fort, die erfolgreich sind. „Mit fortschreitendem Alter werden wir also gebildeter und sogar intelligenter und dieser Teil des Gehirns beeinflusst unser Verhalten dann mehr als die Hormone." (mj)


Quelle: Nach Informationen von Louann Brizendine, Das weibliche Gehirn. Warum Frauen anders sind als Männer. Hoffmann und Campe Verlag 2007 und Interviews mit der Autorin beim TV-Sender 3sat und in der Tageszeitung Business News
Autor: Springer Medizin
Stand: Feb 12, 2008


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