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Tabuthema Wechseljahre

Warum Frauen nicht gern über die Wechseljahre reden

Der Körper und seine Funktionen sind ein klassischer Stoff für Tabuisierungen. Das kann bedrückend sein und die Therapie von tabuisierten Krankheiten vereiteln. Tabus stellen für Menschen aber auch einen Schutz dar.

Sehr wenige Frauen reden öffentlich über ihre Wechseljahre. Sogar Freundinnen berichten einander oft nur verschämt von Hitzewallungen und schlaflosen Nächten. Wechseljahre sind ein Tabuthema. Aber warum eigentlich?

Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten. Eine Eigenheit von Tabus ist nämlich, dass auch die Begründungen tabu sind, sagt der Sprachwissenschaftler Dr. Hartmut Schröder von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Tabus werden in der Regel nicht ausgesprochen. Aber auch ohne Worte lernen schon Kinder früh, was als richtig gilt und was sie nicht sagen oder tun sollten.

Körperfunktionen sind tabu

Eine Folge davon: In Situationen, in denen über Tabuisiertes geredet werden muss, verwenden die Menschen Umschreibungen. "Wechseljahre" könnte als ein solches Ersatzwort entstanden sein, meint Schröder. Jedenfalls besitzt das Klimakterium das Zeug zum Tabu: Denn Körperfunktionen sind klassische Bereiche, die im Gespräch lieber ausgeklammert werden. Und bei den Wechseljahren kommt einiges zusammen:

Alt: Ein Hintergrund für das Schweigegebot ist sicher, dass die Wechseljahre die Tür zum Alter aufstoßen. Das freut eine Frau umso weniger, je mehr sie jung und fit wirken will. Denn eine Crux unserer Zeit lautet: Alle wollen möglichst lange leben, aber keiner will dabei alt aussehen und gebrechlich sein.

Unfruchtbar: Dazu kommt: Der Verlust der Gebärfähigkeit irritiert das weibliche Selbstwertgefühl. Sogar Frauen, die nie Kinder wollten oder ihre Familienplanung schon abgeschlossen haben, geraten ins Nachdenken, wenn die Periode für immer ausbleibt. Es macht eben einen Unterschied, ob eine Frau nicht schwanger werden will oder nicht schwanger werden kann.

Unsexy: Die Nähe zur Sexualität entfaltet zusätzlich eine tabuierende Kraft. Auch wenn viele Umfragen belegen, dass Lust und Liebesleben mit den Wechseljahren nicht versiegen, scheint die Skepsis groß. Dahinter lauert auch die Angst, nicht mehr begehrenswert zu sein.

Krank: Eine weitere Rolle spielt, dass die Wechseljahre in den vergangenen Jahrzehnten zur Krankheit erklärt wurden und zwar zu einer peinlichen, über die keiner sprechen mag. Dass ihr Körper weniger Östrogene produziert, ließ eine Frau im Klimakterium zu einem Mangelwesen verkommen. Künstliche Hormone sollten Abhilfe schaffen.

Zwischen Schutz und Last

Das Wort "Tabu" wird heute häufig abwertend benutzt, um anderen vorzuwerfen, dass sie die Kommunikation verweigern. Im ursprünglichen polynesischen Kontext bedeutete Tabu ein Verbot und erfüllte zwei Aufgaben: Herrschaft abzusichern und Schutzbedürftige abzuschirmen.

Die Schutzfunktion hilft beispielsweise Menschen mit tabuisierten Krankheiten wie Inkontinenz oder Impotenz. Sie bewahrt diese davor, sich ständig dazu äußern und rechtfertigen zu müssen. Die Schattenseite ist, dass Menschen über Tabu-Erkrankungen schweigen und sich nicht behandeln lassen. Manche Frau in den Wechseljahren sucht daher womöglich keinen Arzt auf, obwohl sie unter ihren Hitzewallungen und Schlafstörungen sehr leidet.

Tabus sind nicht in Stein gemeißelt und derzeit stehen die Zeichen günstig, dass das Sprechverbot über die Wechseljahre kippt. Denn zum einen kommen geburtenstarke Jahrgänge ins Klimakterium, zum anderen entdeckt die Industrie ein Marktpotenzial in den Wechseljahren und bringt das Thema in die Werbung. Tabus können verschwinden, wenn sie oft gebrochen werden. Die Menschen müssten eine Enttabuisierung aber auch wollen, sagt Experte Schröder. Ob sie es als Freiheit empfinden, wenn die Wechseljahre irgendwann kein Tabuthema mehr sein sollten, wird sich zeigen.


Quelle: Nach einem Gespräch mit Dr. Hartmut Schröder, Professor für linguistische Kommunikations- und Medienforschung an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und einem Interview der Tageszeitung taz, September 2008
Autor: Martina Janning
Stand: Oct 8, 2008


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