
Was Ärzte sagen
Pflanzenpräparate liegen im Trend
Grundsätzlich sind pflanzliche Arzneien für alle Frauen mit Wechseljahrsbeschwerden geeignet, sagt Professor Ingrid Gerhard, Frauenärztin mit Schwerpunkt Naturheilkunde. Ein Vorteil: Pflanzenpräparate lassen sich je nach Beschwerden individuell kombinieren. Vor der Einnahme sollte allerdings eine Beratung durch einen kompetenten Apotheker oder Arzt stehen.
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Es heißt, immer mehr Frauen greifen zu pflanzlichen Arzneimitteln gegen Wechseljahrsbeschwerden. Stimmt das eigentlich? Was zeigen Ihre Erfahrungen?
Prof. Ingrid Gerhard
Ja, mit Sicherheit. Auch Kollegen berichten, dass Frauen vom Brustkrebsrisiko durch eine Hormontherapie gehört haben und sagen, ich möchte lieber etwas pflanzliches haben. Der Trend ist ganz massiv da.
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Welche Rolle spielen neuere Studien zu den Gefahren künstlicher Hormone bei der Entscheidung von Frauen?
Prof. Ingrid Gerhard
Sie spielen eine wichtige Rolle. Aber ebenso entscheidend ist, dass praktische jede Frau in den Wechseljahren eine andere kennt, die Brustkrebs hatte oder hat. Die Ängste, Brustkrebs zu bekommen und daran zu sterben, dadurch natürlich sehr groß sind.
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Was ist Ihr Eindruck: Nehmen Frauen aufgrund von Informationen pflanzliche Medikamente oder lassen sie sich von Emotionen leiten?
Prof. Ingrid Gerhard
Zunächst lassen viele sich sicher von Emotionen leiten, erst im zweiten Schritt holen sie sich Informationen. Häufig hören Frauen von Bekannten, was denen geholfen hat, oder sie kennen noch Hausmittelchen wie Salbeitee. Die probieren sie dann aus und gucken, wie sie sich selbst helfen können, solange die Beschwerden nicht zu stark sind.
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Was schätzen Patientinnen an der Pflanzentherapie am meisten?
Prof. Ingrid Gerhard
Viele gehen davon aus, dass sie keine Nebenwirkungen hat. Aber das ist falsch! Ich habe selbst erlebt, wie eine Patientin zwei Liter Salbeitee am Tag gegen ihre Hitzewallungen getrunken hat, und seine östrogene Wirkung die Schleimhäute der Gebärmutter wieder aufbaute, so dass die Frau plötzlich erneut Monatsblutungen bekam. Das war eine Wirkung von zu viel Salbeitee.
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Welche Wechseljahrsbeschwerden lassen sich gut mit Pflanzenpräparaten behandeln?
Prof. Ingrid Gerhard
Zunächst einmal alle: Hitzewallungen können besser werden, depressive Verstimmungen, Nervosität, Reizbarkeit, Schlafstörungen. Bei Abnutzungserscheinungen wie schmerzende Gelenke oder Rückenschmerzen ist es mit den typischen pflanzlichen Mitteln gegen Wechseljahrsbeschwerden nicht weit her. Da helfen andere Pflanzen.
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Welches sind die typischen pflanzlichen Arzneien gegen Hitzewallungen & Co?
Prof. Ingrid Gerhard
Wenn man über Wechseljahrsbeschwerden spricht, steht die Traubensilberkerze an erster Stelle. Sie ist eine Pflanze, die einen sehr weiten Bereich hat. Sie bessert in sehr milder, umfassender Form Hitzewallungen, Schlafstörungen und Nervosität. An zweiter Stelle steht Rotklee. Seine Wirkungen sind aber nicht so nachgewiesen, dass man ihn guten Gewissens als echte Alternative zu Traubensilberkerze empfehlen könnte, zumal Rotklee in Tierversuchen eine ausgeprägte östrogene Wirkung hat, die Tumoren fördern kann. Gleiches gilt für Soja. Bei Brustkrebsrisiko würde ich Rotklee und Soja auf jeden Fall verbieten. Dann gibt es noch den Türkischen Rhabarber. Auch er ist bezüglich seiner Wirkung auf die Brust nicht so vollständig untersucht wie die Traubensilberkerze.
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Gibt es Patientinnen, denen Sie von pflanzlichen Medikamenten abraten?
Prof. Ingrid Gerhard
Pflanzliche Mittel gibt es in vielen unterschiedlichen Formen, die man gut individuell kombinieren kann, so dass man nicht generell davon abraten muss. Aber eine Patientin sollte sich beraten lassen, damit sie auch wirklich das nimmt, was richtig ist. Wenn sie z.B. nur Schlafstörungen hat, muss sie nicht unbedingt Traubensilberkerze einnehmen. Dann könnten ihr auch Baldrian, Hopfen oder Melisse helfen.
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Von wem sollten Frauen sich beraten lassen? Reicht eine Beratung in einer Apotheke?
Prof. Ingrid Gerhard
Das kommt darauf an, wie der Apotheker ausgebildet ist. Er sollte sich in Phytotherapie fortgebildet haben. Bei einem Gynäkologen muss eine Frau darauf achten, dass er etwas von Naturheilkunde versteht. Im Grunde könnte sie sich aber auch von einem Allgemeinmediziner beraten lassen, sofern er sich mit Phytotherapeutika beschäftigt hat.
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Wie lässt sich das herausfinden?
Prof. Ingrid Gerhard
Das Optimum wäre, wenn ein Allgemeinmediziner eine Zusatzausbildung in Naturheilkunde vorweisen kann. Bei den Frauenärzten gibt es die Arbeitsgemeinschaft für Naturheilkunde, Akupunktur und Umweltmedizin - die Natum. Sie zertifiziert naturheilkundliche Gynäkologen. Frauen können bei Natum nachfragen oder auf der Website (www.natum.de) nach Frauenärzten suchen, die mit Naturheilkunde arbeiten. Ansonsten sollte man einen Arzt einfach nach seiner Qualifikation fragen, oder sich mit einem Buch oder im Internet über Wechseljahrsbeschwerden schlau machen und überprüfen, was der Doktor weiß.
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Was müssen Frauen beachten, wenn sie Pflanzenpräparate gegen Wechseljahrsbeschwerden nehmen?
Prof. Ingrid Gerhard
Dass sie nur Substanzen einnehmen, die nach den Richtlinien hergestellt und kontrolliert worden sind. So gehen sie sicher, dass sie wirklich ein sauberes Produkt bekommen und keines mit Pflanzenschutzmitteln verpestetes. Kontrollierte Mittel gibt es in Apotheken. Wenn man nicht ganz sicher ist, wie die Pflanzen angebaut und verarbeitet worden sind, sollte man keine pflanzlichen Arzneien im Internet oder Ausland kaufen. Neben der Zubereitung kommt es auf die Konzentration des Wirkstoffs an. Frauen sollten schauen, wie viel Milligramm Substanz im einem Mittel ist und nicht nur nach dem Preis gehen. So wissen wir z.B., dass bei Traubensilberkerze 40-80 Milligramm Wirkstoff pro Tag für einen guten Effekt eingenommen werden müssen. Außerdem ist wichtig, dass Frauen die Dosis nicht eigenmächtig erhöhen oder erniedrigen. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind bei pflanzlichen Mittel übrigens in der Regel nicht zu erwarten. Eine Ausnahme ist Johanniskraut.
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Wie lange dauert es, bis pflanzliche Arzneien wirken?
Prof. Ingrid Gerhard
Sie schlagen nicht von heute auf morgen an. Aber nach 1-2 Wochen sollte eine erste Wirkung da sein. Die wird sich in den ersten vier Wochen verstärken und nach drei Monate konstant bleiben. Es hat keinen Sinn, ein Präparat nur wenige Monate zu nehmen. Setzt man es nämlich ab, sind auch die Beschwerden meist wieder da. Sieht eine Frau, dass ihr ein Mittel hilft, sollte sie es 1/2-1 Jahr einnehmen, bis es ihr wieder richtig gut geht und es dann versuchsweise absetzen. Die Wirkung wird umso besser sein, je mehr frau auch ihren Lebensstil modifiziert, also auf vollwertige Ernährung, Bewegung, Entspannung achtet und sich positiv auf die neue Lebensphase einstellt.
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Prof. Ingrid Gerhard
Prof. Ingrid Gerhard (Jg. 1944) war von 1993 bis 2002 Leiterin der Ambulanz für Naturheilkunde der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin der Universitäts-Frauenklinik in Heidelberg. Seither arbeitet sie als Autorin und Referentin für Frauenheilkunde, Naturheilkunde und Umweltmedizin. Im Oktober 2005 ist das Lehrbuch "Gynäkologie integrativ - Konventionelle und komplementäre Therapie" erschienen, in dem sie zusammen mit der Gynäkologin Marion Kiechle schulmedizinische und naturheilkundliche Methoden gegenüberstellt. (Urban & Fischer bei Elsevier, 896 Seiten, 82 Euro, ISBN: 3-437-56260-6).










