Legasthenie

Legasthenikern kann geholfen werden

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Legastheniker haben Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben
Getty Images/Polka Dot RF

Leonardo da Vinci war einer. Johannes Gutenberg war auch einer. Genauso wie Steven Spielberg und Dustin Hofmann. Und sogar die schwedische Kronprinzessin Victoria gehört zu ihnen. Die Rede ist von Legasthenikern.

Vollständige Heilung ist nicht möglich, man kann jedoch die Probleme mindern. Wichtig ist eine möglichst frühe, zuverlässige und detaillierte Diagnose, um anschließend erprobte und gezielte Fördermaßnahmen einzuleiten. Unter Legasthenie, auch bekannt als Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS), leiden circa vier Prozent aller Schüler. Jungen sind etwa doppelt so häufig Legastheniker wie Mädchen. Sie sind genauso intelligent, häufig sogar intelligenter als andere Kinder, haben reichlich schulische und familiäre Lernanregungen, und können trotzdem nur schlecht lesen und fehlerhaft schreiben. Deshalb werden sie immer wieder von ihren Mitschülern verspottet und von den Lehrern für "Sonderschulen" empfohlen.

Von der Weltgesundheitsorganisation WHO wird Legasthenie nicht zu den Krankheiten, sondern zu den psychischen Störungen gezählt. Gemäß ihrer Internationalen Klassifikation psychischer Störungen wird somit zwischen drei Formen der Legastheniker unterschieden:

  •     Isolierte Rechtschreibstörung: Lediglich die Rechtschreibung, nicht das Lesen ist beeinträchtigt.
  •     Lese-Rechtschreibstörung: Das Lesen und fakultativ die Rechtschreibung sind beeinträchtig.
  •     Kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten.

Im ersten und zweiten Schuljahr, wenn die Schriftsprache erlernt wird, treten zunächst Probleme beim Aufsagen des Alphabets, bei der Benennung von Buchstaben oder dem Bilden von Reimen auf. Legastheniker fallen dann in der Regel deutlich zwischen dem zweiten und vierten Schuljahr auf. Typische Erkennungsmerkmale sind unter anderem:

  • Schwierigkeiten beim flüssigen Lesen: Legastheniker haben Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile im Text, niedrige Lesegeschwindigkeit.
  • Schwierigkeiten beim Lese-Verständnis: Unfähigkeit, Gelesenes widerzugeben, aus Gelesenem Schlüsse zu ziehen oder Zusammenhänge herzustellen.
  • Häufiges Auftreten gleichartiger Rechtschreibfehler, aber das gleiche Wort wird nicht immer gleich falsch geschrieben. Häufig gemachte Fehler sind zum Beispiel:
  • Vertauschen der Reihenfolge von Buchstaben
  • Verwechseln symmetrischer Buchstaben: q mit p und d mit b
  • Verwechseln ähnlich klingender Buchstaben: d und t
  • Auslassungen und Verdoppelungen.
  • Daher haben Legastheniker sehr schlechte Noten in Deutsch, besonders in der Rechtschreibung bei Diktaten, jedoch häufig bessere Leistungen in anderen Schulfächern.
  • Keine deutliche Besserung durch vermehrtes Üben.

Diese Lese- und Rechtschreibfehler sind nicht nur typisch für Legastheniker. Alle Kinder, die das Lesen und Schreiben erlernen, machen anfänglich die gleichen Fehler – nur in unterschiedlichem Ausmaß. Bei den meisten Kindern nehmen die Probleme jedoch sehr rasch ab und verschwinden schließlich weitgehend. Legastheniker machen die Fehler wesentlich häufiger und die Probleme bleiben über lange Zeit stabil. Auffällig ist die enorme Inkonstanz der Fehler: Weder ist es möglich, stabile Fehlerprofile zu ermitteln, noch gibt es eine bestimmte Systematik der Fehler. Ein und dasselbe Wort wird immer wieder unterschiedlich falsch geschrieben.

Ursachen der Legasthenie

Zur Entstehung einer Legasthenie können vielfältige Ursachen beitragen, wobei in aller Regel verschiedene Faktoren zusammenwirken. Andererseits führen einzelne Einflüsse, wie zum Beispiel eine genetische Disposition nicht zwangsläufig zur Herausbildung einer Lernstörung, sondern können durch präventive Maßnahmen im Vorschulalter und weitere intensive Betreuung während der gesamten Schul- und Ausbildungszeit kompensiert werden. Da Legastheniker in Familien gehäuft vorkommen, wird in jüngerer Zeit verstärkt eine genetische Komponente diskutiert. Circa ein Viertel der Kinder, die im Alter von 24 Monaten noch keine 50 Wörter verwenden und noch nicht in Zweiwortsätzen sprechen, entwickeln sich später zum Legastheniker. Etwa zwei Drittel der Kinder, die später eine Lese-Rechtschreibstörung entwickeln, können bereits im Vorschulalter oder zum Zeitpunkt der Einschulung anhand von Schwächen der phonologischen Bewusstheit erkannt werden. Kinder aus schwächeren sozialen Schichten haben ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Lese-Rechtschreibschwäche. Großen Einfluss hat aber auch der häusliche Fernsehkonsum. Kinder die mehr als zwei Stunden fernsehen neigen stärker zur Lese-Rechtschreibleistung und zum mangelnden Leseverständnis. Dabei spielt vor allem die Qualität des Fernsehprogramms und weniger die Dauer eine Rolle.

So erkennen Sie Legastheniker

  • Legastheniker verwechselen ähnlich klingende Laute und Lautkombinationen (grone/Krone, Kachte statt Karte, Schein statt Schwein).
  • Das Kind hat Schwierigkeiten mit der richtigen Reihenfolge der Buchstaben. Statt "Raum" wird "Ruam", statt "Bart" "Brat" geschrieben oder gelesen.
  • Das Kind liest und schreibt optisch ähnliche Zeichen falsch (b/d/p/q, m/w/v).
  • Das Kind lässt Buchstaben am Wortanfang, am Wortende oder im Wortinneren aus.

Treffen diese Verhaltensweisen zu, besteht der Verdacht, dass das Kind Legastheniker ist, so müssen zunächst organische Ursachen wie das Vorliegen einer Schwerhörigkeit oder Fehlsichtigkeit durch eine Untersuchung beim Kinder- oder Hausarzt ausgeschlossen werden. Im nächsten Schritt muss ein Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, ein Kinderund Jugendpsychotherapeut oder ein Diplom-Psychologe konsultiert werden. Wichtig sind dabei der Informationsaustausch und eine enge Kooperation mit Schule und Eltern.

Therapie von Legasthenikern

Legastheniker können sehr effektiv behandelt werden, wenn die Störung frühzeitig erkannt wird. Am erfolgreichsten sind präventive Maßnahmen vor dem eigentlichen Schriftspracherwerb oder im ersten Schuljahr. Diese präventiven Maßnahmen basieren unter anderem auf der Diagnose und Förderung der phonologischen Bewusstheit (Wahrnehmung und Unterscheidung von Silben und Lauten). Aber auch bei älteren Kindern sind Fördermaßnahmen, psychologische Unterstützung und ggf. auch psychiatrische Behandlungen wichtig und richtig, da ein einhergehender Verlust des Selbstbewusstseins in Depressionen oder Aggression mündet. In jedem Falle sollten Therapie und Förderung dem Legastheniker ermöglichen, mit seinen Schwierigkeiten besser umzugehen. Sie sollte ganzheitlich angelegt sein, das heißt der Gesamtpersönlichkeit der Kinder in schulischer, sozialer und emotionaler Hinsicht gerecht werden. Die Auswahl der geeigneten Therapie und des Therapeuten treffen die Eltern, idealerweise in Absprache mit Lehrern und Schulpsychologen. Ob diese Therapie auch erstattet wird, liegt in der Entscheidungsbefugnis des zuständigen Jugendamtes (auf Anfrage). Eine zertifizierte Therapie können LogopädInnen, PsychologInnen, ÄrztInnen, ErgotherapeuthInnen, MotopädInnen, TherapeutInnen, PädagogInnen und LehrerInnen, die im Rahmen einer Ausbildung die Qualifikation zum Legasthenie-Therapeuten erlangt haben, durchführen. Weitere Informationen zum Thema Legastheniker und Dyskalkulie finden Sie auf der Homepage des BVL www.bvl-legasthenie.de, www.legasthenie.net oder unter www.legakids.net

Tipps für Legastheniker

Lassen Sie eine Legastheniker-Diagnose durchführen, fragen Sie dazu zum Beispiel beim Bundesverband Legasthenie (BVL) nach. Finden Sie Gleichgesinnte zum Erfahrungs-Austausch, zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe. Adressen bekommen Sie unter anderem bei den Landesverbänden des BVL. Prüfen Sie den Legasthenie-Erlass des Kultusministeriums ihres Bundeslandes (unter: www.legasthenie.net). Eventuell gibt es die Möglichkeit, bei nachgewiesener Legasthenie die Rechtschreibung aus den Fach-Noten heraus zu rechnen. Suchen Sie entsprechende Beratungsstellen auf. Reden Sie mit den Lehrern. Bitten Sie darum, dass die Rechtschreibung nicht in die Fachnoten einfließt. Legen Sie dabei einen schriftlichen Befundbericht mit Legasthenie-Diagnose vor.

Autor: Prof. Dr. Christian Trumpp ist Leiter der 2001 eröffneten Medau-Berufsfachschule für Logopädie in Coburg
Veröffentlicht am: 29. August 2006
Letzte Aktualisierung: 23. November 2011

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