Anthroposophische Medizin
Die anthroposophische Medizin versteht den Menschen als Einheit von Geist, Seele und Körper. Krankheiten werden auf allen diesen Ebenen erfasst und behandelt.
Genau 85 Jahre ist es her, als der Theoretiker Rudolf Steiner und die Ärztin Dr. Ita Wegmann beschlossen, dass die Zeit reif für eine neue medizinische Bewegung sei, und mit dem Buch „Grundlegendes zu einer Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen“ die Geburtsstunde der anthroposophischen Medizin einleiteten. Anders als etwa die traditionelle chinesische Medizin ist die Lehre der in Österreich lebenden Naturwissenschaftler also ein regelrechter Frischling. Besieht man sich jedoch die grundlegenden Perspektiven, so zeigt die anthroposophische Medizin zahlreiche Parallelen zu ihren Jahrtausende alten Vorreitern auf.
Die anthroposophische Medizin erkennt naturwissenschaftliche Methoden grundsätzlich an. Anders als in der Schulmedizin werden Krankheiten jedoch nicht auf physische Fehlfunktionen reduziert. Die Lehre begreift das Wesen des Menschen als Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist. Bei der Diagnose und Behandlung von Erkrankungen finden nicht nur die messbaren Befunde, sondern auch das allgemeine Befinden und die individuelle Lebenssituation des Patienten Beachtung. Generell will die anthroposophische Medizin die Schulmedizin also nicht ersetzen, sondern nur um geisteswissenschaftliche Erkenntnisse und eigene Heilmethoden erweitern.
Der Mensch auf allen Ebenen
Der anthroposophischen Medizin zufolge besteht der Mensch aus vier Ebenen, den sogenannten Wesensgliedern, die in einem ausgeglichenen Verhältnis zu einander stehen. Die Ebenen werden als physischer Leib, ätherischer Leib, astralischer Leib und das anthroposophische Ich bezeichnet. Krankheiten sind Prozesse, die entstehen, wenn die Wechselwirkungen zwischen den Ebenen nicht mehr reibungslos ineinander greifen können und eine Ebene die Oberhand gewinnt. Jede Krankheit wird entsprechend auf allen vier Ebenen betrachtet und ist in ihrer Ausprägung einzigartig. Aus diesem Grund kann die Therapie einer Erkrankung nie pauschal erfolgen, sondern muss stets individuell auf den Patienten zugeschnitten werden.
Der Patient im Mittelpunkt
Durch intensive Gespräche versucht sich der Arzt ein Bild von allen Ebenen des Patienten zu machen, denn die anschließende Therapie soll alle Wesensglieder ansprechen. Neben herkömmlichen Verfahren und Medikamenten der Schulmedizin kommen ganz eigene Behandlungskonzepte zum Einsatz. Der anthroposophisch praktizierende Arzt verwendet etwa eigene Arzneimittel pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Ursprungs. Ein wichtiger Baustein der anthroposophischen Medizin ist die Heileurythmie, bei der der Patient mit Hilfe spezieller Bewegungen zu einem gesunden Rhythmus findet und seinen Muskeltonus verbessert. Ein weiterer wesentlicher Schwerpunkt bei der Behandlung von Erkrankungen bildet die Kunsttherapie und die sogenannte Biografiearbeit. Beide Methoden sollen die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen. Außerdem soll dem Patienten vermittelt werden, was Körper, Geist und Seele brauchen, um dauerhaft gesund zu bleiben. Die anthroposophische Medizin begreift die Patienten generell als aktive Partner, der sich an seinem Genesungsprozess beteiligt.
Die Wirksamkeit auf dem Prüfstand
In Deutschland gibt es mittlerweile knapp 3000 anthroposophisch praktizierende Ärzte. Immer mehr niedergelassene Ärzte absolvieren die Zusatzqualifikation, da sie nach eigenen Angaben immer wieder Grenzen der reinen Schulmedizin stoßen. Doch ist der Erfolg der anthroposophische Medizin auch wirklich messbar? Zahlreiche klinische Untersuchungen haben es sich in der Vergangenheit zum Ziel gesetzt, das herauszufinden. Die AMOS-Studie belegte erst im vergangenen Jahr, dass die anthroposophische Medizin gerade bei chronisch kranken Patienten mit Rheuma, Asthma oder auch Depressionen Behandlungskosten senken kann. Aus diesem Grund werden die Kosten der anthroposophischen Medizin von immer mehr gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
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