Schmerzbehandlung
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Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Schmerzforschung: Frauen leiden stärker

Oft schmerzt nicht nur der Ruecken-82556838.jpg
Frauen sind nicht wehleidig. Ihnen setzen Schmerzen mehr zu als den Männern.
Getty Images/Pixland

Mittlerweile kann durch die experimentelle Schmerzforschung zumindest teilweise verständlich gemacht werden, wo der Faktor „Geschlecht“ in die Entstehung von Schmerzen eingreift. Prof. Stefan Lautenbacher, Bamberg, stellte beim Deutschen Schmerzkongress 2009 experimentelle Untersuchungen zu diesem Thema vor.

Frauen leiden häufiger und intensiver unter Schmerzen und sind schmerzempfindlicher. Untersuchungen weisen nach, dass Frauen vor allem Druckschmerz stärker als Männer empfinden. Eine ältere Auswertung und Zusammenfassung mehrerer Studien („Metaanalyse“) hat gezeigt, dass Frauen durchgängig niedrigere Werte sowohl bei der Messung der Schmerz- als auch der Toleranzschwelle für die meisten der verwendeten Schmerzreize (Druck, Hitze, elektrische Reize) aufweisen.

Die besondere Empfindlichkeit für Druckreize charakterisiert auch verschiedene Schmerzsyndrome, die vor allem durch chronische Muskelschmerzen auffallen, z.B. Fibromyalgie , myofasciales Schmerzsyndrom (siehe Glossar) oder Spannungskopfschmerz.

Möglicherweise liegt in der erhöhten Druckschmerzempfindlichkeit die Erklärung, warum diese Schmerzsyndrome überwiegend bei Frauen auftreten. Deutliche Geschlechtsunterschiede zeigen sich auch bei der zeitlichen Summation von Schmerzwahrnehmungen.

Werden potenziell schmerzhafte Reize in kurzen Intervallen (zwei bis fünf Sekunden) wiederholt, nimmt die Schmerzwahrnehmung deutlich zu. Dieser Effekt ist bei Frauen stärker ausgeprägt. Diese zentralen Sensitivierung * , die durch das körpereigene Schmerzhemmsystem moduliert wird, gilt als Risikofaktor bei der Schmerzchronifizierung. Bei den mimischen Schmerzreaktionen zeigen sich dagegen keine Gruppenunterschiede.

Die für das Schmerzempfinden typischen „Action Units“ * der Mimik, etwa die Kontraktion der Augenbrauen, getestet bei schmerzhafter und nichtschmerzhafter Hitzestimulation, reagierten in ihrer Grundaktivität bei Frauen nicht anders als bei Männern. Offenbar können Frauen jedoch Schweregrade des Schmerzes besser encodieren * . Die nachgewiesenen Unterschiede gelten übrigens nur für jüngere Frauen und Männer, betonte Lautenbacher. Bei alten Frauen und Männern seien keine Geschlechtsunterschiede nachweisbar.

*Glossar

Myofasciales Schmerzsyndrom: Chronische Schmerzerkrankung mit anhaltenden Schmerzen in Muskulatur und angrenzenden bindegewebigen Hüllen. Die Beschwerden können sowohl örtlich begrenzt wie auch generalisiert auftreten.

Sensitivierung: Von einer Sensitivierung spricht man, wenn bei wiederholter Darbietung eines Reizes eine zunehmend stärkere Reaktion auf diesen auftritt. Eine Gewöhnung (Fachbegriff: Habituation) findet nicht satt.

Action Units: Mimische Aktivitäten, die für längere Zeit im Gesichtsausdruck einer Person deutlich zu erkennen sind – zum Beispiel das Heben der Wangen oder das Anspannen der Augenlider.

Encodierung/encodieren: Gemeint ist das Einspeichern von bestimmten Informationen (zum Beispiel von Schmerzempfindungen) im zentralen Nervensystem. Die eingespeicherten Informationen werden dann analysiert und weiterverarbeitet.

Autor: Dagmar Jäger-Becker / Von der Lifeline-Redaktion für Patienten überarbeitet
Letzte Aktualisierung: 27. Januar 2012
Quellen: Der Hausarzt 19/2009, MEDIZIN IN DER PRAXIS AKTUELLES VOM SCHMERZKONGRESS IN BERLIN, Seite 42; „Psychophysiologische Grundlagen von Geschlechtsunterschieden beim Schmerz“, DGSS, 9.10.09

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