Den Schmerz „wegatmen“

Atemtherapie bei Schmerzen

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Richtig atmen – bei Schmerzen kann dies tatsächlich hilfreich sein.
Thinkstock/Getty Images/Hemera

Bewusstes und "zugelassenes" Atmen hat eine harmonisierende Wirkung auf Körper, Geist und Seele. Spezielle Atemtherapien versuchen, dieses Prinzip im Rahmen der Schmerzbehandlung zu nutzen.

In der hausärztlichen Praxis stellt sich neben der Diagnostik und Einordnung der Schmerzen die Frage nach Therapie- und Unterstützungsmöglichkeiten. Nicht wenige Patienten fragen zudem nach unterstützenden Behandlungsangeboten, die sie selbst umsetzen und zeitnah in den Alltag integrieren können. Wie eine israelische Studie zeigen konnte, nutzen elf Prozent der Schmerzpatienten alternative Heilmethoden. In einer telefonischen Befragung zu deren Einsatz bei 1001 erwachsenen Deutschen wurde deutlich, dass alternative Verfahren am häufigsten bei chronischen Schmerzproblemen angewendet werden. Knapp 32 Prozent der Befragten hatten das Anliegen, über alternative Ansätze Medikamente zu reduzieren. Etwa 24 Prozent gaben als Grund für den Einsatz unzureichende Erfolge der herkömmlichen Therapie an. Immerhin nutzten circa 27 Prozent alternative Verfahren auf Anraten ihres behandelnden Arztes.

Bewussteres Atmen

Ein alternatives Verfahren im Rahmen der Schmerzbehandlung ist die sogenannte Atemtherapie. Diese Methode setzt an der körperlichen, seelischen und sozialen Einheit des Menschen an und kann als niederschwelliges integratives Therapieangebot vom Hausarzt empfohlen werden. Die Atemtherapie versteht sich als ein Verfahren, das auf der bewussten Erfahrung des Atems basiert. In diese Therapieform können Elemente der fernöstlichen Atem- und Bewegungsschulen, der Gymnastik, des Tanzes, der Psychotherapie und der Naturheilkunde einfließen.

Mögliche Inhalte einer Atemtherapie

• Schulung der Empfindungsfähigkeit

• Zulassen des Atemflusses und dessen subjektive Wahrnehmung

• Direkte und indirekte Beeinflussung des Atemgeschehens

• Regulation des Spannungszustandes der Muskulatur

• Wahrnehmung der Atembewegung

• Arbeit mit Dehnungen und Druckpunkten

• Bewegungsübungen

• Dehn- und Ruhelagerungen

• Übungen mit Stimme, Sprache und Gesang

• Aufarbeitung der Wahrnehmungsveränderung auf der individuellen Ebene

Erste Studienergebnisse

Bisher finden sich allerdings nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen. In einer kleinen qualitativ hochwertigen Studie zur Atemtherapie bei chronischen Rückenschmerzpatienten verbesserten sich die Beschwerden in gleichem Maß wie bei einer hoch qualifizierten Physiotherapie ("Krankengymnastik"). Die Daten dieser Studie lassen vermuten, dass sich die Bewältigungsstrategien durch die Atemtherapie verbessern und die Patienten neue Einsichten hinsichtlich des Zusammenhanges zwischen Stress und Rückenschmerz gewinnen. Um eine wissenschaftliche Aussage zur Wirksamkeit der Atemtherapie machen zu können, sind allerdings weitere Studien mit größeren Patientenzahlen unter Einbeziehung der psychosozialen Dimension sowie mit anderen Schmerzdiagnosen erforderlich.

Indikationen und Kontraindikationen

Die Methode erscheint für die meisten Menschen geeignet. Ausschlusskriterien bilden schwere Begleiterkrankungen. So wurden in einer Befragungsstudie von Atemtherapeutinnen schwere psychiatrische Krankheiten wie Psychose, Schizophrenie, Manie, schwere und schwere Persönlichkeitsstörungen als Gegenanzeigen (Kontraindikation) angegeben. Die mittlere Häufigkeit unerwünschter Nebenwirkungen lag bei 1,52 Prozent.

Vorteile der Atemtherapie für Schmerzpatienten

Die Patienten können den Zusammenhang zwischen Atem und Schmerzen erfahren. Da die Atemübungen auch von körperlich stark eingeschränkten Patienten durchgeführt werden können und jederzeit ohne Hilfsmittel auskommen, kann die Atemtherapie die körperliche Aktivität fördern. Die Atemtherapie beinhaltet Übungen, die eine entspannende und die "Wohl-Spannung" der Muskulatur (Eutonus) fördernde Wirkung haben. Dabei wird ein direkter Wirkmechanismus durch die Beeinflussung des vegetativen Nervensystems (Erhöhung des Parasympathikotonus) vermutet. Als Wirkfaktoren werden das Erleben einer erlernbaren Selbststeuerung und Selbstverantwortung, eine tiefer gehende emotionale Ausgeglichenheit (sogenannte affektive Resonanzdämpfung), eine verbesserte Schlaf- und Erholungsfähigkeit, eine effektive Stressbewältigung sowie eine körperbezogene Wahrnehmung angenehmer Sinnesqualitäten als Ausgleich zum Schmerzerleben diskutiert.

Eine weitere wichtige Ressource chronischer Schmerzpatienten stellt die Akzeptanz und Integration des IST-Zustandes dar. Diese wird durch die Schulung der Achtsamkeit und der Wahrnehmung in der Atemtherapie unterstützt. Die Schmerzpatienten können in der Atemtherapie die Beziehung zum eigenen Körper verbessern. Dabei wird der Körper nicht nur als schmerzend erlebt, sondern es werden auch andere Wahrnehmungsqualitäten wie Wärme, Schwere und Leichtigkeit erfahren.

Atemtherapie kann in der Gruppe und in der Einzelarbeit ausgeführt werden.

Chronifizierung entgegenwirken

Wünschenswert ist die möglichst frühe Einbindung von atem- und körpertherapeutischen Behandlungsangeboten in den individuellen Therapieplan, um einen präventiven Effekt auf die Chronifizierung des Schmerzgeschehens zu haben. Dabei ist die Integration verschiedener Behandlungsansätze genauso entscheidend wie die Motivation der Patienten.

Fallbeispiel: Anwendung der Atemtherapie bei der Behandlung von chronischen Schmerzen

Frau L., 50 Jahre alt, leidet seit zehn Jahren an wiederkehrenden Oberbauchschmerzen. 2004 erfolgte eine teilweise Entfernung der Bauchspeicheldrüse bei chronischer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Nach der Operation blieb ein Dauerschmerz. Die Patientin beschreibt diesen als stechend und in den Rücken ziehend. Aus chirurgischer Sicht bestehen keine operativen Möglichkeiten und kausalen Ansätze. Anlässlich einer Ultraschalluntersuchung findet sich ebenfalls kein Hinweis für eine mögliche Ursache der Beschwerden. In der schmerztherapeutischen Betreuung wurden schwache (niederpotente) Opioide mit verzögerter Wirkstofffreisetzung, Schmerzmedikamente der WHO-Stufe I sowie weitere, die Schmerzbehandlung unterstützende, Medikamente ohne Erfolg versucht. Die Patientin wurde ambulant psychotherapeutisch behandelt. Da unter der Therapie keine Fortschritte erzielt werden konnten, erfolgte die Planung einer fünf-wöchigen tagesklinischen multimodalen (aus mehreren Säulen bestehenden) Schmerztherapie.

Die Atemtherapie bildete ein Behandlungsbaustein, von dem die Patientin wesentlich profitierte.

Ausgangssituation: Auffallend waren eine halb liegende Körperhaltung im Sitzen sowie erhöhte Ängstlichkeit, durch körperliche Anstrengung oder durch Atemzüge eine Schmerzverstärkung zu induzieren. Aus dieser Angst heraus hatte sich Frau L. aus vielen sozialen und körperlichen Aktivitäten wie Theaterabende, Konzertbesuche etc. zurückgezogen. Sie gab an, sie habe das Gefühl, "zusammengezogen" zu sein.

Die Schwerpunkte in der Atemtherapie   waren sanfte Bewegungsübungen, in denen die Atembewegung führend war. Hilfreich waren hier u. a. die Übungen für den mittleren Atemraum und die Körpermitte, die Erarbeitung des unteren Atemraumes, die Schulung der Innenraumwahrnehmung sowie die Erarbeitung von körperlichen und seelischen Verbindungen.

Abschließend und bis heute anhaltend resümiert Frau L., dass sie die Atemübungen in ihren Alltag integrieren konnte. Trotz anhaltender Schmerzen achtet sie mehr auf ihre Haltung. Die Angst vor Bewegung ist weitgehend reduziert. Bei stärkeren Schmerzen sind die Atemübungen unmittelbar hilfreich, sodass die Patientin keine Schmerzmedikamente mehr einsetzt und Theaterbesuche wieder möglich sind. Zudem hat sie nun ein besseres Gespür für ihren Körper und ihre Grenzen. Sie traut sich wieder "durchzuatmen".

Autor: M. Schiller, Fachärztin für Anästhesiologie, spezielle Schmerztherapie, Akupunktur, Atemtherapeutin / Von der Lifeline-Redaktion für Patienten überarbeitet.
Letzte Aktualisierung: 27. Januar 2012
Quellen: MMW-Fortschr. Med. Nr. 1-2 / 2010:40-41

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