Grenzüberschreitend

MS: Immunzellen auf fremdem Terrain

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Im aktiven Krankheitsschub der Multiplen Sklerose verändert sich die Verteilung der Immunzellen im Blut entscheidend.
Getty Images/iStockphoto

Forscher finden neues Puzzleteil in den komplexen Krankheitsvorgängen der Multiplen Sklerose: Abwehrzellen, die vom Blut vermehrt ins Hirnwasser einwandern.

Schon seit einiger Zeit nehmen Multiple-Sklerose-Forscher bestimmte Zellen des menschlichen Abwehrsystems besonders ins Visier: die B-Zellen (B-Lymphozyten). Wissenschaftleraus dem Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) haben nun entdeckt, dass sich im aktiven Krankheitsschub die Verteilung dieser Zellen zwischen Blut und Hirnwasser deutlich verändert. Die Forscher sehen in diesen Ergebnissen eine weitere Bestätigung der Annahme, dass B-Zellen wesentlich zum Fortschreiten der Krankheit beitragen und daher eine wichtige Zielscheibe für die Entwicklung neuer Therapieansätze sind. 

B-Zellen sind die Produktionsstätten für kleinste Bestandteile des menschlichen Immunsystems: die sogenannten Antikörper. Diese sind für die Erkennung und Kennzeichnung von Gewebebestandteilen oder Zellen als „körperfremd“ zuständig.  Mit dieser Kennzeichnung leiten sie den Abwehrprozess des Körpers gegen die entsprechenden Strukturen ein.

Die Verteilung der Zellen verändert sich beim MS-Schub

Man unterscheidet naive („unerfahrene“) B-Zellen und Gedächtnis-B-Zellen. Während erstere noch nie Kontakt mit Bakterien oder ähnlichen Eindringlingen hatten und deshalb noch keine spezielle Art von Antikörper ausbilden, haben letztere sich sozusagen auf Erkennungsmerkmale einzelner Bakterien oder Virenarten spezialisiert. Meistens handelt es sich dabei um bestimmte Eiweißstrukturen auf der Oberfläche von Zellen, zu denen sie wie im Schlüssel-Schloss-Prinzip das passende Profil ausbilden. Ist eine B-Zelle einmal zur Gedächtniszelle für eine bestimmte Form von Keimen geworden und zur Produktion entsprechender  Antikörper übergegangen, wird der betreffende Eindringling beim nächsten Kontakt mit dem menschlichen Organismus frühzeitig erkannt und effektiv bekämpft.

Die Wissenschaftler von der Universität Heidelberg konnten nun nachweisen, dass sich im aktiven Krankheitsschub der Multiplen Sklerose die Verteilung von naiven B-Zellen und Gedächtniszellen im Blut entscheidend verändert: Während die Zahl der Gedächtniszellen abnimmt, steigt die der noch nie mit Angreifern in Kontakt gekommenen naiven Zellen an, wodurch die Abwehrreaktion des Körpers insgesamt verzögert verläuft. Doch damit nicht genug. Die Forscher fanden auch eine mögliche Erklärung dafür, durch welche Prozesse die Verteilungsänderung im Blut zustande kommt: Im Hirnwasser (Liquor) der MS-kranken Patienten fanden sich im akuten Schub der Erkrankung ebenfalls B-Zellen, obwohl diese Zellen im Normalfall die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren können. Mehrheitlich waren dabei Gedächtniszellen vertreten, also genau diejenigen, die plötzlich im Blut nicht mehr in entsprechender Zahl zu finden waren. Da gleichzeitig eine erhöhte Konzentration bestimmter Zell-Lockstoffe im Hirnwasser nachzuweisen war, gehen die Forscher davon aus, dass diese sogenannten Chemokine für die B-Zellen das Wander-Signal in Richtung Hirngewebe geben.

Neue immuntherapeutische Ansätze

Wie bei allen Autoimmunerkrankungen besteht auch bei der Multiplen Sklerose der zentrale Mechanismus darin, dass das Immunsystem plötzlich statt fremder Strukturen die des eigenen Körpers anzugreifen beginnt. Im Fall der MS die Schutzhülle von Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark. Abwehrzellen „verwechseln“ die Oberflächeneiweiße von körpereigenen Zellen mit denen von Bakterien oder Viren. Dies wiederum geschieht im Falle der MS in Regionen des Körpers, mit denen unter anderem die Gedächtniszellen sonst nicht in Berührung kommen: dem zentralen Nervensystem.

Die Erkenntnisse der Wissenschaftler stützen damit Forschungsansätze, die sich auf die B-Zellen als Zielscheibe konzentrieren. „Während wir bereits Medikamente zur Verfügung haben, die erfolgreich das Einwandern von B-Zellen ins ZNS verhindern, müssten neue immuntherapeutische Ansätze nun dahin gehen, bereits in den Liquor (also das Hirnwasser) eingewanderte B-Zellen und Plasmazellen zu eliminieren“, so die Leiterin der Studie Prof. Dr. Brigitte Wildemann.

Autor: Anna Stretz / Lifeline
Letzte Aktualisierung: 26. März 2012
Durch: Pressemeldung des Krankheitsbezogenen Kompetenznetz Multiple Sklerose vom 17.01.2012: „Immunzellen auf Abwegen“

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