Akut- und Langzeittherapie

Medikamentöse Behandlung von Multipler Sklerose

Auch wenn die Multiple Sklerose nicht heilbar ist, kann die medikamentöse Therapie den Betroffenen mehr Lebensqualität ermöglichen und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Während bei einem akuten Schub die Gabe von Kortikoiden üblich ist, können weitere Medikamente mit unterschiedlichen Wirkstoffen dazu beitragen, Stärke und Häufigkeit von Schüben zu verringern.

Medikamentöse Behandlung von Multipler Sklerose
Mediakemente helfen MS-Schübe deutlich zu verzögern.
Getty Images/iStockphoto

Darüber hinaus können begleitend Medikamente zur Besserung von spezifischen Symptomen der Multiplen Sklerose eingesetzt werden. Ergänzend können nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Physio- und Ergotherapie sowie ggf. auch eine Psychotherapie durchgeführt werden.

Behandlung akuter Krankheitsschübe

Sollte ein akuter Schub aufhalten, ist die Gabe von hoch dosiertem Kortison über einen Zeitraum von drei bis fünf Tagen üblich. Die Kortisongabe zur Eindämmung der Entzündungsreaktion und Linderung der Symptome erfolgt mittels einer Infusion über die Vene. In der Regel lassen die Beschwerden auf diese Weise schnell nach. Sollte dies nicht der Fall sein, kann eine Erhöhung der Dosis und eine erneute Durchführung der Infusionstherapie notwendig werden.

Zu den möglichen Nebenwirkungen der Kortisontherapie zählen zum Beispiel Schlafstörungen sowie hoher Blutdruck und Magenprobleme. Die Therapie ist daher nur für den Akutfall geeignet.

Sollte die Kortisontherapie keinen Erfolg zeigen, kann in schweren Fällen auch eine spezielle Blutwäsche durchgeführt werden. Spezialisierte MS-Zentren bieten diese sogenannte Plasmapherese an.

Immunmodulation als Langzeit-Therapie

Die günstige Beeinflussung des Immunsystems ist Hauptziel der Langzeit-Therapie bei MS. Bewährt haben sich sogenannte Immunsupressiva sowie Interferon beta.

Bei schweren MS-Verläufen kann zwischen den Schüben die Gabe sogenannter Immunsupressiva angezeigt sein. Zur Verfügung stehen Zellgifte wie Azathioprin, Mitroxantron und Cyclophosphamid.

In älteren Studien konnte eine schubreduzierende Wirkung von Azathioprin gezeigt werden. Der genaue Wirkmechanismus ist nicht bekannt, aber man weiß, dass es die Zellteilung von Entzündungszellen an verschiedenen Stellen des Immunsystems hemmt. Es ähnelt einem Baustein der Erbsubstanz und behindert auf diesem Weg die korrekte Teilung. Mitoxantron stellt in der immunmodulatorischen Stufentherapie der MS die zweite Stufe dar. Es spielt eine wichtige Rolle in der Behandlung verschiedener Krebserkrankungen und unterdrückt die Zellteilung So erreicht es neben Immunzellen alle Zellen, die sich häufig teilen. Der Effekt macht sich also in Gewebetypen bemerkbar, in denen ein großer Zellumsatz besteht, z. B. in bösartigem Tumorgewebe. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass Mitoxantron – insbesondere bei Patienten mit schubförmiger MS und hoher Schubfrequenz – wirksam sein kann. Da bei der Behandlung von Erkrankungen immer Wirkung und Nebenwirkung in Relation zueinander gesehen werden müssen, wird empfohlen, Mitoxantron in erster Linie bei Patienten einzusetzen, bei denen sehr häufig Schübe auftreten und diese nur schlecht abklingen sowie bei Patienten, bei denen die Basistherapie nicht den gewünschten Erfolg zeigt.

Interferon beta entfaltet seine biologische Wirkung an der Oberfläche menschlicher Zellen. Bindet das Interferon-Molekül an die Empfängerstruktur seiner Zielzelle den Rezeptor, werden verschiedenste Reaktionen in Gang gesetzt. Diese Reaktionen sind zwar insgesamt recht gut erforscht, welche Effekte jedoch für die Wirksamkeit der Behandlung mit Interferon beta im Einzelnen verantwortlich sind, kann trotz intensiver Forschung noch nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden.

Interferon beta wird auch im menschlichen Körper gebildet, nur kann er die für die Multiple Sklerose Therapie notwendigen Mengen nicht vollständig selbst produzieren. Die Lösung für dieses Problem hat die Gentechnik geliefert, denn heute kann man Interferon in Zellkulturen produzieren. In die Zellen wird dazu das menschliche Interferon-Gen eingeschleust. Es gibt die Anweisung für die Produktion des Interferonproteins. Interferon beta kann aus Bakterien- oder Säugetierzellen  gewonnen werden. Im Gegensatz zu dem in Bakterienzellen hergestellten Interferon ist das von Säugetierzellen produzierte Interferon identisch mit dem menschlichen körpereigenen Interferon.

Heute stehen unterschiedliche Interferone zur Verfügung. Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Anwendungsweise und Häufigkeit der Injektion. Die Zahl der Injektionen in der Multiple Sklerose Therapie bewegt sich zwischen jedem zweiten Tag unter die Haut bis ein Mal pro Woche in den Muskel. Interferone werden in der Regel gut vertragen, sie können jedoch besonders zu Beginn der Therapie grippeähnliche Symptome (Gliederschmerzen, Schüttelfrost) auslösen. Sie sollten, insbesondere bei Fieber, mit Medikamenten wie beispielsweise Paracetamol oder Ibuprofen behandelt werden Meist verschwinden diese Nebenwirkungen nach einiger Zeit von alleine oder treten zumindest deutlich schwächer und seltener auf.

Eine Alternative zur Interferon beta-Therapie stellt das Glatirameracetat dar. Das Präparat ist in Deutschland seit Ende 2001 für die Therapie des schubförmig remittierenden Verlaufs zugelassen. Glatirameracetat wird täglich einmal unter die Haut gespritzt.

Monoklonale Antikörper in der Multiple Sklerose Therapie

Seit 2006 steht mit dem Wirkstoff Natalizumab auch ein monoklonaler Antikörper zur für die Multiple Sklerose Therapie zur Verfügung. Der Wirkstoff bindet an Rezeptoren bestimmter weißer Blutkörperchen (Leukozyten), die typischerweise für das Entzündungsgeschehen bei Multipler Sklerose mit verantwortlich sind.

Symptomatische Behandlung bei Multipler Sklerose

Wenn im Rahmen der Multiplen Sklerose entsprechende Symptome auftreten, können entsprechende Medikamente zur Symptomlinderung eingesetzt werden. So zum Beispiel Spasmolytika zur Herabsetzung der Muskelspannung oder auch Parasympathikolytika zur Verbesserung der Blasenfunktion. Auch diese symptomatische Behandlung kann dazu beitragen, die Lebensqualität von MS-Patienten zu erhöhen.

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Letzte Aktualisierung: 16. Juli 2007

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