Gute Vorbereitung und Betreuung sind wichtig

Schwangerschaft trotz Diabetes?

Diabetes_Schwangerschaft_getty_98160173.jpg
Eine Schwangerschaft ist unter gewissen Voraussetzungen heute auch für Diabetikerinnen möglich.
(c) iStockphoto

Auch Diabetikerinnen freuen sich auf’s Mutterglück. Im Vorfeld müssen die Weichen richtig gestellt und der Verlauf durch ein kundiges Ärzteteam überwacht werden.

Kinder gehören für viele Frauen zum Leben. Anders als stoffwechselgesunde Frauen sollten Typ-1 und Typ-2 Diabetikerinnen aber bewusst mit diesem Kinderwunsch umgehen und es besser nicht auf eine ungeplante Schwangerschaft ankommen lassen. Denn dann können Risiken für Mutter und Kind die Freude trüben. Wird die Empfängnis dagegen rechtzeitig mit dem Diabetologen und Gynäkologen geplant und vorbereitet, ist eine Schwangerschaft und Geburt eines gesunden Kindes möglich. Mindestens drei, besser noch sechs Monate vor der geplanten Empfängnis sollten mögliche Risiken und erforderliche Vorkehrungen mit beiden Ärzten besprochen werden. Denn generell gelten Schwangerschaften von Diabetikerinnen als Hochrisikoschwangerschaften. Dieses Risiko lässt sich allerdings erheblich reduzieren, wenn die zehn Regeln der Deutschen Diabetes Gesellschaft eingehalten werden:

  1. Schwangerschaft planen und möglichst mit einem HbA1c von unter 7 Prozent, besser noch unter 6,5 Prozent schwanger werden. Dieses Therapieziel sollte für mindestens drei Monate stabil und ohne schwere Unterzuckerungen erreicht sein, bevor in Absprache mit dem Gynäkologen die Verhütung abgesetzt wird. Diese gute Blutzuckereinstellung mindert das Risiko für einen vorzeitigen Abgang (früher Spontanabort) oder von Fehlbildungen beim werdenden Kind entscheidend.
  2. Sich ausführlich beim Diabetologen und Gynäkologen über Schwangerschaft, Geburt und die Zeit nach der Geburt informieren lassen und eine Bestandsaufnahme der eventuellen Diabetes-Folgeerkrankungen und anderen Begleiterkrankungen machen.
  3. Mit dem Rauchen aufhören.
  4. Regelmäßig Folsäuretabletten und Jodtabletten einnehmen. Folsäure * in einer Dosis von 0,4-0,8 Milligramm pro Tag schon mindestens vier, besser sechs Wochen vor der geplanten Empfängnis und bis zu Ende der zwölften Schwangerschaftswoche. Jod in einer Dosis von mindestens 200 Mikrogramm pro Tag ab der Empfängnis. Dies kann durch Folsäure-reiche Lebensmittel, wie grünes Blattgemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Eigelb und Leber, und durch jodiertes Speisesalz unterstützt werden.
  5. Behandlungskonzept überprüfen: Bei Typ-1 Diabetes sind intensivierte konventionelle Insulintherapie * und Insulinpumpentherapie im Ergebnis gleichwertig; eine erneute strukturierte Schulung kann sinnvoll sein. Bei Typ-2 Diabetes muss von Tabletten auf Insulin umgestellt werden, und zwar am besten schon zum Zeitpunkt des Kinderwunsches, spätestens aber sofort nach Feststellung der Schwangerschaft.
  6. Partner oder andere Angehörige über den Umgang mit dem Unterzuckerungs-Notfall-Set informieren: Bei schweren Hypoglykämien, insbesondere bei Typ-1 Diabetes, müssen diese in der Lage sein, die Glukagonlösung zu spritzen.
  7. Ausreichend Zeit für Besuche beim Frauenarzt und Diabetologen einplanen; eine überwiegend telefonische Beratung reicht nicht aus.
  8. Selbständiges Anpassung der Insulindosis an den im Laufe der Schwangerschaft steigenden Bedarf erlernen.
  9. Rechtzeitig in einem Geburtszentrum mit angeschlossener Kinderklinik vorstellen und Blutzucker-Protokoll sowie Mutterpass mitbringen.
  10. Kind stillen

Vorab Begleitrisiken analysieren

In der Vorbereitungsphase sollten die häufig vom Diabetes mitbeeinträchtigten Organe untersucht werden:

  • Der Augenarzt überprüft, ob die Netzhaut bereits Schädigungen aufweist (diabetische Retinopathie) und wenn ja, wie ausgeprägt. Die Retinopathie kann sich durch die Schwangerschaft per se und auch durch ungünstige Blutzuckerwerte verschlimmern. Mit Eintreten der Schwangerschaft und im weiteren Verlauf wird die Untersuchung alle drei Monate wiederholt.
  • Der Nierenfacharzt überprüft ebenfalls bei Kinderwunsch, bei Eintritt der Schwangerschaft und dann alle drei Monate, ob das Eiweiß Albumin mit dem Urin ausgeschieden wird (Albuminurie). Dies ist ein Hinweis auf eine Störung der Nierenfunktion (diabetische Nephropathie). Es ist zwar möglich, trotzdem schwanger zu werden. Die Risiken für Mutter und Kind sind dann aber stark erhöht, sodass das individuelle Risiko zusammen mit dem Nephrologen abgeschätzt werden sollte.
  • Der Diabetologe oder Internist überprüft zum einen, ob eine bei Diabetikerinnen häufigere Schilddrüsenentzündung oder eine Überfunktion vorliegt, zum anderen, ob der Blutdruck erhöht ist oder Veränderungen der Blutgefäße vorliegen. Gegebenenfalls muss auch hier bereits vor dem Eintreten der Schwangerschaft mit der Therapie begonnen bzw. diese umgestellt werden. Bei länger als zehn Jahre bestehender Erkrankung wird zudem überprüft, ob Diabetes-bedingte Störungen an den Nerven (diabetische Neuropathie) vorliegen. Sie können sich als Störung der Magenentleerung, Blutdrucklabilität beim Aufstehen oder als Schwierigkeit, die Frühzeichen einer Unterzuckerung zu erkennen, äußern.

Einstellung der Blutzuckerwerte in der Schwangerschaft

Schwangeren Diabetikerinnen wird viel Selbstdisziplin abverlangt. Der Blutzuckerwert muss häufig gemessen und die Insulindosis angepasst werden, zum einen nach dem Essen, zum anderen an den steigenden Bedarf ab der zweiten Schwangerschaftshälfte.Blutzuckerzielwerte bei positivem Schwangerschaftstest

Zeitpunkt der Blutzucker-Selbstmessungmg/dlmmol/l
Vor dem Frühstück, Mittagessen, Abendessen60-903,3-5,0
1 Stunde nach Beginn der Mahlzeitweniger als 140weniger als 7,7
2 Stunden nach Beginn der Mahlzeitweniger als 120weniger als 6,6
Vor dem Schlafengehen, ca. 22-23 Uhr90-1205,0-6,6
Nachts in der Zeit von 2-4 Uhrmehr als 60mehr als 3,3

Frauen mit Typ-2 Diabetes, die zudem stark übergewichtig sind, müssen damit rechnen, ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel sehr viel Insulin (mehrere Hundert Einheiten) spritzen zu müssen. Schon einige Tage vor dem errechneten Entbindungstermin und in stärkerem Maße mit der Geburt geht der Bedarf deutlich zurück. Zur eigenen Sicherheit ist es ratsam, die Genauigkeit des Blutzucker-Selbstmessgerätes immer wieder vom Diabetologen prüfen zu lassen.

Mögliche Risiken für Mutter und Kind

Kinder von Frauen mit Typ-1 Diabetes haben ein leicht erhöhtes Risiko, ebenfalls diese Stoffwechselkrankheit zu entwickeln. 95 von 10 Kindern haben aber bis zum 20sten Lebensjahr keinen Diabetes. Ob das Wachstum normal verläuft, das Geburtsgewicht normal sein und die Geburt komplikationslos verlaufen wird, hängt maßgeblich davon ab, ob die Blutzuckerwerte nach den Mahlzeiten (postprandiale Werte) straff genug eingestellt werden. Eine zu strenge Einstellung gefährdet aber die Mutter; Unterzuckerungen drohen. Insbesondere Hypoglykämien, bei denen die Schwangere auf fremde Hilfe angewiesen wäre, gilt es unbedingt zu vermeiden. Daher wird Frauen mit Typ-1 Diabetes geraten, vor dem Schlafengehen eine kohlenhydrat- und eiweißhaltige Mahlzeit zu sich zu nehmen, beispielsweise einen Joghurt mit frischen Früchten. Ob sich das Kind normal entwickelt, durch schlechte Stoffwechseleinstellung zu groß oder durch zu strenge Einstellung zu klein bleibt, wird durch die üblichen Ultraschalluntersuchungen abgeklärt. Eine Fruchtwasserpunktion oder Zotten-Gewebeentnahme ist wegen des Diabetes nicht erforderlich, denn zahlenmäßige Chromosomenveränderungen, wie eine Trisomie 21, treten nicht häufiger auf.

Glossar

Intensivierte konventionelle Insulintherapie: Eine Form der Insulintherapie, die grundsätzlich bei Typ-1 Diabetikern und heute auch zunehmend bei Typ-2 Diabetikern angewendet wird. Neben der zweimal täglichen Injektion eines langwirksamen Verzögerungsinsulins (Basis) wird zu den Mahlzeiten jeweils kurzwirksames Insulin (Bolus) gespritzt. Daher wird sich auch als Basis-Bolus-Therapie bezeichnet. Folsäure: Ein wichtiges Vitamin, das mit der Nahrung oder durch Tabletten zugeführt werden muss, da es der Körper nicht selbst synthetisieren kann. Bei einer zu geringen Folsäurezufuhr besteht ein erhöhtes Risiko eines Neuralrohrdefektes (Spina bifida, griechisch für Wirbelspalt).

Autor: Dr. Wiebke Kathmann
Veröffentlicht am: 06. Februar 2012
Letzte Aktualisierung: 08. Mai 2012
Quellen: Scherbaum W.A. (Hrsg.): Diabetes und Schwangerschaft. Patientenversion der Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Kleinwechter H. et al.: Diabetes und Schwangerschaft. Diabetologie 4 (2009; S187-S193

Übersicht: Diabetes

Zum Seitenanfang