Therapien bei Krebs

Moderne Strategien gegen Darmkrebs

Moderne Strategien im Kampf gegen Darmkrebs
Die Krebsmedizin hat in den letzten Jahren wichtige Fortschritte gemacht.
(c) Stockbyte

Krebs – das klingt immer noch wie ein Todesurteil oder zumindest nach quälenden Nebenwirkungen und langen Krankenhausaufenthalten. Doch die Krebsmedizin hat in den vergangenen Jahren wichtige Fortschritte gemacht. Beispiel: Darmkrebs.

Dabei spielen die verbesserte Früherkennung, neue Behandlungsmöglichkeiten und die zunehmend interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Therapeuten eine Rolle.

Krebs ist tückisch. Oft kommt er aus heiterem Himmel. Zum Beispiel bei Heidi Lutter. Im Alter von 45 Jahren blutete sie morgens plötzlich stark, als sie aufs Klo ging. Weil in ihrer Familie bereits Mutter, Oma und Tante jung an Darmkrebs gestorben waren, ging sie sofort zum Arzt. Heute lebt sie krebsfrei, wenn auch mit einem künstlichen Darmausgang. Sie weiß jetzt: Sie und auch ihre Tochter haben eine erbliche Form des Darmkrebs (HNPCC).

Krebs – den Genen auf der Spur

Bei fast einem Drittel aller Darmkrebsfälle lässt sich nach heutigem Ermessen eine familiäre Belastung feststellen. Solche Erbanlagen für Krebs zu haben, heißt aber nicht, dass man in jedem Fall erkrankt. Nur ist das Risiko wie bei Heidi Lutter stark erhöht. Ohne die rasche Diagnose und Therapie wäre sie wie ihre Mutter, Oma oder Tante sicher viel zu jung an Darmkrebs gestorben. Deshalb ist es wichtig nachzuforschen, ob jemand in der näheren Verwandtschaft an Krebs erkrankt ist, vor allem wenn es sehr früh geschah.

Risiken kennen – Chancen nutzen

Wer Verwandte ersten Grades (Eltern, Geschwister) hat, die in jungen Jahren an Darmkrebs erkrankten, kann selbst rechtzeitig Früherkennungsuntersuchungen machen lassen. Es wird empfohlen, in einem Alter zehn Jahre vor dem Alter des Auftretens von Krebs bei dem Angehörigen selbst zur Früherkennungs-Koloskopie zu gehen, spätestens aber mit 50 Jahren. Heidi Lutter, die nicht nur ein hohes erbliches Risiko trägt, sondern auch bereits erkrankt ist, geht jährlich zur Magen- und Darmspiegelung, denn ihr Risiko, ein zweites Mal Darmkrebs zu bekommen, ist hoch. Auch Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen haben ein erhöhtes Risiko, Darmkrebs zu bekommen und sollten daher regelmäßig eine Koloskopie machen lassen. Ein Reizdarm bedeutet dagegen nach einer aktuellen Studie kein erhöhtes Darmkrebsrisiko.

Früherkennung für alle

Für alle nicht erblich vorbelasteten Personen wird eine Krebs-Früherkennungsuntersuchung (Briefchen-Stuhltest) ab einem Alter von 50 Jahren auch unabhängig von einer familiären Belastung empfohlen, denn Darmkrebs tritt mit steigendem Alter immer häufiger auf. Seit 2002 hat jeder Krankenversicherte ab 55 Jahren auch Anspruch auf eine Darmspiegelung (Koloskopie). Diese Früherkennungsuntersuchung hat einen besonderen Vorteil, wie Professor Wolff Schmiegel, Mitinitiator des ersten zertifizierten Darmkrebszentrums im Ruhrgebiet, betont: „Die Koloskopie kann vorsorglich Darmkrebs verhindern. Die Darmpolypen als mögliche Vorläufer von Darmkrebs werden erkannt und entfernt, bevor ein Darmkrebs überhaupt entsteht.“

Darmkrebsfrüherkennung für alle gesetzlich Krankenversicherten

  •     Ab 50 Jahren: einmal jährlich Test auf verborgenes Blut im Stuhl
  •     Ab 55 Jahren: Angebot der Koloskopie
  •     Zweite Darmspiegelung frühestens zehn Jahre nach der ersten
  •     Alternativ statt Koloskopie alle zwei Jahre Test auf verstecktes Blut im Stuhl

Neue Methoden für die Darmkrebs-Früherkennung

Ein moderneres Verfahren für die Darmkrebs-Früherkennung als der Blick durch den Schlauch von hinten in den Darm ist die Kapselendoskopie – einfach das kleine Gerät schlucken und den Magen-Darm-Trakt passieren lassen. Doch diese scheinbar angenehmere Methode hat zwei Nachteile: Zum einen übersieht sie derzeit noch häufiger Veränderungen als die Koloskopie, zum anderen können Polypen, die sich zum Krebs entwickeln können so nicht gleich entfernt werden. Werden sie entdeckt, ist die Entfernung doch wieder nur per Darmspiegelung möglich. Die virtuelle Koloskopie mithilfe der Computertomografie hat den gleichen Nachteil. Außerdem bedeutet sie eine hohe Strahlenbelastung, ist aber für große Tumoren sehr genau. Deshalb kommt sie bei starkem Krebsverdacht und Problemen bei der Durchführung einer normalen Darmspiegelung zum Einsatz.

Krebs-Diagnose Schritt für Schritt

Der Blick des Arztes durch den Schlauch und die Entnahme einer Gewebeprobe (Biopsie) ist der wichtigste Schritt zur Diagnose von Darmkrebs. Stellt der Pathologe, fest, dass das Gewebe Tumorzellen, also Krebs, aufweist, folgen weitere Untersuchungen. So können die Ausbreitung der Erkrankung und für die Behandlung wichtige Merkmale des Tumors festgestellt werden.

In den vergangenen Jahren fanden Wissenschaftler immer neue Tumormarker, die auch in der Presse für Aufmerksamkeit sorgen. So gibt es beim Darmkrebs beispielsweise den Tumormarker CEA (für carcinoembryonales Antigen), der im Blut gemessen wird. Meist – wie auch hier – reichen solche Marker aber nicht zur Diagnose aus, denn sie können auch durch andere Umstände erhöht sein. Sie werden aber gemessen, wenn sich der Tumorverdacht erhärtet hat. Bei der Behandlung zeigt dann das Absinken des Markers an, dass die Therapie erfolgreich ist.

Diagnose bei Darmkrebs-Operation

Endgültig kann das Ausmaß der Darmkrebs-Erkrankung eigentlich erst bei der Operation festgestellt werden. Hier sieht der Chirurg, wie weit der Krebs in benachbarte Organe eingedrungen ist, und stellt fest, ob sich der Krebs über die Lymphbahnen ausgebreitet hat. Das sich aus diesen Erkenntnissen ergebende Tumorstadium ist dann im Weiteren wichtig für die Planung der Behandlung. Die bei der Operation entnommenen Gewebe ermöglichen dem Pathologen auch die Bestimmung besonderer Merkmale des Tumors, die für die moderne Krebstherapie wichtig sind.

Behandlungsplanung im Team

Bei einer fortgeschrittenen Darmkrebs-Erkrankung kann es auch wichtig sein, dass sich bereits vor der Operation alle an Diagnose und Behandlung beteiligten Ärzte in einer Tumorkonferenz beraten, welche Krebs-Therapie dem Patienten empfohlen werden soll. Der Grund: Durch eine Bestrahlung oder vorhergehende Chemotherapie kann ein Tumor manchmal so verkleinert werden, dass er überhaupt operiert werden kann. Mancher Mastdarmtumor kann auch durch eine vorhergehende Bestrahlung so verkleinert werden, dass die Operation langfristig nicht zu einem künstlichen Darmausgang führen muss. Das ist natürlich für das Lebensgefühl des Betroffenen später von großer Bedeutung.

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Kooperation ist bei Darmkrebs gefragt

Die frühe Zusammenarbeit der verschiedenen Spezialisten im Kampf gegen den Krebs hat sich in den letzten Jahren immer mehr durchgesetzt. Ein solches Netzwerk stellen die von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Darmkrebs-Zentren dar. Niedergelassene Ärzte und Therapeuten arbeiten mit Krankenhausärzten Hand in Hand zusammen. Das hat schon zu ersten messbaren Erfolgen geführt: Beim Mastdarmkrebs kann so beispielsweise häufiger als früher ein künstlicher Darmausgang vermieden werden.

Wichtiges Ziel solcher Netzwerke ist das Vorgehen nach Leitlinien. Sie zeigen, was nach wissenschaftlicher Erkenntnis die derzeit beste Medizin gegen diese Krebs-Erkrankung ist. Viele Einrichtungen bieten bereits eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit entsprechend der aktuellen Leitlinien an. Allerdings ist es wichtig, auf die Zertifizierung der Darmkrebs-Zentren zu achten: Ein gutes Darmkrebs-Zentrum stellt sich dieser jährlichen Überprüfung durch externe Gutachter und versucht so, in der Versorgung von Darmkrebspatienten immer besser zu werden.

Zielgerichtete Krebs-Therapie ergänzt Chemotherapie

Je nach Krankheitsstadium und Merkmalen wird Darmkrebs operativ, mit Chemotherapie und Bestrahlung nacheinander oder kombiniert behandelt. In den vergangenen Jahren spielen daneben auch zielgerichtet gegen spezielle Merkmale der Krebszellen gerichtete Wirkstoffe eine Rolle. Die Hoffnung ist, dass so zwar der Krebs bekämpft, die Zellen des übrigen Körpers aber besser als bisher geschont werden können.

So richtet sich der Antikörper Cetuximab gegen ein Molekül, das auf der Oberfläche von Darmkrebszellen deutlich häufiger vorkommt als in anderen Körperzellen. Dieses Molekül unterstützt die Ausbreitung des Tumors in benachbarte Organe und auch die Metastasenbildung. Beides kann durch den Antikörper verhindert werden. Bevacizumab, ein anderer Antikörper im Kampf gegen verschiedene Krebsarten wie auch Darmkrebs, richtet sich nicht gegen die Tumorzellen, sondern hemmt das Wachstum von Blutgefäßen der Krebsgeschwulst und Metastasen. Dem wachsenden Krebs wird so der Nachschub an Sauerstoff und Nährstoffen entzogen. Beide Antikörper werden derzeit kombiniert mit Chemotherapien bei fortgeschrittenem Darmkrebs eingesetzt.

Ersetzen können diese und andere gezielt wirkende Therapien die bewährten Medikamente nach aktuellem Kenntnisstand noch nicht. Und ohne Nebenwirkungen ist auch eine moderne Antikörpertherapie nicht: Bei Cetuximab treten unter anderem häufig Hautausschläge auf, bei Bevacizumab kann es beispielsweise zu Bluthochdruck oder auch Schwierigkeiten bei der Wundheilung kommen. Zudem lösen solche Antikörper manchmal Unverträglichkeitsreaktionen aus und können nicht bei allen Patienten eingesetzt werden. Dennoch haben diese gezielten Therapien die Behandlungsmöglichkeiten erfreulich erweitert – auch da, wo es früher keine Hoffnung mehr gab.

Trotz Chemotherapie zu Hause bleiben

Hieß Chemotherapie und Bestrahlung früher oft, immer und immer wieder wochenlang ins Krankenhaus zu müssen, können heute viele Behandlungen ambulant durchgeführt werden. Entsprechende Stationen im Krankenhaus oder niedergelassene Krebs-Ärzte (Onkologen) führen die regelmäßigen Untersuchungen durch, verabreichen Spritzen und Infusionen, und der Patient kann anschließend nach Hause gehen. Manche Krebsmedikamente können auch als Tablette eingenommen werden, sodass der Darmkrebs-Patient diese Medikamente nach Hause mitbekommt. Für die meisten bedeutet es eine große Erleichterung, während der Behandlung im vertrauten Umfeld statt im anonymen Krankenhaus zu leben.

Dem Ende Leben geben

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Noch immer können lange nicht alle Krebserkrankungen geheilt werden, auch bei Darmkrebs nicht. Krebs bleibt auch mit modernster Medizin ein Kampf auf Leben und Tod. Doch auch für diejenigen, die diesen Kampf verlieren, gibt es Fortschritte: Immer mehr Betroffene können mit einem nicht mehr heilbaren Krebs zu Hause bleiben. Viele krankheitsbedingten Beschwerden in der letzten Lebensphase können weitgehend gelindert werden. Wenn die Versorgung zu Hause unmöglich wird, kann die Betreuung im Hospiz Menschen in der letzten Lebensphase einen Abschied in Würde ermöglichen.

An Krebs-Studien teilnehmen?

Viele neue Medikamente wurden in den vergangenen Jahren entwickelt. Alle müssen zunächst im Labor, dann im Tierexperiment und schließlich in klinischen Studien am Menschen zeigen, dass sie wirksam, sicher und verträglich sind. Vielen Krebs-Patienten wird angeboten, an einer klinischen Studie teilzunehmen. Wenn der Darmkrebs trotz Behandlung fortschreitet, bedeuten solche Studien vielleicht nicht nur Unsicherheiten, sondern auch Chancen durch eine intensive Betreuung und eine möglicherweise wirksame Therapie.

Daneben gibt es auch Studien, die der Verbesserung der aktuellen Versorgung dienen sollen. An ihnen können Darmkrebs-Patienten in jedem Erkrankungsstadium teilnehmen. Für manchen mag es eine Motivation sein, an einer Studie teilzunehmen, um so seinen eigenen Beitrag im großen Kampf gegen den Krebs zu leisten. Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob eine solche Teilnahme für ihn infrage kommt.

Autor: Fredericke Klein
Letzte Aktualisierung: 01. Dezember 2010
Quellen: Wissen & Gesundheit, 03.2010, Seite 14-17

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