Langzeitfolgen des "Zappelphilipp-Syndroms"

ADHS bei Erwachsenen: Symptome und Therapie

Wer hinter ADHS nur eine lästige Störung im Kindesalter vermutet, die sich "auswächst", liegt falsch, wie eine jetzt veröffentlichte US-amerikanische Langzeitstudie belegt: Knapp zwei Drittel der ehemaligen "Zappelphilipp"-Kinder leiden auch als Erwachsene unter psychischen Problemen.

ADHS bei Erwachsenem
Eine ADHS im Kindesalter erhöht das Risiko, als Erwachsener drogenabhängig zu werden oder andere psychische Störungen und Erkrankungen zu entwickeln.
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Die Aufmerksamkeitsdefizit- oder Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS genannt, sollte als chronische Erkrankung behandelt werden wie Diabetes auch. Das fordert William Barbaresi vom Boston Children's Hospital als Konsequenz aus einer Langzeitstudie unter seiner Leitung. Langfristige Versorgungskonzepte seien notwendig.

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Barbaresi und sein Forscherteam hatten in ihre Studie insgesamt 5.718 Kinder einbezogen, die zwischen 1976 und 1982 in Rochester im US-Bundesstaat Minnesota zur Welt gekommen waren. Darunter waren 367 Kinder mit einer diagnostizierten ADHS, umgangssprachlich auch als Zappelphillipp-Syndrom bezeichnet. Von ihnen nahmen 232 an Barbaresis Folgestudie teil.

Befragungen und Tests von erwachsenen ADHS-Patienten

Etwa drei Viertel von ihnen hatten als Kind eine ADHS-Therapie erhalten. Bei allen Studienteilnehmern wurde der Gesundheitsstatus erhoben sowie Sterblichkeitsrate und Todesursachen der ehemaligen ADHS-Kinder und der übrigen Teilnehmer verglichen. Alle Studienteilnehmer wurden zudem einer neuropsychiatrischen Befragung unterzogen.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass ADHS zum einen auch noch im Erwachsenalter fortdauern kann und zum anderen das Risiko für weitere psychische Störungen erhöht: Eine fortdauernde ADHS stellten die Forscher bei 29 Prozent der Personen fest. 81 Prozent von ihnen hatten zumindest eine weitere psychische Erkrankung wie Depression, Angst- und antisoziale Persönlichkeitsstörungen sowie manische Phasen. Auch Substanzmissbrauch oder -abhängigkeit wurden vermehrt festgestellt.

Sieben typische ADHS-Symptome bei Erwachsenen

Erwachsene mit ADHS neigen zu weiteren psychischen Erkrankungen

Das Risiko für weitere psychische Störungen ist schon bei Kindern mit ADHS stark erhöht, wie das Institut für seelische Gesundheit in Mannheim erst kürzlich auf Basis einer Analyse von Daten zur Verschreibung der ADHS-Arznei Methylphenidat in Deutschland vermeldete.

Demnach wurde bei 83 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit ADHS eine psychiatrische Begleiterkrankung diagnostiziert, jedoch nur bei 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Kontrollgruppe. Häufig sind den Informationen des Instituts zufolge gleichzeitige Störungen des Sozialverhaltens. Eine weitere Studie ergab ein um den Faktor 4,3 erhöhtes Risiko für ADHS-Kinder, bis zum Alter von 18 Jahren an einer Depression zu erkranken.

Aber auch für ehemalige ADHS-Kinder, bei denen als Erwachsene keine Hinweise mehr auf die Störung festgestellt wurden, ist die Gefahr, psychisch krank zu werden, größer als bei Erwachsenen, die nie ADHS hatten, stellten die Wissenschaftler vom Boston Children's Hospital jetzt mit ihrer Studie fest.

Höheres Risiko für Depressionen und Suizid durch ADHS

47 Prozent der Teilnehmer, die als Kind ADHS hatten, aber als Erwachsene nicht mehr, litten unter einer anderen psychischen Erkrankung. Insgesamt lag der Anteil der ehemaligen ADHS-Kinder mit einer weiteren psychischen Störung bei 57 Prozent verglichen mit 35 Prozent in der Gruppe der Studienteilnehmer, die als Kind nicht unter ADHS litten.

Außerdem scheint ADHS mit einer Erhöhung des Mortalitätsrisikos sowie der Suizidgefahr einherzugehen: Von den insgesamt 367 Kindern. bei denen ADHS diagnostiziert worden war, lebten sieben (1,9 Prozent) zu Beginn der Folgestudie nicht mehr, drei von ihnen (0,8 Prozent) hatte Suizid begangen. Von den 4946 Kindern ohne ADHS waren 37 verstorben (0,75 Prozent), aufgrund eines Suizids 0,1 Prozent.

Nur etwa ein Drittel der ehemaligen ADHS-Kinder in der Untersuchung am Boston Children's Hospital waren frei von psychischen Störungen – eine Rate, von der Studienleiter Barbaresi vermutet, dass sie in anderen Untersuchungen noch niedriger ausfallen könnte. Denn die Studienteilnehmer stammten weitgehend aus der Mittelschicht und seien gesundheitlich gut versorgt worden. In sozial benachteiligten Gebieten könnten die Folgen von ADHS noch gravierender sein, nimmt der Experte an.

Eltern von ADHS-Kindern rät er, eine hochwertige Therapie sicherzustellen und diese bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter aufrecht zu erhalten. Außerdem sollte bei betroffenen Kindern eventuellen Lernbehinderungen berücksichtigt werden; der Wissenschaftler forderte auch Wachsamkeit im Hinblick auf Störungen, die in Zusammenhang mit ADHS stehen, wie zum Beispiel Drogenmissbrauch, Angststörungen oder Depression.

Anzeichen und Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter

Dauert ADHS bis ins Erwachsenenalter fort, könnten Medikamente wie beispielsweise Ritalin oder Medikinet, mit denen auch Kinder behandelt werden, helfen. Darauf wiesen die vorliegenden Daten hin, berichtet Barbaresi. Allerdings blieben Erwachsene oft unbehandelt, viele Betroffene seien sich ihrer Erkrankung auch nicht bewusst, bedauert der Wissenschaftler.

Zudem sollte die medikamentöse Therapie nicht die einzige Säule einer ADHS-Behandlung bilden: Den größten Erfolg bringt aktuellen Erkenntnissen zufolge die Paarung von Medikament und Psychotherapie, um ADHS in den Griff zu bekommen.

Die Anzeichen von ADHS im Erwachsenenalter umfassen starke Unruhe, einen sehr impulsiven Charakter sowie Aufmerksamkeitsprobleme. Genau wie kindliche "Zappelphilipps" fällt es erwachsenen ADHS-Patienten schwer, ihren Fokus länger auf ein und dieselbe Sache zu richten. Allerdings ist ADHS bei Erwachsenen schwere zu diagnostizieren als im Kindesalter, weil die Symptome auch auf andere psychische Erkrankungen wie eine bipolare Störung oder Depressionen hinweisen können.

Diagnose: Diese Tests verraten ADHS bei Erwachsenen

Um solche Verwechslungen auszuschließen, greift der Arzt zur Diagnose von ADHS auf neuropsychologische Testverfahren zurück. Auch die Befragung nahestehender Personen kann Aufschluss darüber geben, ob jemand an ADHS leidet.

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