Zappelphilipp-Syndrom wächst sich nicht aus

ADHS bei Erwachsenen: Symptome und Behandlung

Die einen müssen "nur noch schnell die Welt retten". Andere verschieben lieber alles auf "morgen". Hinter diesen Liedzeilen könnte mehr als nur gelebte Alltagshektik stecken – nämlich ADHS bei Erwachsenen. Welche speziellen Symptome bei ihnen auftreten und wie diese behandelt werden.

adhs-erwachsener.jpg
Erwachsene mit ADHS sind schnell ablenkbar, können sich schlecht konzentrieren und haben das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen.
iStock

Lange Zeit war ging man davon aus, dass ADHS mit Ende der Pubertät nachlässt und sich "auswächst". Erst in den vergangenen Jahren haben Mediziner festgestellt, dass ADHS auch im Erwachsenenalter eine große Rolle spielt. Heute wird vermutet, dass bis zu 80 Prozent der von ADHS betroffenen Kinder und Jugendlichen auch als Erwachsene Symptome der Störung zeigen. Verschiedene Studien und Untersuchungen zeigen, dass zwischen zwei und sechs Prozent der Erwachsenen ADHS aufweisen. Oft bleibt die Störung aber unerkannt.

Symptome von ADHS bei Erwachsenen

Der Zappelphilipp ist das Sinnbild von ADHS bei Kindern und Jugendlichen: Sie sind ständig in Bewegung und können nicht stillhalten. Dieses typische Anzeichen tritt im Erwachsenenalter oft in den Hintergrund – auch weil Betroffene gelernt haben, ihr Verhalten besser zu kontrollieren. Andere Symptome der Störung machen ihnen dann meist mehr zu schaffen, etwa Probleme, sich zu konzentrieren.

Die Hauptsymptome von ADHS bei Erwachsenen sind:

  • starke (innere) Unruhe und Hyperaktivität: Die Betroffenen sind immer in Bewegung, wippen mit den Füßen, spielen mit den Händen, laufen umher und fühlen sich selbst wie unter Strom. Sie können schlecht abschalten und entspannen und haben Schlafprobleme.

  • impulsiver Charakter: Die Betroffenen sind emotional sehr sprunghaft. Trauer, Wut, Zorn und Angst wechseln sich ab, ohne dass es dafür konkreten Anlass gibt. Die Reaktionen fallen heftig aus, sind im Verhältnis zum Auslöser überzogen (werfen zum Beispiel Sachen an die Wand).

    • zum ADHS-Test für Erwachsene

      Ständig unter Druck, doch am Ende kommt wenig raus? Viele Erwachsene haben ADHS, ohne es zu wissen. Testen Sie hier, ob Sie betroffen sein könnten

    Aufmerksamkeitsprobleme: Erwachsenen mit ADHS fällt es schwer, ihren Fokus länger auf eine Sache zu richten. Sie sind vergesslich, unkonzentriert, sprunghaft und zerstreut. Bei Arbeiten, die ihnen keinen Spaß machen, können sie nicht konzentrieren, sie lassen sich schnell durch äußere Umstände oder auch eigenen Gedanken ablenken.

Welche Folgen hat ADHS bei Erwachsenen?

ADHS bei Erwachsenen wird häufig nicht erkannt, weil es in der Kindheit nicht diagnostiziert wurde. Oft haben die Betroffenen einen langen Leidensweg hinter sich: Sie haben zum Teil massive Schwierigkeiten im Berufsleben und in zwischenmenschlichen Beziehungen, können ihren Alltag nicht gut organisieren. Das Gefühl, nichts auf die Reihe zu bringen und das Sammeln negativer Erfahrungen führen zu einem mangelnden Selbstwertgefühl, einer pessimistischen Grundeinstellung (Schwarzmalerei) und oft zu psychischen Erkrankungen.

Typische Verhaltensweisen von Erwachsenen mit ADHS sind zum Beispiel:

  • Sie brechen die Ausbildung ab oder wechseln häufig den Job.

  • Betroffene setzen sich selbst ständig unter Druck, sind hektisch, fühlen sich gestresst und denken, dass sie nichts leisten.

  • Es wird immer viel gemacht und begonnen, jedoch keine Baustelle zu Ende gebracht – oder sie leiden an "Aufschieberitis" und beginnen ungeliebte Aufgaben erst gar nicht oder auf den letzten Drücker.

  • Sie haben Probleme im Straßenverkehr wie schnelles Fahren, impulsives Reagieren, häufige Unfälle.

  • Sie haben Probleme in der Kommunikation mit anderen: Betroffene hören nicht richtig zu, fallen anderen ins Wort, machen unpassende Kommentare oder bleiben nicht beim Thema.

  • Sie verlegen oder verlieren Schlüssel, Handys und andere Alltagsgegenstände.

  • Sie sind chaotisch und unfähig Ordnung zu halten. Dies kann sich bis zum zu Messie-Syndrom steigern.

  • Sie sind unpünktlich, vergessen Termine und Absprachen.

  • Sie sind fahrig und schusselig, machen Flüchtigkeitsfehler.

  • Sie haben oft Geldprobleme, bedingt durch die nicht vorhandene Fähigkeit Dinge zu überblicken, zu planen und zu organisieren.

Suchtverhalten und psychische Erkrankungen bei erwachsenen ADHS-Betroffenen

Knapp zwei Drittel der ehemaligen "Zappelphilipp"-Kinder leiden als Erwachsene unter psychischen Problemen, wie verschiedene Untersuchungen und Langzeitstudien ergaben: Ein Großteil hat zumindest eine weitere psychische Erkrankung wie Depression, Angst- und antisoziale Persönlichkeitsstörungen sowie manische Phasen. Das Suizid-Risiko ist erhöht, Alkoholmissbrauch, Drogenabhängigkeit und der Hang zu anderen Suchtverhalten (Internetsucht, Spielsucht, Kaufsucht, Sexsucht) werden vermehrt festgestellt.

ADHS bei Erwachsenen beeinträchtigt auch die Partnerschaft

Die Beziehung mit einem erwachsenen ADHSler gestaltet sich oft schwierig und konfliktreich. Der Ehe- oder Lebenspartner muss sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen haben. Nicht nur, dass die zwischenmenschliche Kommunikation gestört ist. Oft entstehen Konflikte, weil der andere die Organisation des Alltags, das Management von Terminen, Einkäufen, und Finanzen übernehmen muss und obendrein sich durch Stimmungsschwankungen, emotionale Ausbrüche und Nichtbeachtenwerden missverstanden fühlt. Erwachsene mit ADHS wechseln häufig die Partner oder haben Scheidungskarrieren hinter sich.

Erwachsene mit ADHS haben viele Stärken

Die Symptomatik einer ADHS im Erwachsenenalter kann belastend und problematisch sein. Sowohl Betroffene als auch deren Umfeld sehen oft nur die negativen Eigenschaften.

Jedoch sollte nicht vergessen werden, dass Menschen mit ADHS viele Stärken haben: Sie verfügen häufig über eine ausgeprägte Kreativität, gelten als flexibel, sensibel, neugierig, können Querdenker, Ideengeber und streitbare Zeitgenossen sein. Wenn sie für eine Sache brennen, können sie durchaus sehr ausdauernd, konzentriert und verbissen dafür arbeiten.

Wie wird ADHS bei Erwachsenen diagnostiziert?

Bei Erwachsenen ist eine Diagnose ADHS schwieriger zu stellen als im Kindesalter. Das offensichtlichste Anzeichen – die Hyperaktivität – ist nicht so ausgeprägt beziehungsweise die Betroffenen haben gelernt, diese besser zu kontrollieren. Zusätzlich sind ADHS-Symptome bei Erwachsenen auch typisch für bestimmte psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Borderline-Syndrom.

Weil die Störung im Erwachsenenalter noch nicht so lange anerkannt ist, ist es oft schwer, Spezialisten für die Behandlung der ADHS von Erwachsenen zu finden. Inzwischen gibt es jedoch an einer Reihe von Universitätskliniken und medizinischen Hochschulen Spezialambulanzen, die sich mit der Diagnostik der Störung bei Erwachsenen beschäftigen.

Zur Diagnose stehen mittlerweile standardisierte, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelte Verfahren zur Verfügung, die auch von Hausärzten zunehmend genutzt werden.

Beim Verdacht auf ADHS unterscheidet sich die Diagnostik bei Erwachsenen nicht von der bei Kindern. Sie setzt sich zusammen aus:

  • Anamnese: Welche Symptome treten wann und wie lange schon auf? Gab es bereits in der Kindheit Symptome? Werden Medikamente eingenommen? Wurden psychische Erkrankungen bei dem Betroffenen diagnostiziert?

  • körperlicher Diagnostik: Bestimmung von Blutwerten, EKG und Schilddrüsen-Untersuchung zum Ausschluss organischer Ursachen,

  • Befragung von Bezugspersonen und Partnern,

  • Fragebogen zur Selbstbeurteilung des Patienten,

  • neuropsychologischen Testverfahren, bei denen zum Beispiel Konzentrationsvermögen Aufmerksamkeit und kognitive Fähigkeiten untersucht werden.

Behandlung von ADHS bei Erwachsenen

Für Menschen mit ADHS, die stark unter der Störung leiden,  kann die Diagnose oft ein erster Befreiungsschlag sein. Nicht immer ist eine Behandlung nötig. Viele Betroffene haben über die Jahre für sich Strategien entwickelt, um gut damit leben zu können. Nur wenn die Betroffenen selbst stark leiden, wenn das private, berufliche Leben und die Sozialkontakte beeinträchtigt sind, ist eine Behandlung angebracht.

Das Ziel einer Behandlung sollte darin liegen, nicht nur die Schwächen durch hartes Training zu "übertünchen". Die eigenen vielfältigen Potenziale wieder ans Tageslicht zu holen, kann beflügelnd und motivierend für das weitere Leben von Erwachsenen mit ADHS sein.

Die Therapie von ADHS bei Erwachsenen gleicht im Wesentlichen der von Kindern und Jugendlichen. Das multimodale Behandlungskonzept umfasst:

  1. Psychoedukation: Die Betroffenen erhalten umfassende Information und Beratung über ADHS. Man geht davon aus, dass die Behandlung umso erfolgreicher ist, je besser der Patient über alle Aspekte von ADHS informiert ist.

  2. Psychotherapie: Im Rahmen einer Verhaltenstherapie lernen die Betroffenen, mit den ADHS-Symptomen besser umzugehen, wieder Selbstwertgefühl zu entwickeln und ihre eigenen Stärken zu erkennen. Vermittelt werden Strategien zur Lösung von Alltagsproblemen, Übungen zur Verbesserung der Konzentration, Methoden zur Selbstorganisation, zum Beherrschen von emotionalen Ausbrüchen und zum Erkennen und Auflösen von belastenden Denk- und Verhaltensmustern. Die Verhaltenstherapie kann in Einzel- und Gruppentrainings erfolgen. Auch weitere Methoden wie Neurofeedback oder Entspannungstechniken können angewandt werden, um Aufmerksamkeit und Konzentration zu schulen.

  3. Einsatz von Medikamenten: Wirkstoffe, die vor Jahren nur bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt wurden, haben inzwischen auch eine Zulassung für Erwachsene erhalten. Dabei handelt es sich um die Substanzen Methylphenidat (Ritalin, Medikinet) und Atomoxetin (Strattera). Diese Medikamente setzen direkt bei den Botenstoffen im Gehirn an und beeinflussen die Reizverarbeitung. Die Betroffenen werden aufmerksamer und können sich besser konzentrieren.

Der Einsatz von Medikamenten ist dann angebracht, wenn Verhaltenstraining und Coaching allein nicht zum Ziel führen, weil die Symptome stark ausgeprägt sind. Den größten Erfolg bringt aktuellen Erkenntnissen zufolge die Kombination aus Medikamentengabe und Psychotherapie, um ADHS-Symptome auch bei Erwachsenen in den Griff zu bekommen und ihnen ein normales Leben zu ermöglichen.

ADHS bei Erwachsenen: Sieben typische Symptome

 

Autor:
Letzte Aktualisierung: 28. April 2017
Durch: es
Quellen: Leitlinie (in Überarbeitung) "Hyperkinetische Störungen": http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/028-019l_S1_Hyperkinetische_Stoerungen_ADHS_01.pdf (abgerufen 28.04. 2017); Pressemitteilung des Boston Children's Hospital vom 04.03.2013: "ADHD takes a toll well into adulthood; William J. Barbaresi et al., " Mortality, ADHD, and Psychosocial Adversity in Adults With Childhood ADHD: A Prospective Study", in "Pediatrics online", März 2013 Ärztezeitung online, Ausgabe vom 14.02.2013: "ADHS - Meist kommt weitere Krankheit dazu" Neuy-Bartmann, Astrid: ADHS im Erwachsenenalter, URL: http://www.adhs-deutschland.de/Home/ADHS/Erwachsene/ADHS-im-Erwachsenenalter.aspx, abgerufen 28.04. 2017; Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte e.V.: ADHS bei Kindern und Jugendlichen (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung): Aktualisierte Fassung Januar 2007, mit Update des Kapitels „Medikamentöse Therapie“ März 2014; abgerufen 28.04.2017;