ADHS - Keine Frage des Alters
Zappelkinder werden erwachsen
Hyperaktivität ist keine Kinderkrankheit. Nach wissenschaftlichen Schätzungen behalten 30 bis 50 Prozent der betroffenen Kinder diese Störung auch als Erwachsene. Demnach leiden etwa eineinhalb bis zweieinhalb Prozent der erwachsenen Deutschen an einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS). Diagnostiziert und angemessen behandelt wird sie bei Erwachsenen jedoch nur selten.
"ADS ist eine Disposition, die man sein Leben lang behält", sagt Barbara Högl vom Arbeitskreis Überaktives Kind e. V. in Berlin. "Aber je nach den äußeren Einflüssen entwickelt sich ADS zu einem massiven Problem oder eben nicht." Wurde die Störung in der Kindheit nicht diagnostiziert, erfahren Erwachsene oft erst nach vielen unerklärlichen Misserfolgen, dass es dafür eine Ursache gibt. Oft werden sie durch ihre Kinder, die an ADS leiden, auf das Thema aufmerksam, erklärt Cornelia Wright vom Berliner Arbeitskreis.
Das Krankheitsbild ist schillernd
Erwachsene mit ADS leiden grundsätzlich an denselben Symptomen wie hyperaktive Kinder: Mangel an Aufmerksamkeit, Impulsivität und emotionale Instabilität. Häufige Wechsel des Arbeitsplatzes, eine unordentliche Wohnung, ein Hang zu gefährlichen Sportarten - ADS kann sich vielseitig äußern. Erwachsene mit ADS haben Probleme ihren Alltag zu organisieren, leiden an heftigen Stimmungswechseln und mangelnder Konzentrationsfähigkeit.
Die motorische Überaktivität kann bei Erwachsen fehlen. Die Ausprägung der Symptome unterscheidet sich altersbedingt von denen der Kinder. Angsterkrankungen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen sind häufig Begleiterscheinungen einer unbehandelten ADS; in ungünstigen Fällen werden hyperaktive Erwachsene süchtig.
Die ADS-Diagnose kann eine Offenbarung sein
Bei Erwachsenen ist die Diagnose von ADS ein Problem, nicht nur weil erfahrene Ärzte rar sind. Die Störung muss seit dem Kleinkindalter nachweisbar sein: Der Patient und mindestens eine Bezugsperson sollten über ADS-Symptome in der Kindheit berichten können. Auch Schulzeugnisse und andere Beurteilungen können aufschlussreich sein. Die Diagnose kann dem Betroffenen schon sehr weiterhelfen. Für Cornelia Wright "war sie eine Offenbarung. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich zu mir stehen: Ich bin so, ich darf so sein."
Therapieangebote für Erwachsene sind rar
Wie die Diagnose ist auch die Behandlung von hyperaktiven Erwachsenen in Deutschland noch wenig entwickelt. Erwachsene mit ADS werden ebenso wie hyperaktive Kinder mit dem Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin, Medikinet) behandelt. Er wirkt bei zirka drei Viertel der hyperaktiven Patienten und hat selten Nebenwirkungen. Daneben werden Fenetyllin, Pemolin, Amphetamine und Antidepressiva zur Behandlung eingesetzt. Langzeitstudien zeigen, dass das Leben von Patienten, die keine Medikamente nehmen, ungünstiger verläuft, als die von medikamentös behandelten. Besonders das Suchtverhalten ist danach ohne Arzneimittel erhöht. Zusätzlich zur Medikation haben sich die Verhaltenstherapie und eine psychotherapeutische Behandlung bewährt. Doch Therapieangebote sind bislang selten. Am meisten würde hyperaktiven Erwachsenen das Verständnis ihrer Umwelt helfen, meint die betroffene Cornelia Wright. Denn: "ADSler sind einfach andersartig."








