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Medikamentöse Therapie

Ritalin - Wunderpille oder Teufelszeug?

Das Medikament Ritalin verwandelt hyperaktive Kinder: Zappelige und leicht ablenkbare Kinder spielen plötzlich konzentriert und folgen dem Unterricht. Während Befürworter die Wirksamkeit des Medikaments schätzen, warnen Gegner davor, Kinder medikamentös ruhig zu stellen und weisen auf schädliche Nebenwirkungen hin.

In Deutschland leiden rund 320.000 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 16 Jahren an Hyperaktivität, der so genannten Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS). Ein Drittel von ihnen ist behandlungsbedürftig, erklärte der Forchheimer Kinder- und Jugendarzt Dr. Klaus Skrodzki bei der letzten Jahrestagung der Kinder- und Jugendärzte in Karlsruhe. Über die Behandlung mit dem Wirkstoff Methylphenidat (Handelsname Ritalin, Medikinet) sind sich die Fachleute jedoch uneinig: Wird das hochpotente Psychopharmakon zu häufig oder zu selten verschrieben? Und wie steht es mit Nutzen und Risiko des Medikaments?

Immer mehr Kinder bekommen Ritalin

Ritalin wird in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre immer häufiger verschrieben. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte stieg der Verbrauch an Methylphenidat zwischen 1993 und 1997 von 34 auf 119 Kilogramm pro Jahr. Dennoch hat der Verband der Kinder- und Jugendärzte darauf hingewiesen, dass hier zu Lande jährlich nur etwa 20 bis 25 Prozent der ADS-Kinder Ritalin verordnet würde, während in den USA etwa 80 Prozent dieser Kinder entsprechend behandelt würden. In den USA ist alleine die Verordnung von Ritalin für zwei- bis vierjährige Kinder in den vergangenen zwei Jahren um das 40fache gestiegen.

Ritalin nur bei eindeutiger Diagnose verordnen

Der Arzt sollte Ritalin nur dann verordnen, wenn mit Sicherheit ADS vorliegt und die Erkrankung die Entwicklung des Kindes gefährdet. Eine alleinige Behandlung mit Ritalin wird nicht empfohlen, denn sobald die Wirkung nachlässt, fallen die Kinder in ihr altes Verhalten zurück. "Ich bin schlichtweg dagegen, dass man nur ein Medikament gibt", sagt Dr. Michael Huss, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Charité in Berlin. "Sie müssen sich jeden Fall einzeln anschauen. Und für dieses Kind individuell eine Art Behandlungsplan entwickeln." Die Ritalin-Behandlung setzt meist ab dem vierten oder fünften Lebensjahr ein und dauert mindestens ein halbes Jahr, eventuell bis zur Pubertät. Kindern unter vier Jahren wird anstelle von Ritalin ein Amphetaminsulfatpräparat empfohlen.

Ritalin wirkt beruhigend, doch nicht lähmend

Ritalin ist eigentlich ein Aufputschmittel. Bei hyperaktiven Kinder hat es jedoch eine gegenteilige Wirkung: Sie werden nach der Einnahme ruhig und bleiben geistig dennoch wach. Der Wirkstoff Methylphenidat verändert den gestörten Stoffwechsel von Dopamin, einem Botenstoff im Gehirn: Die Dopamin-Konzentration im Gehirn steigt an und ermöglicht eine störungsfreie Reizleitung zwischen Nervenzellen. US-Forscher Martin Teicher und seine Kollegen aus Massachusetts konnten mit Hilfe einer neuen Aufnahmetechnik zeigen, dass Ritalin bei hyperaktiven Kindern zuvor blockierte Gehirnareale aktiviert. Bei rund 80 Prozent der Kinder bewirkt das Medikament einen Besserung. Schon 20 bis 30 Minuten nach Einnahme zeigt sich die Wirkung. Nach sechs Stunden lässt sie wieder nach. Der Wirkstoff wird vom Körper vollkommen ausgeschieden und kann später nicht mehr im Blut nachgewiesen werden.

Langfristige Nebenwirkungen sind nicht bekannt

Als Nebenwirkungen von Ritalin können Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Bauch- und Kopfschmerzen auftreten. Die Nebenwirkungen lassen sich in den Griff bekommen, meinen Experten. Sie stünden in der Regel in keinem Vergleich zum Nutzen des Präparats. Langzeitnebenwirkungen sind nicht bekannt. Das Medikament macht nicht körperlich abhängig. Auch der Vorwurf, Ritalin erhöhe das Risiko einer Drogenabhängigkeit, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Alternativen zur Pille

Mancherorts werden Trainingskurse für hyperaktive Schulkinder angeboten. Dort trainieren die Kinder bestimmte Verhaltensweisen. Das klappe ganz gut, urteilt Dieter Krowatschek vom Schulpsychologischen Dienst des Staatlichen Schulamts im Kreis Marburg-Biedenkopf. Seiner Beobachtung nach sind Kinder unter dem Einfluss von Ritalin teilweise aphatisch, ängstlich und ihre Kreativität verschwindet. Krowatschek empfiehlt: "Ehe Eltern zur Medikation greifen, sollten sie erst alles andere ausschöpfen."


Autor: Springer Medizin
Stand: Feb 6, 2008


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