Hyperaktivität
Wild, wilder, hyperaktiv?
Immer in Bewegung zu sein, Wut und Trauer lautstark zum Ausdruck bringen und ein gewisses Liebäugeln mit gefährlichen Aktionen sind normale kindliche Eigenschaften. Doch Eltern besonders wilder Sprösslinge fragen sich vielleicht: "Ist mein Kind normal oder ist es hyperaktiv?"
Hyperaktivität wird heute von Fachleuten als Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS) bezeichnet. Sie unterteilen in den hyperaktiven-impulsiven und den unaufmerksamen Typ. Hyperaktive ADS-Kinder unterscheiden sich von anderen Kindern meist seit ihrer Geburt. Als Babys schreien sie viel, schlafen wenig und sind leicht reizbar. Als Kleinkinder können sie nicht spielen und entwickeln sich nicht altersgemäß. ADS-Kinder sind unaufhörlich in Bewegung, lassen sich leicht ablenken, erregen sich schnell, reden viel und sind nicht zu bremsen. Sie können nicht zuhören, warten oder verlieren. Sie verunglücken häufig, da sie Gefahren nicht erkennen. In Kindergarten und Schule sind sie oft Klassenclown oder Außenseiter. Eine Lese- und Rechtschreibschwäche ist häufig. Viele "Hypies" besuchen Sonderschulen und haben schlechte Schulabschlüsse, obwohl die Intelligenz von der Störung nicht beeinträchtigt wird. Durch häufige Misserfolge und negative Reaktionen ihrer Umwelt haben hyperaktive Kinder wenig Selbstwertgefühl, leiden an Depressionen und reagieren aggressiv. ADS ohne Hyperaktivität wird selten diagnostiziert, weil diese Kinder weniger störend auffallen. Sie sind ruhig, verträumt, langsam und ermüden schnell. Ohne Behandlung versagen auch diese Kinder später häufig in der Schule.
Die Diagnose ist aufwendig
ADS ist laut Oberarzt Dr. Michael Huss der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Charité in Berlin "eine der am schwierigsten zu diagnostizierenden Störungen in der Psychiatrie, weil die Symptome so unspezifisch sind". Zwar gibt es Experten-Richtlinien für die Diagnose. Aber: "Das Problem bei diesen Standards ist, dass sie extrem aufwendig sind", erklärt Dr. Huss. Um sich ein Bild über das Kind zu machen, sollte der Arzt Gespräche mit dem Kind, den Eltern und anderen Bezugspersonen führen und sein Verhalten beobachten. Auch körperliche und neurologische Untersuchungen (Bluttest, EEG) und ein Intelligenztest sollten gemacht werden. Nicht alle Ärzte können oder wollen so eine umfassende ADS-Diagnose stellen. "Die Kinderärzte haben keine psychologische-psychiatrische Ausbildung und sie haben die Zeit nicht", sagt Dr. Huss. Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie dagegen gebe es gemessen an der Masse der betroffenen Kinder zu wenige.
Es gibt internationale Kriterien für ADS
Mediziner diagnostizieren ADS unter anderem nach einem Fragebogenkatalog der Weltgesundheitsorganisation, den ICD-10-Leitlinien oder den ähnlichen DSM-IV-Kriterien der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung. Darin wird nach Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität gefragt.
Zusätzlich müssen für die Diagnose von ADS folgende Symptome gelten:
- sie müssen vor dem siebten Lebensjahr begonnen haben
- länger als ein halbes Jahr andauern
- in mehr als einem Lebensbereich auftreten (etwa Familie und Schule)
- zum sozialen und schulischen Versagen des Kindes führen
- stark von den Verhaltensweisen Gleichaltriger abweichen
Ist ADS eine Modediagnose?
Die Zahl der Kinder, bei denen ADS diagnostiziert wird, steigt stetig. In den USA erhöhte sie sich seit 1990 von 900.000 auf fünf Millionen. Auch in Deutschland gibt es immer mehr ADS-Kinder: Rund 320.000 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 16 Jahren sind betroffen. Ist ADS eine Modediagnose? "Ich denke, das hat eher damit zu tun, dass dieses Störungsbild in das Bewusstsein gerückt ist. Wir müssen nur aufpassen, dass nicht jedes Kind, das irgendwie Probleme hat, sofort diese Diagnose erhält", meint Dr. Huss. "Ein Großteil wird diese Diagnose wahrscheinlich zu Recht bekommen, aber wie immer kann so etwas übers Ziel hinausschießen." Bei einem ADS-Verdacht sollten sich Eltern an einen erfahrenen Arzt, Kinderpsychologen oder Kinderpsychiater wenden. Elternitiativen und Selbsthilfegruppen können hilfreiche Adressen vermitteln.








