Schaukeln, trampeln, zappeln

Warum sind Hyperaktive immer in Bewegung?

Er gaukelt, schaukelt, trappelt und zappelt. Wer kennt ihn nicht, den Zappelphilipp aus dem "Struwwelpeter"? Die Kinderbuchfigur des Arztes Heinrich Hoffmann verkörpert auch rund 160 Jahre nach der ersten Veröffentlichung treffend ein hyperaktives Kind. Was macht diese Kinder so hibbelig?

Der Volksmund spricht von Hyperaktivität, Fachleute von einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS) ohne oder mit Hyperaktivität (ADHS). Bei ADS-Kindern führen überschießender Bewegungsdrang, Konzentrationsschwäche und mangelndes Gefahrenbewusstsein häufiger als normal zu Missgeschicken und Unfällen. In Kindergarten und Schule ecken diese Kinder an. Da etwa vier Prozent aller Kinder weltweit unter ADS leiden, bedeutet das statistisch gesehen: In jeder Schulklasse und Kindergartengruppe ist ein Kind von ADS betroffen. Gewöhnlich werden die Kinder zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr auffällig. Jungen sind mindestens dreimal so häufig hyperaktiv wie Mädchen.

Ursache von ADS liegt im Gehirn

Forscher sind sich heute einig, dass ADS einen biologischen Ursprung hat und nicht durch gesellschaftliche Probleme oder falsche Erziehung ausgelöst wird. Durch einen Fehler der Hirnfunktion können die Betroffenen Umweltreize nicht filtern, sondern nehmen ständig Neues auf. Da hyperaktive Kinder wichtige und unwichtige Sinneseindrücke nicht voneinander trennen können, fällt es ihnen schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Experten gehen davon aus, dass es Faktoren gibt, die die Entstehung der Krankheit günstigen. Hierzu gehören starkes Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft, eine zu frühe Geburt, eine hohe Bleibelastung in der frühen Kindheit und Hirnverletzungen. Zappeligkeit ist erblich: Leidet ein Elternteil an Hyperaktivität, haben die Kinder ein 50-prozentiges Risiko zu erkranken.

Botenstoffe arbeiten vermutlich nicht korrekt

Die biologischen Vorgänge sind noch nicht bis in alle Einzelheiten erforscht. Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass bei der Erkrankung ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn vorliegt, die Informationen zwischen den Nervenzellen übertragen. Die Botenstoffe Dopamin, Noradrenalin und Serotonin arbeiten bei Hyperaktiven offenbar nicht korrekt. Dies führt zu einer gestörten Reizübertragung und somit zu einer veränderten Hirnfunktion. Genetischen Studien zufolge sind die Gene der Dopamin-Andockstellen und des Dopamin-Transportergens bei Menschen mit ADS andersartig. Wissenschaftler vermuten jedoch, dass nicht ein, sondern mehrere fehlerhafte Gene für die Erkrankung verantwortlich sind.

Teile des Gehirns sind bei Hyperaktiven kleiner

Neue Techniken, um das Gehirn aufzunehmen, zeigen überdies, dass bei Hyperaktiven drei Hirnbereiche kleiner sind als bei gesunden Kontrollpersonen: das rechte vordere Stirnhirn, zwei der Basalganglien und der Wurm des Kleinhirns. Diese Areale steuern mit Hilfe von Dopamin Aufmerksamkeit und Bewegungen. Die Abweichungen im Gehirn von Menschen mit ADS könnten laut Russel Barkley vom Medizinischen Zentrum der Universität von Massachusetts in Worcester die Ursache der zentralen Probleme des Syndroms sein: Die mangelhafte Hemmung von Verhaltensimpulsen und eine zu schwache Selbstkontrolle. Denn um ein Ziel zu erreichen, müssen störende Gefühle und Impulse unterdrückt werden können.


Autor: Springer Medizin
Stand: Feb 6, 2008


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