Diabtes Mellitus
Schluss mit den Diabetes-Mythen
Diabetes Mellitus - kaum eine andere Volkskrankheit bietet mehr Raum für Mythen und Richtungskämpfe.
Was ist heute gesichert, und was ist überholt - einen Überblick gibt Hausarzt Dr. med. Alfred Haug.
Bekommt man Diabetes, wenn man zu viel Süßes ist? Und gibt es eine Diabetes-Diät?
Typ 2-Diabetes entwickelt sich bei entsprechend disponierten Menschen (Blutzuckererkrankungen in der Familie?), insbesondere wenn sie übergewichtig sind. Damit ist auch schon die wichtigste vorbeugende Maßnahme klar: Gewichtsreduktion durch Umstellung auf eine kalorien- und fettreduzierte Ernährung und mehr Bewegung. Diätetische Lebensmittel, die statt Glukose Zuckerersatzmittel enthalten, sind für den Diabetiker dagegen sinnlos. Wir Ärzte wissen das - aber weiß es auch der Patient?
Ist der HbA1c-Wert entscheidend für die Lebenserwartung des Diabetikers?
Nicht allein. Entscheidend ist vielmehr sein individuelles Herz-Kreislauf-Risiko, das sich aus mehreren Faktoren wie Alter, Blutdruck, Cholesterin, HbA1c, Nikotinabusus und familiärem Arteriosklerose-Risiko zusammensetzt. Mit modernen Risikorechnern wie z.B. ARRIBA kann der Arzt am Computer gemeinsam mit dem Patienten durchkalkulieren, welche Maßnahme sich wie auf das individuelle Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko auswirkt. Speziell beim älteren Diabetiker ist ein HbA1c-Wert bis acht Prozent, insbesondere bei erhöhtem Hypoglykämie- (Unterzuckerungs-) und/oder Sturzrisiko durchaus akzeptabel.
Welche Diabetes-Medikamente haben sich bewährt?
Nach wie vor haben sich Metformin-Präparate beim übergewichtigen und Sulfonylharnstoffe (Glibenclamid, Glimepirid) beim normalgewichtigen Diabetiker am besten bewährt. Häufige Nebenwirkungen sind Blähungen und Durchfälle unter Metformin und (oft auch unbemerkte nächtliche) Unterzuckerungen bei den Sulfonylharnstoffen. Alle anderen Medikamente haben Reservecharakter. Die Kombination von Metformin und Sulfonylharnstoffen ist laut UKPDS-Studie problematisch, besser ist es Metformin ggf. durch eine kleine Dosis Basalinsulin zur Nacht zu ergänzen.
Gibt es "gute" und "schlechte" Antihypertensiva (Medikamente gegen Bluthochdruck) beim Diabetes?
ACE- und AT1-Hemmer sind gute, Betablocker und Diuretika "schlechte" Begleitmedikamente beim Typ 2-Diabetes. Das war lange Lehrmeinung, inzwischen hat sich die Sicht relativiert. Entscheidend ist auch hier die Wahl entsprechend der Begleitkrankheiten: Natürlich muss bei bestehender KHK (Erkrankung der Herzkranzgefäße) ein Betablocker und bei hydropischer Herzinsuffizienz (Herzschwäche mit Flüssigkeitsansammlungen im Bereich von Füßen, Unterschenkeln oder der Lunge) ein Diuretikum eingesetzt werden. Zwar haben Betablocker und Thiazid-Diuretika tatsächlich eine "diabetogene" Wirkung. Dass Patienten dadurch Schaden nehmen, ist in Studien jedoch bisher nicht belegt.
Ist es sinnvoll, nach einem "Prä-Diabetes" zu forschen?
Diese immer wieder diskutierte Frage hat mit der jüngsten Leitlinie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft neuen Aufwind erhalten. Ist ein Nüchternblutzucker von 100 – 125 mg % (Definition von Prä-Diabetes) bereits ein eigenständiger Risikofaktor? Sollen diese Patienten mit dem oralen Glukosetoleranz-Test durchgetestet werden? Oder ist das "disease-mongering", will heißen Propagierung "erfundener Krankheiten" zu wirtschaftlichem Zwecke? Hier sind noch viele Fragen ungeklärt - ein abwartendes Beobachten ist sicher nicht die schlechteste Option.






