PD Dr. med. Thomas Ellrott

Ernährungsumstellung bei Adipositas und Diabetes

Natürliche Motivationshilfen nutzen

Ernährungsberatung ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie bei Diabetes und Adipositas. Berücksichtigt sie wesentliche Motive, die das Essverhalten steuern, steigt die Erfolgsrate, davon ist Privatdozent Dr. Thomas Ellrott überzeugt. Welche Motive das sind, darüber gab der Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen am Rand der gemeinsamen Tagung der DDG und DAG Auskunft.


Lifeline

Wie wichtig ist das Lebensalter beim Erlernen einer gesunden Ernährungsweise?

Dr. Ellrott

Vieles, was wir als Kinder über das Essen gelernt haben, bleibt erhalten. Aber es ändern sich die Motive bei der Auswahl von Speisen. Das wichtigste Motiv für das Gros der Verbraucher ist, dass es gut schmeckt. Das zweitwichtigste, dass die Zubereitung schnell und einfach geht, das drittwichtigste Motiv ist immer noch nicht die Gesundheit, sondern der Preis. Das Essen soll günstig sein! Motive, die etwas mit Gesundheit zu tun haben, folgen erst an vierter oder fünfter Stelle. Genuss und Geschmack sind Belohnungen, die ich beim Essen sofort abrufen kann. Gesundheitsaspekte nicht.

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Wie bewirkt man eine Änderung im Essverhalten?

Dr. Ellrott

Manche Menschen ändern etwas, wenn sie einen Schuss vor dem Bug kriegen, zum Beispiel einen Herzinfarkt haben. Da „klettert“ quasi das Gesundheitsmotiv in der Hierarchie. Wenn es jedoch bereits im Vorfeld gelänge, sämtliche Motive besser unter einen Hut zu bekommen, würde das der Lebensqualität wie der Gesundheit dienen. Dafür sind gute Kompromisse gefragt. Gesundes Essen muss schnell und einfach gemacht sein, darf nicht das Doppelte kosten und muss schmecken! Obst und Gemüse zum Beispiel sind tolle Lebensmittel, sie bringen Farbe und Geschmack. In Deutschland kann man leckeres und gesundes Brot backen und es gibt viele wunderbare Kartoffelrezepte. Dafür braucht man aber Vorbilder. Das kann eine Ernährungsberaterin oder ein Freund sein.

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Die Ernährungsberatung für Übergewichtige und Diabetiker ist oft nicht erfolgreich. Was müsste sich hier ändern?

Dr. Ellrott

Beratungsfachkräfte orientieren sich in ihrem Angebot noch zu sehr an der Physiologie und sprechen über Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate oder Kalorien und Broteinheiten. Das funktioniert in der Begegnung mit dem Patienten nur begrenzt. Schließlich essen wir Menschen keine Nahrungsbestandteile, sondern Speisen und Gerichte. Wir müssen daher in einer Sprache mit den Menschen kommunizieren, die sie verstehen, und wir müssen uns mit den Ratschlägen, die wir geben, am Alltag orientieren. Wenn wir einem Patienten einen Ratschlag geben und der geht nach Hause und muss überlegen, „Oh Gott, wo krieg ich das denn jetzt her, muss ich das auch noch waschen und schnippeln?“, hat er in seinem Alltag bereits große Hürden, das zu realisieren. Hier ist es die Aufgabe des Diätberaters, praxisrelevante Vorschläge zu unterbreiten wie: „Gehen Sie, wenn Sie das nächste Mal im Supermarkt sind, ans Tiefkühlregal und kaufen Sie sich Pilze, Porree, Paprikastreifen, Zwiebeln und Brokkoli.“ Die Beratung muss auf die wesentlichen Motive, die das Essverhalten steuern, Rücksicht nehmen. Diätberatung allein ist aber nur ein Baustein eines Lebensstilkonzeptes – Bewegung und Verhaltensänderung sind ebenfalls notwendig.

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Was kann helfen, das Gewicht zu halten, wenn es tatsächlich gelungen ist abzunehmen?

Dr. Ellrott

Entscheidend ist, dass sich im Alltag etwas geändert hat. Aus amerikanischen Studien wissen wir, dass die beim Gewichthalten Erfolgreichen im Vergleich zu den nicht Erfolgreichen weniger Fett essen, sich regelmäßig wiegen und bewegen, regelmäßig frühstücken und häufig auch aufschreiben, was sie essen, trinken und wie körperlich aktiv sie sind. Sie wechseln auch nicht ständig die Diät, sondern bleiben einfach bei ihrer gewählten Strategie. Außerdem kaufen sie häufiger gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse, verbieten sich Genusslebensmittel aber auch nicht kategorisch. Das ist wichtig. Denn gibt es diesen Spielraum nicht, schlittert man schnell in Essanfälle hinein.


Quelle: In|FO|Diabetologie 2009; Vol. 3, Nr. 6
Autor: Eduardo Fernández-Tenllado Ramminger
Stand: Feb 2, 2010


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