mann_dick_uebergewicht_bauch_messen

Gewichtsreduzierende Operationen bei Adipositas und Diabetes

Ein solides Nutzen-Risiko-Verhältnis

Die Menschen in Ländern mit westlicher Ernährungsform werden immer dicker. Mit zunehmendem Körpergewicht steigt auch das Risiko für Diabetes und Bluthochdruck. Konservative Therapieprogramme bei mittelgradiger bzw. schwerer Adipositas zeigen jedoch oft nicht die gewünschte Wirksamkeit. Ab wann sollten adipositaschirurgische Eingriffe erwogen werden, welche Verfahren stehen zur Verfügung? Diese und weitere Fragen beantworten zwei Spezialisten vom Adipositaszentrum Erlangen-Schwabach.

Problemfeld Adipositas

Das Körpergewicht der Bevölkerung der westlichen Länder und der Schwellenländer mit westlicher Ernährungsform steigt kontinuierlich. In Deutschland liegt der Anteil der übergewichtigen Männer (BMI* > 25) bei 66 Prozent, jener der übergewichtigen Frauen bei 51 Prozent. Gleichzeitig erhöht Übergewicht das Risiko, eine Blutzuckererkrankung (Diabetes mellitus Typ 2) zu entwickeln, deutlich.Eine langjährige Studie, an der über 100.000 Krankenschwestern teilnahmen (Nurses-Health-Studie), hat gezeigt, dass das relative Risiko für Menschen mit einem BMI* über 35, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken, 93-fach höher ist als für Normalgewichtige. Adipositas begünstigt zudem die Ausbildung einer nicht alkoholischen Leberverfettung (Steatosis hepatis, abgekürzt: NASH).

Derzeit sind ca. sieben Millionen Menschen in Deutschland wegen Diabetes in Behandlung, mehr als zehn Prozent der Bevölkerung sind an Diabetes erkrankt. Besonders adipöse Diabetiker haben ein hohes Risiko, bei Insulintherapie weiter zuzunehmen. Dies gilt auch für Diabetiker, bei denen innerhalb von weniger als zehn Jahren Erkrankungsdauer eine längerfristige Behandlung mit einem Insulinpräparat angezeigt war. Übergewicht ist jedoch ein weiterer wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck und Herzinfarkt. Dies wurde bereits in der Framingham-Studie belegt, bei der die Untersuchungsergebnisse von mehreren tausend Teilnehmern aus zwei Generationen ausgewertet wurden. So erhöht sich z.B. pro zehn Kilogramm Übergewicht der systolische (erste) Blutdruckwert um drei bis vier, der diastolische (zweite) Wert um zwei Millimeter Quecksilbersäule (mmHg). Störungen der Atmung wie das Schlafapnoesyndrom (kurzzeitige Atemstillstände während des Schlafes) werden je nach Ausmaß des Übergewichts bei bis zu 90 Prozent der Patienten gefunden. Lungenvolumen und Zwerchfellbeweglichkeit sind eingeschränkt. Übergewicht und Adipositas reduzieren die Lebenserwartung eines 40-Jährigen um drei bis sechs Jahre, was dem Effekt des Rauchens entspricht.

Der Nutzen der herkömmlichen Therapieformen ist überwiegend bei Übergewicht oder leichtgradiger Adipositas (Grad I) nachgewiesen. Kommerzielle Programme zur Gewichtsreduktion haben insgesamt niedrige Erfolge zu verzeichnen, die nur innerhalb der Programme stabil sind. Meist werden sie nach ein bis zwei Jahren durch den Jo-Jo-Effekt* zunichte gemacht. Medizinisch betreute Programme haben hohe Abbruchraten.
Schwierigkeiten der Bewegungsbegleitprogramme bei mittelgradiger und schwerer Adipositas (Grad II und III) sind durch die eingeschränkte körperliche Beweglichkeit der Patienten vorgegeben. Programme mit Verhaltenstherapie und Lebensstilmodifikation allein haben meist nur Kurzzeiteffekte von bis zu zehn Prozent Gewichtsverlust.

Wann, welches chirurgisches Verfahren?

Adipositaschirurgie wird empfohlen bei:

  • Erschöpfung konservativer Programme (die z.B. Maßnahmen wie Kalorienreduktion, Bewegung, Formula-Diäten*, Verhaltenstherapie und/oder Gabe eines Medikaments enthalten),
  • hohem Risikoprofil und dem Bedarf eines raschen Therapieerfolges und
  • bei zu erwartendem geringem Effekt konservativer Maßnahmen auf Begleiterkrankungen.

Die gängige Grundvoraussetzung für die Adipositaschirurgie ist ein BMI von mindestens 40 bzw. von mindestens 35 plus Begleiterkrankungen. Diese Festlegung erfolgte 1991 willkürlich in einer gemeinsamen Empfehlung verschiedener Experten des US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH). Bei Typ-2-Diabetikern kann unter Umständen schon ab einem BMI von 30 eine Operation erwogen werden. Die Klärung eventueller Nutzen und Risiken sollte durch ein Team aus Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen erfolgen.

Zusammenfassung

Die Menschen in westlichen Ländern und Schwellenländern mit westlicher Ernährungsform werden immer dicker. Deutschland nimmt hierbei eine unglückliche Spitzenposition in der EU ein. Mit zunehmendem Körpergewicht steigt aber gleichzeitig auch das Risiko für weitere Begleit- und Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Schlafapnoe und Fettleber. Die Langzeiteffekte herkömmlicher Therapieprogramme bei mittelgradiger Adipositas (Grad II) mit Begleiterkrankungen bzw. bei schwerer Adipositas (Grad III) reichen nicht aus. Sind konservative Maßnahmen erschöpft, sollten adipositaschirurgische Interventionen erwogen werden. Bei mindestens 50 Prozent der Patienten kann dadurch auch die diabetische Stoffwechsellage verbessert werden. Operative Verfahren wie Magenband, Schlauchmagenbildung oder Roux-Y-Magenbypass haben ihre Effektivität bewiesen. Werden diese in Zentren mit entsprechender Erfahrung durchgeführt, können Patienten eine langfristige Gewichtsreduktion mit günstigem Nutzen-Risiko-Verhältnis erreichen. Zur Ergebnissicherung ist aber eine regelmäßige, langfristige Nachsorge nötig.

Weiterführende Artikel:

Interventionelle Verfahren - Schlüssellochoperationen sind Standard
Nachsorge & Fazit

Glossar

BMI: Der Body-Mass-Index (BMI), auch Körpermasseindex (KMI), ist eine Maßzahl für die Bewertung der Körpermasse eines Menschen. Er berechnet sich aus dem Körpergewicht [kg] dividiert durch das Quadrat der Körpergröße [m2].

Jo-Jo-Effekt: Unerwünschte und mitunter schnelle Gewichtszunahme im Anschluss an eine oder mehrere Reduktionsdiät(en). Die Gewichtszunahme kann dabei die zuvor erreichte Gewichtsabnahme sogar übersteigen.

Formula-Diät: Trinkfertiger Mahlzeitenersatz zur Gewichtsreduktion. Die Wirksamkeit ist jedoch nur von vorübergehender Dauer. Dem Einsatz muss eine dauerhafte Ernährungsumstellung bzw. Verhaltensänderung folgen. Formula-Diäten müssen daher Bestandteile eines ganzheitlichen Therapieprogramms sein.


Quelle: In | Fo Diabetologie 2010; Vol. 4, Nr. 1: 44-47 / Von Autor und Lifeline-Redaktion für Patienten überarbeitet.
Autor: PD Dr. med. Thomas Horbach, Claus Schildberg
Stand: Oct 15, 2010


Sie lesen gerade:

Ein solides Nutzen-Risiko-Verhältnis

Seite empfehlen:
A A A

Expertenrat

Arzt mit Patient

Ernährung

Unser Experte beantwortet Ihnen Fragen zum Thema Ernährung - kostenfrei und anonym

mehr

LIFELINE Web-TV

Wie ernähre ich mich richtig?

Wein und Gesundheit mehr
Blähungen - was hilft? mehr
Sodbrennen - was ist das? mehr
Zum laufenden Programm

shop-apotheke.com

Kooperationspartner

Stiftung Juvenile Adipositas

Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit.

Jetzt informieren!

Der LIFELINE BMI-Max

21015_gewicht

Wo liegt Ihr BMI?

Wohlfühl- gewicht hin oder her - unser BMI-Max zeigt Ihnen spielerisch, wie es um Ihren Körperumfang steht.

mehr