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Medizingeschichte

Wer beschrieb die rheumatoide Arthritis zuerst?

In der Geschichte der Medizin ist nicht leicht festzulegen, ob eine Krankheit erst beobachtet wird, wenn sie auftritt, oder nachdem sie als solche beschrieben wurde. Die rheumatoide Arthritis hat der französische Chirurg Landré-Beauvais erstmalig beschrieben. Vermutlich war er jedoch stark von seinem berühmten Lehrer Philippe Pinel beeinflusst.

Der französische Arzt Philippe Pinel ist in erster Linie dafür bekannt, dass er die so genannten Irrenanstalten stark verändert und psychisch kranke Menschen, die oftmals wie Gefängnisinsassen behandelt wurden, quasi von "Ihren Ketten befreit" hat. Da er psychisch kranke Menschen als Kranke erkannte und psychische Störungen beschrieb, gilt er als einer der Wegbereiter für den Wissenschaftsbereich der Psychiatrie. Pinel hat sich in seinem Leben ausführlich mit der Beschreibung von Krankheitsbildern beschäftigt. Die Lehre von der Erscheinungsform bzw. Klassifikation von Krankheiten wird Nosologie genannt. Durch die Beschreibung von Krankheiten werden diese für die Medizin greifbar gemacht und können somit besser erkannt und demzufolge erst wirkungsvoll behandelt werden. Neben der Beschäftigung mit psychischen Störungen hat Pinel sich intensiv mit chronischen Krankheiten auseinandergesetzt.

Vor dem 19. Jhd. unterschied man im Allgemeinen nur die Gicht und den Rheumatismus. Die Gicht kam in erster Linie bei übergewichtigen, aufbrausenden, reichen Männern vor. Der Rheumatismus, den man in eine chronische und akute Form unterteilte, umfasste viele verschiedene Krankheiten. Die akute Form war möglicherweise mit dem rheumatischen Fieber und reaktiven Gelenkentzündungen identisch. Die chronische Form wurde mit Feuchtigkeit, Kälte, Armut und dem weiblichen Geschlecht verbunden. Schmerzen und Beschwerden konnten den ganzen Körper betreffen und waren altersunabhängig.

Ein Schüler von Pinel, der französische Chirurg Landré-Beauvais, hat nun in seiner Doktorarbeit, die von Pinel betreut wurde und wahrscheinlich von seinen Ideen inspiriert war, erstmalig das Krankheitsbild der rheumatoiden Arthritis im Jahr 1800 beschrieben. Darin fasste Landré-Beauvais bei vier von neun Patienten ein Krankheitsbild bei jungen Frauen mit Gelenkbeschwerden, einem symmetrischen Befall der Finger-, Hand- und Kniegelenke, einem chronischen Verlauf, Entwicklung von Gelenkdeformitäten und Bewegungseinschränkungen zusammen. Auf diese Symptome passt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Diagnose der rheumatoiden Arthritis. Seine Ergebnisse fußten auf gründlichen klinischen Beobachtungen und Beschreibungen sowie Verlaufsanalysen. Dies hat sich bis heute kaum verändert, denn die Diagnosestellung einer rheumatoiden Arthritis erfolgt immer noch überwiegend aufgrund klinischer Symptome.


Quelle: Hansen, S.E.: Did Philippe Pinel frame the concept of the disease rheumatoid arthritis in the year 1800? In: Scandinavian Journal of Rheumatology 38 (2009), S. 488-491
Autor: Dr. Barbara Stöckigt
Stand: May 5, 2010


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