Interview
Schmerztherapie bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen: Auf drei Säulen bauen
Frau Doktor Meske ist Fachärztin für Innere Medizin/Rheumatologie, allgemeine und rheumatologische Schmerztherapie und leitet die Ambulanz für Rheumatologie und Schmerztherapie der Theresienklinik, Bad Krozingen.
Frau Dr. Meske, Schmerzen sind bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ein häufiges Problem. Wann reicht die allgemeine antirheumatische Behandlung aus und ab wann brauchen Patienten eine spezielle Schmerztherapie?
Entzündlich-rheumatische Erkrankungen werden mit der "Dreisäulentherapie" behandelt. Diese drei Säulen sind kortisonhaltige Medikamente, klassische Entzündungshemmer und die langfristig krankheitsmodifizierende Therapie. Entzündungshemmer sind auch als NSAR (NSAR: Nicht Steroidale AntiRheumatika) bekannt, die krankheitsmodifizierende Therapie kennen viele auch als DMARDs (DMARDs: Disease Modifying Anti-Rheumatic Drugs). Kortison und Entzündungshemmer wie z.B. Diclofenac, Naproxen, Ibuprofen oder Coxibe besitzen direkt schmerzlindernde Eigenschaften und lindern den Schmerz zusätzlich durch Entzündungsdämpfung. DMARDs wie z.B. Methotrexat oder Sulfasalazin wirken indirekt schmerzlindernd durch Unterbrechung der Entzündungskaskade. Sie benötigen eine Anlaufzeit bis zur Wirkungsentfaltung von bis zu zwölf Wochen. Schnell wirken TNF-alpha-Blocker (Hemmer des Entzündungsstoffes Tumor-Nekrose-Faktor alpha) wie Infliximab, Etanercept und Adalimumab. Die antirheumatische "Dreisäulentherapie" ist somit praktizierte Schmerztherapie. Reicht die Schmerzlinderung dieser Therapie nicht aus, oder muss eine der drei Therapiesäulen wegen Nebenwirkungen bzw. Begleiterkrankungen reduziert oder abgesetzt werden, kann eine zusätzliche Schmerztherapie angezeigt sein.

Abb.: Die drei Säulen der Schmerztherapie bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen
Wie entstehen Schmerzen überhaupt?
Entzündungsschmerz entsteht durch Reizung eines Schmerzrezeptors am Entzündungsort. Der Schmerzreiz wird im Rückenmark durch eine Nervenzelle wahrgenommen und weiterverarbeitet. Dabei kommt es bei kurzzeitigen Schmerzempfindungen eher zu einer Abschwächung des Schmerzes. Bei länger anhaltenden Schmerzen wird der Eingangsschmerz hingegen zunehmend verstärkt. Der verarbeitete Schmerz wird an Zentren des Mittelhirns weitergeleitet. Dort erfolgt eine Verknüpfung von lebensnotwendigen Reflexen und Empfindungen wie Angst, Zorn sowie Flucht- und Körperreaktionen. Dabei erfolgt die Ausschüttung von Stresshormonen wie Kortison und Adrenalin. Diese Verknüpfung ist Teil der körpereigenen Krankheitsbewältigung, führt aber zu Begleitreaktionen wie Herzstolpern, Reizdarm, Schwitzen und Schlaflosigkeit. Letztendlich gelangt der verarbeitete Schmerz in das Schmerzzentrum des Gehirnes, wo er als Schmerz bewusst wahrgenommen wird.
Welche Verfahren gibt es in der Schmerztherapie?
Der Schmerz kann durch so unterschiedliche Schmerzmedikamente wie Paracetamol, Novaminsulfon, Flupirtin, Gabapentin, Pregabalin und Opioide behandelt werden. Auch Muskelentspanner oder Depressionslöser haben schmerzlindernde Effekte. Bei lokal begrenztem Schmerz hilft eine Injektion mit Lokalanästhetika u.U. in Kombination mit Kortison. Physikalisch therapeutische Methoden wie Wärme, Kälte, Elektrotherapie, Massagetechniken und Krankengymnastik sind ebenfalls schmerzlindernd. Ebenso kann es nützen, Einlagen oder Schuhzurichtungen zu verschreiben, beispielsweise bei Zehenentzündungen. Oder man kann gegen instabile Gelenke Bandagen anwenden bzw. die betroffenen Gelenke durch Nutzung von Gehhilfen schonen. Bei Gelenkzerstörung ist die Implantation einer Endoprothese nicht nur funktionsverbessernd, sondern auch schmerzlösend.
Sind alternative Verfahren - wie z.B. Akupunktur - auch hilfreich?
Akupunktur, Akupressur, Saugschröpfen und Moxibustion greifen direkt in die Schmerzempfindung ein und können so den Schmerz lindern. Alternative Heilverfahren sind ergänzend zur Schulmedizin wirksam und können bei fachgerechter Anwendung helfen, Medikamente einzusparen. Sie können als sanfte Therapieform immer eingesetzt werden, gleichgültig welches rheumatische Leiden den Schmerzen zugrunde liegt.
Viele Patienten befürchten, dass eine Schmerzbehandlung abhängig macht. Sind diese Ängste nach Ihrer Erfahrung berechtigt?
Abhängigkeit im Sinne der Sucht mit ungewolltem Einnahmezwang, dem man hilflos ausgeliefert ist, tritt bei keiner Form der Schmerztherapie auf. Der Körper gewöhnt sich aber an Medikamente, und man soll nie ein Schmerzmedikament abrupt absetzen, sondern langsam ausschleichen und stufenweise durch leichtere Medikamente ersetzen. Diese Gewöhnung tritt aber bei jedem Medikament auf, u.a. auch bei Herz- und Blutdruckmedikamenten. Wir kennen sie auch aus dem Alltag, z.B. durch die Gewöhnung an eine gute Tasse Kaffee. Ebenso wie ein Blutdruckmedikament verbessert auch das Schmerzmedikament die Lebensqualität - und darauf kommt es an. Die Schmerzabhängigkeit durch Entwicklung eines Schmerzgedächtnisses ist wesentlich kritischer zu bewerten als eine Medikamentengewöhnung.
Wie lassen sich Gewöhnung und Wirkungsverluste bei der Behandlung mit bestimmten Medikamenten vermeiden?
Schmerzmittelgewöhnung tritt eher auf, wenn kurz wirkende Medikamente verabreicht werden. Der Schmerztherapeut setzt daher Medikamente ein, die 12-24 Stunden wirken oder über mehrere Tage hinweg aus einem Membranpflaster abgegeben werden. Berichtet der Schmerzpatient von Wirkverlust, und muss die Dosis kontinuierlich gesteigert werden, empfiehlt sich ein Wechsel der Schmerzmittelstoffgruppe. Manche Schmerztherapeuten empfehlen sogar routinemäßig den Wechsel der Inhaltsstoffe alle drei bis sechs Monate, um Gewöhnung und Wirkverlust zu vermeiden.
Wie sehr beeinträchtigt eine Schmerztherapie die Alltagsbewältigung - z.B. Konzentrations- und Arbeitsfähigkeit?
Veränderung der Reaktionsbereitschaft tritt am ehesten auf bei Überdosierung zentral wirkender Medikamente und ist mit einem Alkoholrausch vergleichbar. Der erfahrene Schmerztherapeut beginnt daher mit niedrigen Dosen. Zudem sind diese Störungen meist Anfangsprobleme, die nach Tagen oder wenigen Wochen abklingen. Notfalls ist es daher sinnvoll, dass der Arzt zu Beginn einer Schmerztherapie den Patienten krankschreibt.
Was kann man selbst tun, um die Schmerzen zu reduzieren?
Schmerzen sind verbesserbar durch ausreichenden und gesunden Schlaf, Ausdauersport und meditative Techniken wie Entspannung nach Jacobson, Hypnotherapie, Meditation, Tai Chi bzw. Achtsamkeitstraining. Viele Selbstbehandlungstechniken können durch einen Schmerzpsychologen vermittelt und trainiert werden.




