Abwehrsystem
Rheuma in Zukunft heilbar?
Gedächtniszellen spielen im Abwehrsystem eine wichtige Rolle. Geraten sie außer Kontrolle, kann das Rheuma auslösen. Die Erforschung dieser Zellen dient daher der Entwicklung von neuen Therapien.
Unser Abwehrsystem ist ständig gefordert. Beispielsweise muss es sich im Laufe unseres Lebens mit einer Vielzahl von Krankheitserregern auseinandersetzen. Damit Bakterien und Viren möglichst schnell bekämpft werden können, entwickelt es daher ein "Gedächtnis". Bei diesem handelt es sich um spezielle Zellen des Abwehrsystems, die einzelne Merkmale von Bakterien und Viren "speichern" und bei erneutem Kontakt mit dem jeweiligen Krankheitserreger schneller aktiv werden als "gewöhnliche" Immunzellen.
Geraten solche Gedächtniszellen außer Kontrolle, können Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew oder Lupus erythematodes entstehen. Ist das Abwehrsystem erst mal "durcheinander" geraten, greifen Abwehrzellen dann körpereigene Gewebe an, obwohl der ursprüngliche Feind (z. B. ein Infekt mit Bakterien oder Viren) bereits erfolgreich beseitigt wurde.
Gedächtniszellen sind auch ein wesentlicher Grund, weshalb bei vielen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen nach dem Absetzen von Therapien neue Krankheitsschübe auftreten können. Denn in der Regel wirken die heute üblichen Therapien über eine mehr oder weniger gezielte Unterdrückung eines überaktiven Abwehr- bzw. Immunsystems. Fehlen die Medikamente, kurbeln manche Gedächtniszellen u.a. durch Bildung von Antikörpern gegen körpereigenes Gewebe oder durch Ausschüttung von entzündungsfördernden Botenstoffen (Zytokine) das Immunsystem wieder an. Professor Andreas Radbruch vom Deutschen Rheumaforschungszentrum (DRFZ) in Berlin beschreibt diesen Prozess in wenigen Worten so: "Das Immunsystem erinnert sich an das Rheuma".
Funktion und mögliche Entgleisungen des "immunologischen Gedächtnisses" sind deshalb immer stärker in den Blickpunkt der Wissenschaftler geraten. Während es zur Funktionsweise von Gedächtniszellen mittlerweile recht gute Kenntnisse gibt, ist das bei möglichen Entgleisungen bzw. Fehlfunktionen dieser Zellen noch nicht der Fall. Die weitere Erforschung der Funktion von "fehlgeleiteten" Gedächtniszellen könnte daher zu neuen, noch wirksameren Therapien bei entzündlichem Rheuma führen.
Nach Angaben von Herrn Prof. Radbruch ist es in seltenen Fällen bereits heute möglich, das immunologische Gedächtnis für entzündlich-rheumatische Erkrankungen zu löschen. Dies erreicht man, indem das Immunsystem durch eine Chemotherapie zunächst völlig ausgelöscht wird. Nach der erfolgreichen Auslöschung des "alten" Abwehrsystems wird dann in einem zweiten Schritt durch Transplantation von Stammzellen ein "neues" Immunsystem aufgebaut. Gelingt dies, tritt die rheumatische Erkrankung meist nicht mehr auf. Der Patient ist also geheilt.
Diese Therapie ist derzeit jedoch mit erheblichen Risiken verbunden. Beispielsweise kann es in dem Zeitraum zwischen Auslöschung des alten und Aufbau eines neuen Immunsystems zu lebensbedrohlichen Infektionen kommen. Eine breite Anwendung der bisherigen Verfahren ist daher noch nicht in Sicht.
Dies könnte sich aber in dem Moment ändern, in dem es den Wissenschaftlern gelingt "krankheitsbegünstigende" Gedächtniszellen im Körper gezielt zu erkennen und auszuschalten. Das ist zwar noch Zukunftsmusik, da eine solche Behandlung aber Rheuma tatsächlich heilen könnte, möchten die Wissenschaftler des DRFZ ihre Forschungsarbeit in nächster Zeit fortführen und ausweiten.




