
Interview
Physiotherapie - Rheuma braucht Bewegung
Die physikalische Therapie umfasst verschiedene Methoden, die auf physikalischen - wie z.B. mechanischen, thermischen oder elektrischen - Prinzipien beruhen. Ziele sind Schmerzreduktion, Dämpfung der Entzündung, Besserung der Gelenkfunktion und Muskelkräftigung sowie Beeinflussung des Muskeltonus.
Herr Dr. Ahlgrimm, bei schmerzenden Gelenken, Knochen, Muskeln oder Sehnen denken die wenigsten Menschen daran sich zu bewegen. Doch: Ist bei rheumatischen Erkrankungen das nicht genau der falsche Weg?
Sicherlich ist eine übermäßige Schonung ungünstig, da hierdurch ein schnellerer Verlust der Beweglichkeit und Leistungsfähigkeit bzw. Belastbarkeit eintritt. Bei zu starken Schmerzen ist deshalb eine ausreichende Schmerzmedikation notwendig, um körperliche Aktivitäten zu ermöglichen. Manchmal verringern sich Schmerzen auch im Verlauf der Aktivität oder Bewegung, so dass die Bewegung sogar zur Schmerzlinderung eingesetzt werden kann.
Hinter dem Wort Rheuma verbergen sich über 400 verschiedene Erkrankungen, Welche kommen für physiotherapeutische Verfahren in Betracht?
Im Prinzip sind sämtliche Erkrankungen für physiotherapeutische Therapien geeignet. Je nachdem, ob vorrangig Gelenke, innere Organe, Muskulatur oder die Haut betroffen sind, haben die verschiedenen Verfahren unterschiedliche Bedeutung. Auch das Ausmaß der aktuellen entzündlichen Aktivität ist hierbei zu berücksichtigen. Die Hauptziele der physiotherapeutischen Behandlungen sind der Erhalt bzw. die Verbesserung der Belastbarkeit, der Leistungsfähigkeit und der Beweglichkeit sowie eine Verminderung der Schmerzen und ggf. der Entzündungsreaktion.
Werden Patienten mit hoher Krankheitsaktivität anders behandelt als solche, deren Zustand stabil ist?
Ja. So profitieren z.B.: Patienten mit aktuell hoher Entzündungsaktivität eher von Kälteanwendungen, Patienten mit geringerer Entzündungsaktivität aber mit vermehrter Muskelverspannung und Kontrakturen, also Bewegungseinschränkungen, dagegen von Wärmeanwendungen.
Welche Formen von Sport bzw. aktiver Bewegung sind für Rheumapatienten hilfreich? Was sollten Patienten dabei beachten?
Bei dieser Frage sollte nach den individuellen Voraussetzungen und Vorerfahrungen entschieden werden. Prinzipielle Aussagen, wie "Rückenschwimmen ist immer gut" helfen im Einzelfall selten weiter, wenn der Patient wasserscheu ist und lieber Tennis spielen würde, weil er sich dabei am wohlsten fühlt. So ist eine prinzipielle Sport- oder Bewegungsempfehlung, die medizinisch optimal wäre, aber aus individuellen Gründen letztlich nur widerwillig oder gar nicht durchgeführt wird, ist schlechter, als eine - aus medizinischer Sicht vielleicht weniger geeignete - Aktivität, die aber mit Freude und somit auch häufiger praktiziert wird. Die einzige prinzipiell richtige Empfehlung ist allerdings, dass Überlastungen, egal bei welcher Sportart oder körperlichen Aktivität, vermieden werden sollten.
Und welche Sportarten gilt es zu vermeiden?
Auch hier ist eine individuelle Entscheidung notwendig. Wobei Sportarten, die vorhandene Beschwerden verschlechtern oder eine hohe Verletzungsgefahr beinhalten, natürlich kritisch beurteilt werden müssen und auch entsprechend mit dem Patienten besprochen und diskutiert werden sollten.
Gelten für Kindern andere Regeln?
Eigentlich gelten dieselben Regeln. Wobei Kinder viel leichter zu einer neuen Bewegungsart, die dem Erkrankungsmuster besser gerecht wird, motiviert und geführt werden können.
Welche Hilfen kann die Balneotherapie liefern?
Im Wasser wird das Körpergewicht durch den Auftrieb reduziert, gleichzeitig wird der Muskeltonus heruntergeregelt. Dies ist ein Vorteil, den man nutzten kann und sollte. Zudem bietet das Wasser auch Widerstand beispielsweise für spezielle Kräftigungsübungen. Auch über den Temperatureinfluss des Wassers können positive Reize erzielt werden. Zu beachten ist aber, dass wärmere Temperaturen eher für Verspannungsprobleme bei geringer Entzündungsreaktion geeignet sind. Bei hoher entzündlicher Aktivität können Thermalbäder die Situation deutlich verschlechtern, so dass Warmwassertherapien im Gegensatz zu kalten Anwendungen nicht angezeigt sind.
Gibt es in Zeiten knapper werdender Mittel im Gesundheitssystem überhaupt noch Möglichkeiten, bei rheumatischen Erkrankungen physio- und balneotherapeutische Behandlungsformen verschrieben zu bekommen?
Prinzipiell sind diese Möglichkeiten vorgesehen. Aus finanzieller Sicht spielt es aber eine Rolle, ob dies im Rahmen eines stationären Aufenthalts in einer Akutklinik, Rehaklinik oder aber im ambulanten Bereich beurteilt wird. Für die niedergelassenen Kassenärzte gilt der so genannte Heilmittelkatalog, der genaue Regeln für die Verordungsmodalitäten enthält. Wichtig und damit für den Patienten und Kassenarzt relevant ist aber die Budgetierung der Kassenärzte, die genaue Höchstgrenzen für Verordnungen völlig unabhängig vom Heilmittelkatalog vorgibt. Ein Überschreiten dieser Grenzen führt zu Regressforderungen der Kassenärztlichen Vereinigungen an den jeweiligen Kassenarzt. Das führt dazu, dass der Kassenarzt bei Budgetüberschreitungen die Kosten, die durch die Verordnung entstanden sind, aus seinem privaten Geldbeutel bezahlen muss. Zukünftig wird es wohl zu weiteren Einschränkungen kommen und dann werden vermehrt Eigeninitiativen von den Patienten gefordert werden.
Haben Sie zum Schluss einige alltagstauglichen Bewegungstipps, die jeder Rheumatiker zuhause durchführen kann?
Wichtig ist es, im Alltag auf möglichst viele Bewegungshilfen wie Fahrstühle u.ä. zu verzichten. Dies gilt natürlich nicht für Hilfsmittel, wie Orthesen usw., die eine vermehrte Aktivität erst ermöglichen. Weiterhin sollten alle Gelenke täglich - zumindest im schmerzfreien Bereich - im vollen Bewegungsausmaß bewegt werden. Dies geschieht am Besten mit einer gewissen Routine zu festen Zeiten oder in Verbindung mit anderen regelmäßigen Tätigkeiten als gymnastische Übungseinheit. Hierbei sollte jeder Patient im Verlauf seiner Krankheitsgeschichte die Übungen und Bewegungen herausfiltern, die ihm erfahrungsgemäß am Besten helfen. Hier können individuell sehr große Unterschiede bestehen; was für einen Patienten gut ist, muss nicht zwangsläufig auch für einen anderen Patienten hilfreich sein.




