
Natürliche Rheumamittel
Viel Schatten, aber auch ein wenig Licht
Oft sind es besonders Menschen mit einer hohen Allgemeinbildung, die nach Alternativen zur Schulmedizin suchen. Doch wie wirksam sind komplementärmedizinische Medikamente bei Rheuma wirklich?
Viele Menschen hoffen auf sanfte Therapien ohne Nebenwirkungen. Zu Recht, gibt es doch weiterhin nicht wenige Krankheiten, die zwar behandelbar, aber nicht heilbar sind und bei denen Betroffene oft lebenslang Medikamente einnehmen müssen. Das gilt auch für viele rheumatische Erkrankungen. Kein Wunder also, dass etwa 60 Prozent aller Rheumapatienten neben schulmedizinischen Therapien auch alternative Behandlungsformen ausprobieren. Die Wirksamkeit solcher Methoden ist jedoch umstritten. Einzelne Patienten berichten Erfolge, wissenschaftlich überprüfbare Beweise sind jedoch Mangelware.
Das könnte sich in naher Zukunft ändern. Forscher der gemeinnützigen britischen Organisation Arthritis Research Campaign haben nun nämlich systematisch nach Belegen für oder gegen eine Wirksamkeit von alternativen bzw. komplementärmedizinischen Verfahren bei rheumatischen Erkrankungen gesucht und diese ausgewertet.
Das war eigentlich höchste Zeit. Denn Rheumamittel aus dem Bereich der Komplementärmedizin gibt es mittlerweile unzählige. Sie sind meist frei verkäuflich und werden in Apotheken, Drogerien oder über das Internet angeboten. Daten aus wissenschaftlich hochwertigen Studien fanden die Wissenschaftler allerdings lediglich für 40 dieser Präparate.
Alternativmedizin: Viel Schatten, aber auch Hoffnung
Rheuma ist nicht gleich Rheuma. Die Rheumamittel wurden von den Wissenschaftlern daher anhand von drei "Modellkrankheiten" auf Wirksamkeit und Verträglichkeit hin beurteilt.
Als Modellkrankheiten dienten:
- die Arthrose (Gelenkverschleiß) als Beispiel für eine nichtentzündliche Gelenkerkrankung
- die rheumatoide Arthritis (RA oder Polyarthritis) als Beispiel für eine entzündliche Gelenkerkrankung
- die Fibromyalgie ("Weichteilrheuma") als Beispiel für ein chronisches Schmerzsyndrom
Demnach waren beinahe zwei Drittel aller bei der rheumatoiden Arthritis eingesetzten komplementärmedizinischen Rheumamittel nur geringgradig wirksam oder sogar völlig wirkungslos. Zu diesen zählten:
Die als Antioxidantien angepriesenen Vitamine A, C und E, Kollagenzubereitungen, Weidenrindenpräparate, die Kräutermischung "Eazmov" (Ingwer, Rundcyper, Guduchi, Picrorrhiza und Kostwurz) und die Kräutermischung "Rheumalex" (Traubensilberkerze, Guajak, Pappel, Weidenrinde und Stechwinde), Grünlippmuschelextrakt, Mutterkraut, Leinsamöl, Hirschgeweihpulver aus der traditionellen chinesischen Medizin, schwarzes Johannisbeeröl, das chinesische Heilkraut Tong luo kai bi, Selen und Homöopathie.
Eine erfreuliche Ausnahme waren hingegen Fischölpräparate. Hier konnten die Wissenschaftler deutliche Belege für eine tatsächliche Minderung von rheumabedingtem Gelenkschmerz und Steifigkeit bei RA-Patienten finden.
Besser war die Situation für Patienten mit Arthrose. Hier waren nur etwa 20 Prozent der angebotenen komplementärmedizinischen Medikamente wirkungslos oder wenig wirksam. Während der Einsatz von Glucosaminen bei der Arthrose weiterhin von zweifelhaftem Wert ist, konnte für Capsaicin Gele immerhin der Nachweis einer schmerzlindernden Wirkung erbracht werden. Bei Capsaicin handelt es sich um einen Inhaltstoff von Chilischoten.
Wieder anders war die Situation bei den Präparaten zur Behandlung der Fibromyalgie. Anders als erhofft, fand sich für keines der vier geprüften Mittel ein überzeugender Beweis für eine Wirksamkeit. Eines der Mittel erwies sich sogar als völlig wirkungslos, die anderen zeigten immerhin geringgradige Effekte.
Verträglichkeit: Nicht alles was "sanft" wirkt, ist auch frei von Nebenwirkungen
Erfreulicher war da schon die Sicherheitsbeurteilung der einzelnen Rheumamittel. Diese erfolgte nach einem Ampelsystem. Grün stand dabei für eine gute Verträglichkeit. Eine gelbe Kennzeichnung erhielten hingegen Mittel mit relativ häufig auftretenden Nebenwirkungen, die meist jedoch von geringem Schweregrad waren. Rot sahen Mittel, bei denen nach Einnahme von teilweise schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet wurde.
Einen gelben Warnhinweis erhielten 25 Prozent aller getesteten Substanzen. Nicht anwenden sollten Sie das Heilkraut "Thunder god vine" (zu deutsch: Wilfords Dreiflügelfrucht). Dieses Medikament aus der traditionell-chinesischen Medizin ist zwar einerseits tatsächlich entzündungshemmend. Andererseits ist es - je nach Verarbeitung - aber auch ausgesprochen toxisch und kann u.a. zu einem Aussetzen der Monatsblutung oder Unfruchtbarkeit führen.
Weitere Studien notwendig
Da aber viele Substanzen noch kaum erforscht und einige tatsächlich wirksam sind, während wieder andere mit beachtlichen Risiken behaftet sind, regt der ärztliche Leiter von Arthritis Research Campaign, Prof. Silman, jetzt weitere Forschungsbemühungen an. "Der Gebrauch von komplementärmedizinischen Medikamenten ist unter Rheumatikern weit verbreitet. Diese bevorzugen natürliche Produkte, weil sie die Einnahme von möglicherweise gesundheitsschädlichen Arzneien vermeiden wollen. Allerdings bedeutet "natürlich" nicht, dass diese Produkte auch sicher oder effektiv sind. Viele Menschen geben für diese Produkte mehrere hundert (englische) Pfund aus. Sie sollten daher auch wissen, ob es eine ausreichende Wahrscheinlichkeit dafür gibt, dass ihnen diese auch tatsächlich nutzen", so der Mediziner abschließend.




