Kaum erprobtes Serum gegen tödliches Virus

ZMapp gegen Ebola: Besiegt das neue Mittel die Viren?

Obwohl das Serum gegen Ebola bislang nur an Tieren ausprobiert worden war, ließen sich zwei erkrankte US-Ärzte den Antikörper-Mix namens ZMapp spritzen. Die Therapie hatte durchschlagenden Erfolg – hätte aber auch tödlich enden können. Die Risiken des Mittels sind kaum abschätzbar. Experten mahnen, gegen das grassierende Ebolavirus vor allem auf Prävention zu setzen, statt Menschen zu Versuchskaninchen zu machen.

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Die monoklonalen Antikörper in ZMapp binden an das Ebolavirus und hindern es daran, weitere Körperzellen zu infizieren.
iStock/Lifeline

Auf ZMapp – einer Mischung dreier Antikörper – ruhen große Hoffnungen im Kampf gegen die Ebola-Epidemie, die in Westafrika seit über einem halben Jahr nahezu ungebremst wütet und mittlerweile auch Fälle in Europa und den USA hervorgerufen hat.

In kleinen Tierversuchen hatten sich die monoklonalen Antikörper, die US-Wissenschaftler mithilfe von gentechnisch veränderten Tabakpflanzen produzieren, als äußerst erfolgreich erwiesen: Der Antikörper-Mix heilte die Versuchsaffen zuverlässig von ihrer Ebola-Infektion – selbst, wenn sich schon Symptome der tödlichen Krankheit zeigten.

Infizierte Ebolahelfer wurden zu Versuchskaninchen für ZMapp

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An Menschen hingegen war das Serum noch nicht getestet worden – bis vor wenigen Monaten, als sich zwei US-amerikanische Ebolapatienten der experimentellen Therapie mit ZMapp unterzogen. Laut übereinstimmenden Medienberichten war der Arzt Kent Brantly von der Hilfsorganisation Samaritan's Purse kurze Zeit nach der Gabe transportfähig und konnte von Liberia in die USA zurückfliegen.

Seine Kollegin, die Missionarin Nancy Writebol, benötigte eine zweite Dosis, dann habe sich auch ihr Zustand gebessert. Mittlerweile sind die beiden Ebolapatienten wieder völlig genesen und aus dem Krankenhaus entlassen worden – obwohl sie zuvor im Sterben gelegen waren.

ZMapp-Entwickler müssen Freude über Ebola-Arznei dämpfen

Solche Berichte scheinen auf den ersten Blick Hoffnung für viele Tausend Ebola-Infizierte in Westafrika zu machen. Die ZMapp-Entwickler, Biotechnologen der Firma Mapp Biopharmaceutical in San Diego, müssen die Erwartungen an ihr Serum allerdings bremsen: Da sich ZMapp in einer frühen Phase der Erprobung befinde, seien davon keine großen Mengen vorrätig, ist in einem Infozettel des Unternehmens zu lesen. Mapp arbeite aber bereits mit der Regierung zusammen, um die Produktion schnellstmöglich hochzufahren.

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WHO gibt ZMapp frei – unter Auflagen

Die beiden amerikanischen Ebola-Patienten ließen sich das Serum auf eigene Gefahr verabreichen. Die oberste US-Arzneimittelbehörde FDA billigt solche Ausnahmen unter der Voraussetzung, dass der behandelnde Arzt dem zustimmt.

Die Weltgesundheitsorganisation erteilte Ebola-Mitteln, die wie ZMapp noch in der Testphase stecken, bereits im August eine Freigabe unter bestimmten Bedingungen. Zuvor hatten sich Experten der Organisation mit Medizin-Ethikern beraten. "Wir haben hier eine Krankheit mit hoher Sterberate, ohne dass es eine bewährte Behandlung oder Impfung gibt", sagte die stellvertretende WHO-Generaldirektorin Marie-Paule Kienysie. Die Ethiker mussten beurteilen, welches Vorgehen für Ärzte in dieser Situation noch verantwortbar ist. Nach dem Okay der Experten erfolgte eine erste ZMapp-Lieferung nach Liberia.

Zulassung von ZMapp lässt auf sich warten

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Zwei US-amerikanische Ebolapatienten erhielten das experimentelle Serum ZMapp, obwohl dieses noch nicht als Arzneimittel zugelassen ist. Weil Ebola ansonsten unheilbar ist, hat die WHO ZMapp die Freigabe in Einzelfällen erteilt.
Getty Images/iStockphoto

Schon mehrere anerkannte Experten hatten sich dafür ausgesprochen, den Einsatz experimenteller Medikamente und Impfstoffe zumindest in Erwägung zu ziehen. "Man muss sich angesichts der bereits vorhandenen experimentellen Impfstoffe fragen, ob es noch gerechtfertigt ist, nicht zu impfen", sagt etwa Professor Hans-Dieter Klenk von der Universität Marburg. Angesichts der geringen verfügbaren Menge etwa von ZMapp stellt sich jedoch die Frage, wer die knappen Medikamente bekommen soll. Die winzigen verfügbaren ZMapp-Vorräte wurden an Liberia geliefert, sie gehen bereits zur Neige.

Bis zur offiziellen Zulassung des Ebola-Medikaments dürfte noch mindestens ein Jahr vergehen. Laut Hersteller hindert ZMapp Ebolaviren daran, in Zellen vorzudringen und sich zu vermehren. Der infizierte spanische Priester Miguel Pajares erhielt das neue Medikament ebenfalls. Er verstarb trotz der intensiven Behandlung, litt jedoch zusätzlich an Vorerkrankungen.

Heilte ZMapp die US-Amerikaner – oder andere Therapien?

Außerdem lässt sich nicht zweifelsfrei belegen, ob die Heilung der beiden Ebolapatienten überhaupt von dem Serum herrührt. Die beiden US-Amerikaner hatten zusätzlich zu der experimentellen Therapie noch eine Transfusion mit dem Blut eines Ebola-Überlebenden sowie die bewährte symptomatische Therapie erhalten.

Wie der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit gegenüber dem österreichischen Fernsehsender ORF erklärte, reichen die Nebenwirkungen eines nicht zugelassenen Antikörper-Cocktails bis hin zum lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock. Noch dazu wirft die Verabreichung eines kaum erprobten Mittels im großen Stil eine Reihe ethischer Fragen auf, betonen die Ärzte ohne Grenzen.

Experten fordern Studien statt riskanter Experimente

Auch US-Präsident Barack Obama warnte vor einem voreiligen Einsatz des experimentellen Mittels: "Wir müssen uns von der Wissenschaft leiten lassen", sagte das Staatsoberhaupt mit Blick auf ZMapp. Er sicherte den von Ebola betroffenen Staaten Guinea, Sierra Leone, Liberia und Nigeria aber andere Hilfen vonseiten der USA sowie der WHO zu.

Zudem verurteilen kritische Stimmen den Einsatz kaum erprobter Mittel und deren Billigung durch die WHO als kurzsichtig. ZMapp-Gegner weisen zudem darauf hin, dass keine experimentelle Arznei in ausreichender Menge vorliegt, um der aktuellen Epidemie Herr zu werden. Sie plädieren stattdessen für rasche, umfangreiche Tests an Menschen mitsamt einer gesunden Kontrollgruppe. Nur so könnten die Wirksamkeit und mögliche Risiken von ZMapp aufgedeckt werden.

Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma lieferte Japan: Die dortige Regierung ließ verlauten, bei Bedarf das Mittel Favipiravir (T-705) an die WHO zu schicken. Dabei handelt es sich um ein in Japan bereits zugelassenes Mittel gegen die Virusgrippe (Influenza), das im Tierversuch auch gute Wirksamkeit gegen den Ebola-Erreger zeigte. Als Virostatikum hemmt T-705 die Vermehrung der Viren in den Zellen des Wirts.

ZMapp könnte symptomatische Therapie von Ebola ablösen

Seit Ausbruch der Epidemie etwa um den Jahreswechsel 2013/14 herum sind in Westafrika über 8.000 Menschen Ebola zum Opfer gefallen. Die Dunkelziffer liegt jedoch weit höher als die Zahl der von der WHO offiziell registrierten Fälle. Viele Infizierte werden nie gemeldet, Kontaktpersonen in der Folge nicht beobachtet. Immer wieder erkranken auch Ärzte und Pflegepersonal trotz umfangreicher Vorsichtsmaßnahmen an dem hämorrhagischen Fieber. Das auswärtige Amt rät dringend von Reisen in von Ebola betroffene Gebiete ab. Die Epidemie wird nach Expertenmeinung noch mindestens mehrere Monate andauern.

Erreger des aktuellen Ausbruchs ist das besonders gefährliche Zaire-Ebolavirus. Unbehandelt sterben daran etwa neun von zehn Infizierten, weil es bislang weder ein Medikament noch eine Impfung gegen Ebola gab. Mit einer symptomatischen Therapie – zum Beispiel mit Bluttransfusionen und fiebersenkenden Mitteln – lässt sich die Sterberate bei Ebola aber deutlich senken, wie der deutsche Virenexperte Schmidt-Chanasit im ORF erklärte. So beträgt die Sterberate, wenn man nur die in Krankenhäusern behandelten Ebolapatienten betrachtet, zwischen 50 und 70 Prozent.

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Letzte Aktualisierung: 13. Januar 2015
Quellen: "CNN"-Berichte; Infoblatt von Mapp Biopharmaceutical: http://www.mappbio.com/zmapinfo.pdf; mit Material der dpa; WHO-Informationen: http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/136020/1/roadmapsitrep_8Oct2014_eng.pdf?ua=1

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  • Expertenrat Infektions- und Reisemedizin
    Blut in Einkaufstüte
    21.10.2014 | 23:44 Uhr

    Liebes ExpertInnenteam, heute hatte ich nach einem Einkauf ein Erlebnis, das mich sehr...   mehr...

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