Diagnose noch in Notaufnahme - neue Marker machen‘s möglich

Schnellere Risikobewertung bei drohender Nierenschädigung

Akute Nierenschädigungen sind ein häufiges Problem bei Patienten, die in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert werden. Das frühestmöglich zu erkennen ist entscheidend. Bisherige Untersuchungen sind dafür unzureichend, erfassen erst die bereits eingetretene Schädigung. Neue Tests sollen das ändern.

Eine akute Schädigung der Nieren hat keine typische Symptomatik, so Prof. Dr. Kai Schmidt-Ott, Nierenspezialist an der Charité und Leiter einer Forschungsgruppe, die sich mit der Entwicklung neuer Testmethoden für das akute Nierenversagen beschäftigt. Das erschwert die Diagnose einer beginnenden Schädigung erheblich. Andererseits ist gerade dies der Zeitraum, in dem eine Therapie und die Verhinderung - oder doch zumindest Verzögerung - bleibender Schäden am besten möglich sind. Wie groß das Problem schwerwiegender Nierenschädigungen für das Gesundheitswesen ist, machen einige Zahlen deutlich: In den USA wird jährlich bei einer Million Menschen eine schwere Nierenschädigung festgestellt. Und in Deutschland gibt es derzeit rund 70 000 Dialysepatienten, also Menschen, die sich aufgrund Nierenversagens einer aufwendigen und teuren Blutwäsche unterziehen müssen. Tendenz steigend.

Bislang erfolgt die Erfassung von Nierenschädigungen in der Notaufnahme lediglich über einen einzelnen Laporparameter, der aus dem im Blut bestimmt wird: das sogenannte Serum-Kreatinin. Dabei handelt es sich um ein Molekül, das normalerweise über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden wird, sich jedoch bei einer eingeschränkten Funktion der Nieren im Blut anhäuft und dort gemessen werden kann. Allerdings ist die Höhe des Kreatininwerts nicht unbedingt immer ein direktes Maß für die eingetretene Gewebeschädigung an den Nieren. So kann bereits eine länger andauernde Minderdurchblutung der Niere, während derer diese zwar ihre Funktion einschränkt aber die eigenen Zellen noch gut versorgen kann, zu einem deutlichen Anstieg des Serum-­Kreatinin-Werts führen, ohne dass eine Gewebeschädigung vorliegt. In diesem Stadium ist eine Therapie mittels Flüssigkeitszufuhr und dem Absetzen schädigender Medikamente gut möglich und meist ausreichend. Andererseits können akute schwere Nierengewebsschädigungen von einem niedrigen Serum-Kreatinin-Wert kaschiert werden, da es 24 bis 48 Stunden dauern kann, bis das Molekül sich im Blut messbar anhäuft. Risikopatienten werden damit eventuell nicht rechtzeitig erkannt.

Ein Problem, mit dem sich nun Forscher und Kliniker vom Experimental and Clinical Research Center (ECRC) des Max-Delbrück-Centrums und der Charité, des Helios-Klinikums Berlin und dreier US-Kliniken beschäftigt haben. In einer großen Studie an fast 1700 Patienten untersuchten sie in den vergangenen drei Jahren die Frage, ob sich andere Stoffe als das Kreatinin als Biomarker für die Diagnose einer Nierenschädigung eignen. Erforscht wurden fünf verschiedene Eiweiße, von denen man seit einiger Zeit weiß, dass sie nur oder in besonderem Maß von der geschädigten Niere gebildet werden. Von den fünf Kandidaten kamen schließlich zwei in die engere Auswahl für eine frühzeitige Risikobewertung. Die beiden Eiweiße - in der Fachsprache kurz NGAL und KIM-1 genannt - zeigten in der Studie relativ genau an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer akuten schweren Nierenschädigung bei einem bestimmten Patienten lag. In Kombination mit dem Serum-Kreatinin, so Prof. Schmitt-Ott, könnten Kliniker bereits in der Notaufnahme eine passende Behandlungsstrategie für den Patienten festlegen.

Allerdings sind auch nach Abschluss der Studie noch viele Fragen offen: Unklar ist beispielsweise, ob alle Patienten bei Notaufnahme auf diese Marker hin untersucht werden sollten, oder nur solche, die bestimmten Risikogruppen (z.B. Diabetes- oder Bluthochdruckpatienten) angehören. Ebenso ist noch zu prüfen, ob eine Diagnose mithilfe dieser neuen Biomarker dann auch tatsächlich den individuellen Behandlungserfolg beeinflusst. Weitere Studien sind hierfür dringend nötig.

Autor: Lifeline / Anna Stretz
Letzte Aktualisierung: 25. Januar 2012
Quellen: Pressemitteilung des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch vom 10.01.2012: Schwere Nierenerkrankungen früh erkennen - neue Biomarker auf die Probe gestellt; Diagnostic and Prognostic Stratification in the Emergency Department Using Urinary Biomarkers of Nephron Damage, Journal of the American College of Cardiology, online, 9. Januar 2012

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