Chronische Leiden

Schmerzpatienten bekommen zu wenig Hilfe

chronische schmerzen -patienten bekommen zu wenig hilfe.jpg
Andauernde oder immer wiederkehrende Schmerzen suchen Millionen Deutsche heim.
(c) altrendo images

Bis zu 15 Millionen Deutsche haben chronische Schmerzen. Die meisten arrangieren sich mit der Pein. Viele weitere müssen zum Schmerztherapeuten - doch die Ärzte-Odyssee dorthin dauert im Schnitt vier Jahre.

Der Kopf hämmert, die Kreuzschmerzen machen jede Bewegung zur Qual - und das über Monate oder Jahre: Mehrere Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen. Am häufigsten sind Rückenschmerzen, gefolgt von Kopf- und rheumatischen Gelenkschmerzen.

Im Durchschnitt dauert die Leidensgeschichte eines Schmerzpatienten sieben Jahre, jeder Fünfte kämpft nach Angaben der Bundesärztekammer sogar 20 Jahre und länger gegen die Beschwerden. Der Deutsche Ärztetag setzt sich nun für eine bessere schmerzmedizinische Versorgung in Praxen und Krankenhäusern ein.

  • zum Expertenrat

    Ob Rückenleid, Gelenkschmerz oder Kopfweh: Dr. Alexandra Mayer beantwortet Ihnen alle Fragen rund um Schmerzen und Schmerztherapie

Per Definition chronisch wird Schmerz nach drei Monaten

Doch schon die Definition und Diagnose chronischer Schmerzen ist schwierig. Diese fingen da an, wo der Schmerz "sich verselbstständigt", mehr als drei bis sechs Monate andauere und die Ursache nicht mehr klar zuzuordnen sei, sagt Professor Wolfgang Koppert, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin in Hannover.

Die Schätzungen zur Zahl der Menschen, die in Deutschland unter chronischen Schmerzen leiden, schwanken zwischen vier und 15 Millionen. Man müsse unterscheiden, ob jemand chronische Schmerzen "hat" oder unter ihnen "leidet", sagt Koppert. Er verweist auf eine europäische Studie, wonach in Deutschland rund ein Drittel der Bevölkerung von chronischen Schmerzen berichtet.

Nicht alle aber müssten zum Schmerztherapeuten. Nur 5,4 Prozent, das wären vier bis fünf Millionen Menschen, litten tatsächlich unter körperlichen und sozialen Beeinträchtigungen - mit allen negativen Konsequenzen wie sozialem Rückzug oder Depressionen. "Diese Menschen leiden wirklich", sagt Koppert.

Schmerzmedizin wird Pflichtfach, aber keine eigene Disziplin

Der Weg zur richtigen Schmerztherapie dauert Studien zufolge in Deutschland mehr als vier Jahre. Schmerztherapien haben noch keinen hohen Stellenwert und werden zudem schlecht bezahlt. Zwar hätten schon mehr als 4.700 Ärzte die Zusatzausbildung in Schmerztherapie, sagt die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Martina Wenker. Viele Patienten würden von den Angeboten aber nicht erreicht. Ab 2016 soll Schmerzmedizin Pflichtfach für Medizinstudierende werden.

Auf Ablehnung stößt allerdings die Forderung der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, Fachärzte dafür auszubilden. "Schmerzmedizin ist eine klassische Querschnittsaufgabe", sagt Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. Auch Koppert sagt: "Kein Schmerzmediziner nimmt für sich in Anspruch, dass er die gesamte Breite der Schmerzmedizin abdecken kann." Daher müsse man interdisziplinär arbeiten und auch Psychologen, Physio- und Sporttherapeuten einbeziehen.

Gerade nach kleinen Operationen hapert es an Schmerztherapie

Koppert fordert vor allem in Kliniken bessere Schmerztherapien nach Operationen. Dabei gehe es nicht etwa um große Bauchoperationen, sondern um "Mini-Eingriffe" wie Blinddarm- und Mandelentfernungen. 80 bis 90 Prozent der Patienten solcher kleinen Operationen klagten Studien zufolge nach dem kleinen Eingriff über "nicht akzeptable Schmerzen".

"Wenn Sie sich einer Nieren-Operation unterziehen, haben Sie eine größere Wahrscheinlichkeit, hinterher weniger Schmerzen zu haben als nach einer Blinddarm-Operation", sagt Koppert. Denn bei großen Eingriffen gebe es in der Regel bessere Schmerztherapien.

  • Zum Special Schmerzbehandlung

    Egal ob klassische Schmerzmittel, Akupunktur oder TENS - die moderne Schmerztherapie ermöglicht heute eine individuelle und effektive Behandlung unterschiedlichster Beschwerden. Lesen Sie mehr über die vielfältigen Möglichkeiten und Formen der Schmerzbehandlung.

Schmerzmedizin müsse nach dem Vorbild des Hygiene-Managements Pflicht in Kliniken und zum Qualitätsindikator für Krankenhäuser werden. Denn die Krankheitsschwere steige, wenn es keine guten Schmerztherapien gebe. "Man kann sagen, dass bei einer schlechten Schmerztherapie die Sterblichkeit steigt."

10 Tipps gegen Gelenkschmerzen

Autor: sw / dpa
Letzte Aktualisierung: 30. Mai 2014

comments powered by Disqus
Neueste Fragen aus der Community
Aktuelle Top-Themen
Wie Faszien-Training gegen Schmerzen wirkt
Unterschätztes Bindegewebe

Faszien sind die Bindegewebshüllen um unsere Muskeln – und bisher wenig beachtet mehr...

Forscher entdecken Single-Gen
Zur Einsamkeit geboren?

Immer allein? 5-HT1A könnte schuld sein! mehr...

Pille danach wird in Deutschland rezeptfrei
Notfall-Verhütung nach ungeschütztem Sex

Künftig keine ärztliche Beratung mehr zur Notfallverhütung nötig mehr...

Weihrauch wirkt gegen Multiple Sklerose
Heilpflanze gegen MS

Hamburger Forscher zeigen: Die Heilpflanze Weihrauch kann MS-Schübe reduzieren mehr...

Fragen Sie unser Gesundheitsteam

Kostenlos. 24 Stunden täglich. Unsere Gesundheitsexperten beantworten Ihre Fragen.

mehr lesen...
Ratgeber
  • HaarausfallHaarausfall

    So stoppen Sie hormonell erblich bedingten Haarausfall und stärken Ihr Haar von innen. mehr...

Zum Seitenanfang