Gesichtstransplantation
Hoffnung für entstellte Menschen
Bis 2005 war eine Gesichtstransplantation Stoff für Science-fiction-Romane. Damals transplantierten Ärzte der entstellten Französin Isabelle Dinoire Nase-, Kinn- und Mundpartie einer Gehirntoten. Inzwischen ist die Übertragung eines kompletten Gesichts möglich und damit ein neues Leben für die Empfänger.
Die bisher umfangreichste Gesichtstransplantation gelang kürztlich Ärzten der Universität von Maryland in den USA. In einer 36-stündigen Marathon-Operation, die am 19. März begann, übertrugen sie das komplette Gesicht eines Toten mit Ober- und Unterkiefer inklusive Zähne und einen Teil der Zunge auf den 37 Jahre alten Lee Norris aus Virginia.
Norris hatte 15 Jahre zuvor bei einem Unfall mit einer Schusswaffe große Teile seines Gesichts verloren. Sein Leben war dadurch aus den Fugen geraten. Er hatte sich Medienberichten zufolge zurückgezogen, hatte sich, wenn überhaupt, nur noch mit verdecktem Gesicht in die Öffentlichkeit gewagt.
Das Gesicht verlieren heißt Rückzug in die Isolation
Was es für Betroffene bedeutet, im wahrsten Sinnes des Wortes ihr Gesicht zu verlieren, hat Professor Mathias Berger, Leiter der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie an der Freiburger Universitätsklinik, in einem Zeitungsinterview vom Mai letzten Jahres treffend zusammengefasst: "Wer sein Gesicht verliert, ist behindert im Austausch mit seiner Umwelt". Betroffene stürzten in große soziale Unsicherheit, hätten Angst, angestarrt zu werden und andere mit ihrem Anblick zu erschrecken. Die Folge: Isolation, Einsamkeit, oft auch .
Für Lee Norris ist die Gesichtstransplantation eine Chance auf Rückkehr ins gesellschaftliche Leben. Drei Tage nach der OP habe er einen Spiegel verlangt, berichtete Chefchirurg Eduardo Rodriguez vor Journalisten. "Er hat den Spiegel herrunter genommen, mir gedankt und mich umarmt", erzählte der Arzt. Das neue Gesicht sei ein wundervolles Geschenk für Norris: "Seitdem ist klar, dass er wieder ein volles Mitglied der Gesellschaft wird", erklärte Rodriguez.
Langer Weg zum ersten Lächeln
Zuerst muss Norris sich jedoch von der Operation erholen, und bis das neue Gesicht voll funktionsfähig ist, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Das zeigt die Genesungsgeschichte der Französin Isabelle Dinoire, die erste, die 2005 eine (Teil-) Gesichtstransplantation erhielt, nachdem ihr Hund ihr das halbe Gesicht weggebissen hatte.
Eine Woche nach der OP konnte sie essen und trinken. Die Funktionsfähigkeit der Nerven und Muskeln stellte sich jedoch erst nach und nach ein. Bis Dinoire beispielsweise im ganzen Gesicht Temperaturunterschiede wahrnehmen konnte, verging ein halbes Jahr. So lange dauerte es auch, bis sie ihren neuen Mund ganz zu schließen vermochte. Je beweglicher ihre Lippen wurden, desto verständlicher konnte Dinoire sprechen und auch wieder lächeln, und umso besser konnte sie sich mit dem neuen Gesicht identifizieren. Ein vollständiges Lächeln gelang ihr erst nach zwei Jahren.
Hoher Preis für neues Gesicht
Trotz des Erfolgs dieser Transplantationspremiere gab es auch ethische Bedenken. Man setze einen an sich physisch gesunden Menschen durch diesen Eingriff Lebensgefahr aus und mache ihn dauerhaft krank, lautet ein Vorwurf. Denn anders als andere Organtransplantationen wie beispielsweise eine Herzverpflanzung stellt eine Gesichtstransplantation nicht den Ersatz eines lebensnotwendigen Organs dar, ist aber ein gefährlicher Eingriff, vor allem wegen der Gefahr von Infektionen und möglichen Abstoßungsreaktionen.
Isabelle Dinoire hatte in den ersten Monaten nach ihrer Teil-Gesichtstransplantationen zwei Abstoßungskrisen und Infektionen zu überstehen, die ihre Ärzte aber medikamentös in den Griff bekamen. Sie wird, wie jeder, der mit einem Spenderorgan lebt, lebenslang Medikamente zur Unterdrückung ihres Immunsystems, so genannte Immunsuppressiva, einnehmen müssen. Sie erhöhen das Risiko von Infektionen und Krebserkrankungen. Isabelle Dinoire hat diese Risiken wissend in Kauf genommen. "Ich hätte mir nicht vorstellen können, ohne Gresicht zu leben", sagte sie in einem Interview mit dem Magazin Focus im Mai 2010.
Ein weiterer oft erhobener Einwand gegen Gesichtstranplantationen gilt der psychischen Belastung: Das Gesicht ist zweifellos eng verknüpft mit der eigenen Identität, bei einer Transplantation müsse es daher zu schweren Identitätskrisen kommen, mahnen Kritiker. Die psychische Belastung des Eingriffs bestätigt auch Isabelle Dinoire in dem Focus-Interview vom Mai 2010.
Leben mit einer Fremden
Einerseits sei es ihr beim ersten Blick in den Spiegel nach der Operation wie ein Wunder erschienen, dass das "Loch" in ihrem Gesicht geschlossen war. "Dafür fühlte es sich komisch an in meinem Mund", berichtete sie dem Magazin. "Das Spüren der Mundwand einer anderen war ekelhaft, sie war schlapp wie ein Fremdkörper. Ich habe meiner Spenderin in diesem neuen Gesicht Platz gemacht. Wir sind zwei und eins", beschrieb sie ihre Gefühle. Inzwischen hat sie sich jedoch an ihr neues Gesicht gewöhnt: "Wenn ich mich jetzt im Spiegel betrachte, ist das fast normal."
Dennoch habe sie mit der "alten" Isabelle Dinoire nicht abgeschlossen, hänge sehr an alten Fotos. "Es gibt ein Geburtstagsvideo mit mir, das ich mir immer mal wieder ansehe. Wenn ich es mir anschaue, muss ich ganz allein sein, denn die Emotionen sind so stark", sagt sie in dem Interview.
Eingriff ändert Lebenseinstellung
Sie berichtet aber auch von positiven Erfahrungen: "Vor meinem Unfall war ich in einer schwierigen Phase, ich fühlte mich wie in einem dunklen Loch. Ich war zu nichts nutze und hatte keinerlei Ziel. Diese Transplantation hat mir keine andere Möglichkeit gelassen, als zu kämpfen, damit der Eingriff gelingt. Ich habe endlich das Gefühl, dem Leben gewachsen zu sein. Vorher hatte ich das sehr lange nicht mehr", ist ihr Fazit.
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