Hirnschäden durch Kopfverletzungen

"Erschütternde Wahrheit": Wie riskant sind Kopfbälle?

Der Kinofilm "Erschütternde Wahrheit" mit Will Smith in der Hauptrolle widmet sich einem lange totgeschwiegenen Thema: Kopfverletzungen im Profi-Football und den daraus resultierenden, bleibenden Schäden. Auch in Deutschland wird zu den Spätfolgen wiederholter Kopfverletzungen zum Beispiel bei Fußballern geforscht – mit erschreckenden ersten Ergebnissen.

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Kopf-Zusammenstöße sind beim American Football häufig. Sie begünstigen allerdings eine neurodegenerative Krankheit namens CTE, die im Spätstadium einer Demenz gleicht und früher auch "Boxer-Syndrom" genannt wurde.
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Der am 18. Februar angelaufene Kinofilm "Erschütternde Wahrheit" (Originaltitel: "Concussion") hat die Diskussion um Gehirnschädigungen im American Football und anderen Sportarten neu angefacht. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten; er handelt von den Forschungen des Neuropathologen Professor Bennet Omalu.

Der Wissenschaftler entdeckte an den Gehirnen ehemaliger American-Football-Spieler in den USA massive Schädigungen und brachte sie mit den in diesem Sport häufigen, innerlichen Kopfverletzungen in Zusammenhang.

CTE: Das "Boxer-Syndrom" mit neuem Namen

Der Fachbegriff für das Syndrom lautet chronisch-traumatische Encephalopathie, also chronische, durch Verletzungen bedingte Hirnschädigung, oder kurz CTE. Früher wurde das Krankheitsbild auch als Dementia pugilistica bezeichnet. Das bedeutet so viel wie "Faustkämpfer-Demenz", weil auch Boxer durch die wiederholten Schläge auf den Kopf für neurologische Probleme gefährdet sind.

Anfängliche Symptome der CTE sind Konzentrationsprobleme, mangelnde Aufmerksamkeit und Kopfschmerzen. Später können Depressionen, starke Gedächtnisprobleme und heftige Gefühlsausbrüche hinzukommen. Die Anzeichen in fortgeschrittenen Stadien gleichen denen einer ausgeprägten Demenz: Betroffene haben Probleme, alltägliche Tätigkeiten zu meistern, ihr Gedächtnis schwindet.

Selbst ohne Symptome schaden Erschütterungen dem Gehirn

Der englische Titel des aktuellen Films, "Concussion", heißt übersetzt Gehirnerschütterung. Dabei handelt es sich um eine leichte Form des Schädel-Hirn-Traumas. Das wiederum bedeutet, dass äußerlich keine Platzwunden oder Schädelfrakturen sichtbar sind, das Gehirn aber Schaden davongetragen hat. Frühere Studien weisen außerdem darauf hin, dass auch symptomfreie und somit unbemerkte Gehirnverletzungen CTE auslösen können.

Damit wirft "Erschütternde Wahrheit" die Frage auf, ob es auch in Deutschland, wo American Football noch eine eher untergeordnete Rolle spielt, gehäuft zu Gehirnschäden durch Sport kommt – insbesondere in Kontaktsportarten wie Eishockey oder Fußball.

Bleibende Hirnschäden durch wiederholte Stöße und Schläge

"Das Gehirn ist ein sehr empfindliches menschliches Organ. Deshalb ist es durch den Schädel und das Gehirn umgebende Flüssigkeit eigentlich gut geschützt", sagt dazu Professor Michael Madeja, Geschäftsführer und Leiter des Arbeitsgebiets Neurowissenschaften der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.

"Die Forschungsergebnisse aus den USA liefern jedoch Indizien, dass häufige Schläge auf den Kopf – wie sie beispielsweise beim American Football der Fall sind – zu einer Neurodegeneration führen können", erklärt der Hirnexperte und Buchautor. "Deshalb sind auch Gehirnerschütterungen, bei denen man bislang keine sichtbaren Verletzungen des Gehirns findet, ernst zu nehmen."

"Erschütternde Wahrheit": Forschung steht noch am Anfang

Auch hierzulande gibt es Forschungsarbeiten, die Indizien für einen Zusammenhang zwischen Hirnschädigungen im Sport und neurodegenerativen Erkrankungen liefern. Ein fortschreitendes Absterben der Nervenzellen (Neuronen) im Gehirn kann etwa zu Alzheimer-Demenz oder Parkinson führen. Das zeigen auch die Forschungsergebnisse von Inga Koerte, Professorin und Neurobiologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München.

Koerte untersuchte zwischen 2011 und 2013 in einer von der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung geförderten Studie Gruppen von Fußballspielern in Deutschland. Alle Spieler zeigten zum Zeitpunkt der Untersuchung keine Symptome einer neurodegenerativen Erkrankung. Mithilfe von speziellen MRT-Methoden konnte die Wissenschaftlerin bei den Fußballspielern im Vergleich zu deren Kontrollgruppe Anzeichen für eine Veränderung in der Gehirnstruktur und im Stoffwechsel des Denkorgans finden.

Amateur-Fußballer womöglich stärker gefährdet als Profis

"In der Untersuchung von Fußballspielern konnten wir beobachten, dass es nicht explizit einer Gehirnerschütterung bedarf, um derartige Veränderungen in der Gehirnstruktur zu sehen", sagt Professor Koerte. Vielmehr könne bereits eine immer wiederkehrende Zahl kleiner Schläge auf das Gehirn zu Veränderungen führen.

Professor Koerte sieht eine Gefährdung im Amateursport noch stärker als im Profibereich: "Profisportler sind sehr gut trainiert und verfügen über eine stärkere Nackenmuskulatur als Amateursportler – dadurch können beispielsweise Fußballprofis einen Kopfball besser abfedern als weniger gut trainierte Fußballspieler."

Fußball in den USA: Kopfball-Verbot für unter Zehnjährige

In den USA führte inzwischen eine Sammelklage von Eltern dazu, dass der US-Fußballverband Ende 2015 Regeländerungen für den Jugendfußball beschloss: Demnach sollten Spieler unter zehn Jahren den Ball überhaupt nicht mit dem Kopf spielen, Spieler zwischen elf und 13 Jahren sollten ausschließlich im Training Kopfbälle spielen.

Auch im American Football gibt es Anzeichen für besonders starke Schädigungen schon in jungen Jahren: In einer weiteren Untersuchung von Professor Koerte an American-Football-Spielern wiesen insbesondere die Spieler, die bereits in jungen Jahren mit dem Sport begonnen hatten, deutliche Veränderungen der Mikrostruktur des Gehirns auf – vermutlich verursacht durch häufige Gehirnerschütterungen.

Bislang ist eine CTE-Diagnose nur nach dem Tod möglich

In den USA ist die medizinische Versorgung inzwischen darauf eingestellt: Sämtliche größere Kliniken verfügen über eine spezielle Sprechstunde für Gehirnerschütterungen, um größere Folgeschäden bei Betroffenen vermeiden zu helfen.

Die Forschung konzentriert sich mit Blick auf neurodegenerative Erkrankungen, die durch häufige Kopferschütterungen im Kontaktsport verursacht werden können, derzeit vor allem auf das Auffinden geeigneter Biomarker, die einen Hinweis auf eine spezielle Schädigung oder Erkrankung liefern können.

Denn bislang kann eine Diagnose der neurodegenerativen Erkrankung Chronic Traumatic Encephalopathy (CTE) nur post mortem gestellt werden. Auch die bisherigen Studien stützen sich auf Daten von Neuropathologen. Das Auffinden von Biomarkern dagegen ließe eine frühere Diagnose und damit eine frühzeitige Behandlung der Hirnschädigung zu Lebzeiten zu.

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Letzte Aktualisierung: 18. Februar 2016
Quellen: Pressemitteilung der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung

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