Phytopräparate zur Luststeigerung
Aphrodisische Lust durch Pflanzen
„Alle Lust will Ewigkeit – will tiefe, tiefe Ewigkeit!“ heißt es bei Nietzsche in "Also sprach Zarathustra". Doch Lust ist ebenso flüchtig wie Luft und gerade in langen Beziehungen auch ein Thema, das die Partner bisweilen zutiefst beschäftigen kann.
Aus diesem Grund hat der Mensch zu allen Zeiten Hilfsmittel, die das Liebesleben anregen sollen, eingenommen, inhaliert, geraucht, gegessen oder getrunken. Solche Aphrodisiaka gibt es in Form von Nahrungsmitteln, Gewürzen, Pflanzenextrakten und Medikamenten.
Aphrodite mit dem Zaubergürtel
In ihrem „Lexikon der Liebesmittel“ schreiben die Autoren Christian Rätsch und Claudia Müller-Ebeling:„Aphrodisiaka sind Geschenke der Großen Göttin an die Menschen, um Liebe, Lust und Leidenschaft anzuregen und bis zu mystischen Erfahrungen zu steigern. Sie sind für Sex und Erotik, was Gewürze für das Essen sind."
Mit der „Großen Göttin“ ist hier Aphrodite gemeint. Dem Mythos nach wurde die „Schaumgeborene“ von einer Muschel über das Meer an Zyperns Strand getragen. Die verführerische Göttin der lustvollen Liebe besaß einen Zaubergürtel, der das Liebesverlangen entflammte. Dies verlieh Aphrodite besondere Kräfte: Sie konnten das Begehren erwecken, sinnlich-erotische Genüsse schenken, die Spannkraft erhalten und die Potenz beleben.
Im Aphroditekult verehrten und verzehrten die Menschen Aphrodites „Pflanzen der Liebe“, allen voran den Granatapfel, das Symbol der Fruchtbarkeit, aber auch Muscheln und Schnecken. Diese galten und gelten als luststeigernde Mittel, als „Aphrodisiaka“.
Aphrodisiaka im Wandel der Zeiten
Im Mittelalter gehörten Aphrodisiaka zum gesellschaftlichen Leben und wurden in orgiastischen Festgelagen zelebriert. Im Christentum jedoch war die sexuelle Lust verpönt, scharfe Speisen und stimulierende Gewürze waren von der Kirche verboten. Heutzutage gewinnen die „Liebesdrogen“ wieder an Bedeutung. Zu ihnen zählen Nahrungsmittel, Getränke, Drogen und andere Substanzen, von denen man annimmt, dass sie sexuell stimulierend wirken. Meist haben sie Ähnlichkeiten mit der Form oder dem Geruch weiblicher oder männlicher Genitalien. Beispiele sind Spargel, Bananen, Austern, Sellerie, Pilze oder die Liebesäpfel der Alraune.
Lust steigernde Elixiere
Liebe, Lust und Leidenschaft – dieser emotionale Dreiklang bewegt die Menschen seit Urzeiten. Doch Liebe sucht Geborgenheit, Vertrauen und Sicherheit. Lust und Leidenschaft hingegen brauchen Fremdheit, Aufregung und Nervenkitzel. Lustvolle Erregung wiederum ist das Resultat des komplexen Zusammenspiels von sexuellen Reizen, Phantasien und Geschlechtshormonen. Nicht selten wird das für Paare, die sich schon lange kennen, zu einem Dilemma. Vielleicht auch deswegen suchten und suchen die Menschen fast aller Kulturen nach Lust steigernden Elixieren pflanzlicher, tierischer oder mineralischer Art. Dabei riskierten sie sogar ihr Leben, wenn sie zum Beispiel die Tollkirsche, ein giftiges Nachtschattengewächs, oder die Spanische Fliege, einen südeuropäischen Käfer, dessen zerstoßene Überreste einen Menschen zum Wahnsinn treiben oder bei einer Überdosis sogar töten können, einnahmen.
Aphrodisiaka in Asien, Mittel- und Südamerika
In fernöstlichen Kulturen haben Aphrodisiaka eine lange Tradition und genießen ein hohes Ansehen. In der tantrischen Liebeslehre sollen sie Geist und Körper stark machen und die Lust sowie den Genuss versüßen. Ebenso sollen sie welkender Leidenschaft und sexueller Langeweile vorbeugen.
Die Inder benutz(t)en „Vajikarana“, welche die „Hengst-Kraft“ im Mann und in der Frau stärken sollen. Aber nicht nur die Funktion der Geschlechtsorgane und damit die sexuelle Kraft, sondern auch die Lebenskraft im ganzen Körper. Vajikarana sind zum Beispiel Asa foetida, Lotussamen, Yam-Wurzel und Damiana, ein Tee, der von Männern auch geraucht werden kann.
Damiana (Turnera diffusa oder Turnera aphrodisiaca)
„Rompe Camisa Macho“ – „die dem Mann das Hemd herunterreißt“ lautet eine von vielen Bezeichnungen für das Damianakraut. Es gehört zu den pharmakologisch wirksamen Liebesmitteln, insbesondere für Frauen. Ursprünglich in Mexiko beheimatet, nutzten die alten Maya Damiana traditionell als Heilpflanze, die sie auch „mis kok“ – „Asthma-Besen“ nannten, „…weil die Blätter geraucht oder als Tee getrunken die Lungen- sowie die Sexualkraft beider Geschlechter stärken. Damianablättertee fördert Eisprung und Libido, wirkt entspannend und zugleich krampflösend“, so Heilpraktikerin Margret Madejsky in ihrem Buch "Alchemilla".
In der Rezeptsammlung „Libro del Judío“ („Buch des Juden“) aus Yucatán steht über mis kok: „Es ist ein unfehlbares Mittel, um Husten, Heiserkeit, Asthma, chronischen Katarrh und alle anderen Krankheiten der Atmungswege zu heilen. Man nimmt es mit frischem Wasser. Es ist außerdem gut gegen Gehirnschwäche, Impotenz und Entzündungen der Hoden.“
Ihren Namen „Damiana“ erhielt die kleine, gelb blühende aromatische Pflanze von einem spanischen Missionar, der es aufgrund seiner heilsamen Wirkungen nach dem christlichen Märtyrer Damian als „Kraut des heiligen Damian“ taufte. Damian ist der Schutzheilige der Apotheker, sein Zwillingsbruder Kosmas der der Ärzte.
Muira puama (Liriosma ovata oder Potenzholz)
Diese Pflanze kommt im brasilianischen Amazonasbecken vor, wo das Holzgewächs als Aphrodisiakum gilt. Die Indianer sollen es vor dem Geschlechtsverkehr getrunken haben – es diente ihnen als Sexualtonikum. Die Wurzeln von Muira puama werden auch heute noch als Bestandteil einer Potenzdroge zusammen mit anderen Hölzern und Wurzeln in Schnaps mazeriert. Traditionell wird es nicht als Teedroge verwendet, sondern als alkoholischer Extrakt.
Ginseng (Panax ginseng)
Wegen ihrer menschenähnlichen Gestalt wird die Ginsengwurzel auch „Menschen-Wurzel“ genannt. In China, Korea und Japan gehört sie zu den ältesten Heilmitteln und berühmtesten Aphrodisiaka. „Panax“ (altgriechisch) bedeutet „Allheilmittel“.
Im alten China wurde Ginseng mit dem dreifachen Goldgewicht aufgewogen. Nach der traditionellen chinesischen Medizin harmonisiert und stärkt das Phytotherapeutikum die Körperfunktionen. Neben der Verbesserung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit wirkt es adaptogen, das heißt, es erhöht die Abwehrbereitschaft des Organismus gegenüber Umweltreizen. Ginseng fache das innere Feuer an, sagen die Chinesen und trinken zu diesem Zweck Ginsengwein und Ginsengtee. Aphrodisiaka nennen sie „Lenzmittel“ oder „Medizin für Yin und Yang“ und nehmen sie ein, um möglichst lange jung, gesund, vital und lüstern zu bleiben.
„Ginseng wirkt nicht aphrodisischer als Knoblauch, Austern oder gute Landluft. Aber genau wie jede andere Substanz, die auf eine müde oder deprimierte Person aufhellend wirkt, erzeugt Ginseng durch die allgemeine Belebung des Organismus auch eine aphrodisische Wirkung“, schreiben Dr. Pierre Anduchan und Madame Thi-Tun Lan. Vorausgesetzt, man nimmt ein Ginsengpräparat regelmäßig über einen längeren Zeitraum ein.
Für den Gebrauch aller Aphrodisiaka gilt: Die beste Wirkung entfalten sie, wenn man sie am wenigsten benötigt. Sie sollten nicht allein aus einem Gefühl von Lustlosigkeit oder mangelnder Erregbarkeit genommen werden, erst recht nicht, wenn man krank ist, sondern vorbeugend und ergänzend, denn nur Gesunden schenken sie mehr Lust.
Oder wie Christian Rätsch, Ethnopharmakologe und Experte für Liebesmittel aller Art, weiß: „Sicher, man kann einen Braten auch ohne Gewürze essen. Er ernährt zwar, schmeckt aber nicht. (…) Aphrodisiaka sollten nicht aus Mangel gebraucht werden, sondern zur Steigerung und Bereicherung des gesunden Lebens. Wer sie wohlüberlegt und gezielt einsetzt, kann mit ihnen die Wunder des Daseins tiefer erleben.“
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