Antibiotikaresistente Keime in Pute und Hähnchen

Gefährlich: Masse statt Klasse bei Geflügel

Unappetitliches hat der BUND den Verbrauchern zu Jahresbeginn aufgetischt: Putenfleisch aus deutschen Discountern sei zum größten Teil mit antibiotikaresistenten Keimen belastet, meldete die Organisation. "Nichts Neues", winkt man im Bundesinstitut für Risikobewertung ab. Welche Konsequenzen ergeben sich für Verbraucher?

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Nichts Neues: Dass vor allem auf Hähnchen- und Putenfleisch resistente Keime wimmeln, ist längst bekannt. An den Verordnungspraktiken für Antibiotika und der Tierhaltung an sich ändert das wenig. Verbraucher sollten darum gezielt Bio-Fleisch kaufen und im Umgang mit rohem Geflügelfleisch besondere Vorsicht und Hygiene walten lassen.
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Auf knapp neun von zehn getesteten Putenfleisch-Produkten hat der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) antibiotikaresistente Keime nachgewiesen. Bundweit knöpfte sich die Organisation fast 60 Fleisch-Stichproben für eine mikrobiologische Untersuchung vor. Dabei fanden die Prüfer sowohl MRSA wie auch ESBL-bildende Keime. Das abgepackte Fleisch stammte aus Märkten von Aldi, Lidl, Netto, Penny und Real und insgesamt zwölf deutschen Städten.

"Das erschreckende Ausmaß der Kontamination von Lebensmitteln mit diesen Risikokeimen ist vor allem ein deutliches Warnsignal vor den Risiken und Kollateralschäden der industriellen Tierhaltung", wird der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger in einer Mitteilung zu den Ergebnissen zitiert.

MRSA verursachen lebensgefährliche Infektionen

ESBL steht für "Extended Spectrum Beta-Lactamase". Das sind keine Keime, wie oft fälschlicherweise behauptet wird, sondern Enzyme. Sie werden von genetisch veränderten Darmbakterien gebildet und können bestimmte Antibiotika unwirksam machen.

MRSA ist die Abkürzung für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Staphylococcus aureus siedelt sich beim Menschen bevorzugt an der Schleimhaut des Nasenvorhofs an und macht bei Gesunden in der Regel keinerlei Probleme. Nur bei Menschen mit (Operations-)Wunden oder geschwächtem Immunsystem kann es zu schweren Infektionen wie einer Sepsis kommen. Handelt es sich um MRSA, sind das Antibiotikum Methicillin und weitere Antibiotika wirkungslos; das kann die Infektion lebensgefährlich machen.

Gefahr für Menschen mit geschwächter Abwehr

Die vom BUND festgestellte Belastung ist also für bestimmte Personenkreise, zum Beispiel ältere und chronisch kranke Menschen, deren Immunsystem angegriffen ist, durchaus ernst zu nehmen. Das Problem ist allerdings schon lange bekannt. Viele weitere Analysen, darunter eine Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), kamen auf sehr ähnliche Ergebnisse.

Im Zoonose-Monitoring des Instituts wurden auf Fleischproben verschiedener Nutztierarten resistente Keime nachgewiesen. Am meisten betroffen war dabei Putenfleisch mit 42,2 Prozent, gefolgt von Hähnchenfleisch (22,3 Prozent), Schweinefleisch (15,8 Prozent) und Kalbfleisch (12,9 Prozent). Auch eine Untersuchung im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion kam im Mai 2014 zu dem Schluss, dass besonders Mettwurst und verarbeitete Putenfleischprodukte antibiotikaresistente Keime enthalten

Grundlegender Wandel der Tierhaltung nötig

Für die resistenten Keime auf dem Fleisch wird der breite Einsatz von Antibiotika in Mastbetrieben, allen voran in der Geflügelmast verantwortlich gemacht. Zwar weist der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) diesen Vorwurf vehement zurück. Nicht der Geflügelhalter, sondern der betreuende Tierarzt verordne Antibiotika, und dies nur im konkreten Krankheitsfall, heißt es in einer Stellungnahme des ZDG.

Eine immer größere Zahl von Nutztieren auf zu wenig Platz zu halten, sei nur unter Einsatz großer Mengen Antibiotika möglich, hält BUND-Agrarexpertin Reinhild Benning dagegen. Das sieht man beim Deutschen Tierschutzbund ähnlich. Auch dessen Präsident Thomas Schröder hält einen grundlegenden Systemwechsel in der Tierhaltung hin zu kleineren Beständen mit geringerer Besatzdichte und tiergerechter Ausgestaltung für nötig.

Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger zweckentfremdet

Dass Antibiotika in der Geflügelmast entgegen solchen Behauptungen durchaus auch vorbeugend zum Einsatz kommen, legt eine 2011 vom Verbraucherschutzministerium Nordrhein-Westfalen veröffentlichte Untersuchung nahe. Die Studie ergab, dass bei 83 Prozent der Mastdurchgänge Antibiotika eingesetzt worden waren; teilweise hatten die Masthühner in ihrem 35 Tage kurzen Leben bis zu acht verschiedene Präparate verabreicht bekommen. Das nähre den Verdacht, so das Landesamt, dass die Medikamente auch als Wachstumsförderer eingesetzt würden.

"Wir brauchen eine Novelle des Arzneimittelgesetzes, die Reserveantibiotika umgehend aus der Intensivtierhaltung verbannt", sagt BUND-Expertin Benning. In den Niederlanden, Dänemark und Frankreich seien diese Wirkstoffe in der industriellen Tierhaltung weitgehend verschwunden, in Deutschland "scheinen jedoch die Interessen der Fleischbranche über dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung zu stehen", so Benning.

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Geringere Besatzdichte und Außenauslauf sind für Bio-Hühner vorgeschrieben.
Getty Images/BananaStock RF

Die Studie des Verbraucherschutzministerium in NRW zeigte aber auch, dass in Kleinbetrieben und bei einer längeren Mastdauer der Antibiotika-Einsatz geringer ausfiel. Ein Grund ist sicherlich, dass bei geringerer Besatzdichte der Infektionsdruck nicht so hoch ist. Doch auch bei Biofleisch ließen sich die Krankheitserreger nicht zu 100 Prozent vermeiden, erklärt Sabine Klein von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Das liegt daran, dass diese Krankheitserreger weit verbreitet in der Umwelt sind, so dass es im Einzelfall sogar vorkommen kann, dass solche resistenten Keime auch bei Fleisch aus Betrieben vorkommen, die gar keine Antibiotika eingesetzt haben", erläutert die Ernährungswissenschaftlerin.

So vermeiden Verbraucher belastetes Fleisch

Klein rät Verbrauchern dennoch zu Biofleisch oder Fleisch von Anbietern, die nur geringfügig Medikamente einsetzen und die Hähnchen artgerechter halten, zum Beispiel mit Außenauslauf. Für die Produktion von Biofleisch ist beispielsweise Zugang zu einem Auslauf im Freien und eine verlängerte Mastdauer vorgeschrieben.

Zwar dürften auch Biolandwirte Antibiotika als letztes Mittel einsetzen, wenn nichts anderes mehr wirkt, räumt Klein ein. Bekommen Biohähnchen wegen einer erneuten Krankheit zum zweiten Mal in ihrem Leben Antibiotika, dürfe das Fleisch aber nicht mehr als Biofleisch vermarktet werden. Durch den Kauf von Biofleisch könne man daher dazu beitragen, dass weniger Antibiotika eingesetzt werden in der Tierhaltung, schlussfolgert Klein. Das wiederum verhindere, dass sich in großem Maße Keime entwickeln, die unempfindlich gegenüber Antibiotika sind.

In der konventionellen Tierhaltung sei der Antibiotikaeinsatz dagegen sehr häufig. Die Verbraucherschützerin wies auch darauf hin, dass Begriffe wie "aus tiergerechter Haltung" im Gegensatz zu Biosiegeln nicht geschützt sind und entsprechende Aufdrucke oft nicht halten, was sie versprechen.

Hygiene beim Umgang mit Fleisch schützt vor Infektion

Ob Fleisch mit Biosiegel oder nicht, Verbraucher tun in jedem Fall gut daran, Hygieneregeln bei der Zubereitung von rohem Fleisch einzuhalten, um sich vor einer möglichen Infektion zu schützen.

So darf rohes Fleisch beziehungsweise Fleischsaft nicht mit anderen Lebensmitteln oder Gegenständen in Berührung kommen, die für das Zubereiten weiterer Speisen benützt werden. Das Brettchen etwa, auf dem rohes Geflügelfleisch geschnitten wurde, und das verwendete Messer dürfen beispielsweise nicht zum Schneiden der Salatgurke genommen werden, ohne vorher gründlich gereinigt worden zu sein.

Nach dem Zubereiten von rohem Fleisch sollte gründliches Händewaschen selbstverständlich sein, bevor man andere Lebensmittel anfasst. Wichtig ist auch, Geflügelfleisch immer durchzugaren. Durchgegart ist Hähnchen- und Putenfleisch dann, wenn der austretende Fleischsaft klar und nicht mehr rot ist.

Rohes Fleisch nur mit Einweg-Handschuhen anfassen

Nach Auskunft des Robert-Koch-Instituts (RKI) kann eine Infektion mit multiresistenten Keimen nicht nur über die Nahrungsaufnahme erfolgen, sondern auch bei der Zubereitung von keimbelastetem Fleisch beispielsweise über Schnittverletzungen oder andere kleine Wunden an den Händen. Im schlimmsten Fall könnten über diese kleinen Wunden Keime in die Haut oder den Blutkreislauf gelangen und tiefgehende Entzündungen auslösen.

Wer auf Nummer sicher gehen will, dem rät das RKI daher zum Gebrauch von Einweg-Handschuhen bei der Zubereitung von Hähnchen und Putenfleisch. Besondere Vorsicht ist bei aufgetautem Tiefkühlgeflügel geboten: So wurden bei Laboruntersuchungen MRSA-Keime im Auftauwasser von gefrorenem Hähnchenfleisch nachgewiesen.

Hygienetipps für die Küche

Autor:
Letzte Aktualisierung: 16. Januar 2015
Durch: Sarah Wagner
Quellen: dpa; BUND-Information: "Putenfleisch aus Discountern mit Krankheitskeimen belastet. Risiken und Nebenwirkungen der industriellen Tierhaltung weiter inakzeptabel"; MRSA-net (http://www.mrsa-net.org/DE/faq.html#1); Mitteilung des BfR vom 10.01.2012: "Antibiotikaresistente Keine auf Hähnchenfleisch sind nichts Neues"; NDR-Beitrag "Antibiotika für Hühner: Masthilfe oder Medizin?"

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