Doping

Pechstein: Doping oder Blutanomalie?

Der Fall der gesperrten deutschen Eisschnellläuferin Claudia Pechstein ist nach wie vor verworren: Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) diagnostiziert bei ihr zwar eine milde Blutanomalie, doch Doping-Experten sehen darin keine Entlastung.

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), eine Fachgesellschaft der Blut- und Krebsexperten Deutschlands, die ansonsten eher selten in der Öffentlichkeit von sich Reden macht, hat Mitte März für großes Medieninteresse gesorgt: In einer viel beachteten Pressekonferenz ergriff sie Partei für die deutsche Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, bei der zum ersten Mal bis zur höchsten sportgerichtlichen Instanz eine Dopingsperre nur aufgrund von indirekten Nachweisen – ihren Blutwerten - ausgesprochen worden war, ohne direkten Nachweis einer Dopingsubstanz in ihrem Körper.

Die DGHO bescheinigte Pechstein nun mit einer 99,9%igen Wahrscheinlichkeit eine milde Form von Kugelzellanämie, auch hereditäre Sphärozytose genannt, die für die Veränderungen der Blutwerte verantwortlich sein soll. Nach Angaben des DGHO-Vorsitzenden Prof. Gerhard Ehninger vom Universitätsklinikum Dresden hatten bereits Gutachten in dem Verfahren von Pechstein Hinweise darauf enthalten, dass es auch medizinische Ursachen für die Blutveränderungen geben könnte. Doch diese seien von der internationalen Eislaufunion ISU und dem internationalen Sportgerichtshof CAS nicht ausreichend gewürdigt worden, kritisierte er auf der Pressekonferenz in Berlin.

Pechstein hat Kugelzellanämie

Aus diesem Grund hatte der Hämatologe Prof. Dr. Winfried Gassmann vom St. Marienkrankenhaus in Siegen die Blutwerte von Pechstein detailliert analysiert, die von der Sportlerin im letzten Dezember veröffentlicht worden waren. Hierbei fielen ihm mehrere Veränderungen auf, die gegen Doping und für eine Kugelzellanämie sprechen. Bei der erblichen Blutanomalie sind die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) aufgrund eines Membrandefektes kleiner sowie kugelförmig verändert und werden schneller abgebaut. Um dies auszugleichen, entstehen mehr Vorläuferzellen der roten Blutkörperchen (Retikulozyten) – ein Anstieg und Schwankungen dieser Werte waren wesentlich für Pechsteins zweijährige Sperre.

Bei der Sportlerin treffen nach Angaben von Ehninger mehrere Standard-Kriterien zu, die bei einer milden Form der Kugelzellanämie typisch sind. Zudem zeigte sich laut Gassmann in den Jahren 2000 bis 2009 ein allmählicher Anstieg der Retikulozyten-Zahl, was für eine langsame Verschlimmerung der Erkrankung spreche. Außerdem passen die Werte des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin, die durch ein Blutdoping in der Regel erhöht werden sollen, um die Transportkapazität des Blutes für Sauerstoff zu steigern, nach seiner Ansicht nicht zum Doping. Sie seien über die Jahre stetig abgefallen und auch nach hohen Retikulozyten-Werte nicht angestiegen, sondern eher abgesunken, so Gassmann. Darüber hinaus hatte Dr. Andreas Weimann von der Berliner Charité im letzten Dezember Blutproben von Pechstein und Angehörigen mit zwei sehr neuen Methoden auf Kugelzellanämie untersucht. Sowohl bei der Eisschnellläuferin als auch bei ihrem Vater lagen die Werte in Bereichen, die für das Vorliegen der Blutanomalie sprechen.

Doping-Experten bleiben skeptisch

Doch Doping-Experten überzeugt das nicht. So erklärte der Pharmakologe Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Heroldsberg, laut ARD: "Ich glaube nicht, dass der Befund Frau Pechstein in irgendeiner Form entlastet, weil die hohen Retikulozyten-Werte dadurch nicht erklärt werden. Es kann gut sein, dass sie diese Anomalie hat, aber was ihren Dopingfall betrifft, ist dadurch überhaupt nichts geklärt." Und für die ISU ist die Frage, ob Pechstein eine Sonderform der Sphärozytose aufweist, durch alle Instanzen geklärt. Ein Sprecher sagte gegenüber der Süddeutschen Zeitung: "Wir haben im ersten Verfahren sogar selbst auf diese Möglichkeit hingewiesen und Pechstein die Chance offeriert, dass sie ein entsprechendes Blutbild erforschen lassen könne. Sie hat abgelehnt." Auch bei der Berufung vor dem CAS sei eine Sphärozytose nicht überzeugend dargelegt worden - "wo ist jetzt der völlig neue Vorgang?", so der ISU-Sprecher.

Indirekten Doping-Nachweis schärfen

Ehninger betonte auf der Pressekonferenz, er kenne keine Substanz, die sich zum Doping eignen und mit den Blutwerten von Pechstein einhergehen würde. Die DGHO wolle mit der Stellungnahme dazu beitragen, den indirekten Nachweis von Doping zu schärfen und die Sportgerichtsbarkeit zu professionalisieren: „Für mich ist das CAS-Urteil Käse.“ Wie Doping-Experte Prof. Dr. Wolfgang Jelkmann von der Universitätsklinik Lübeck auf der DGHO-Veranstaltung hinzufügte, wäre Pechstein nach den neuen Richtlinien der WADA (World Anti-Doping Agency) zum indirekten Doping-Nachweis, die im Januar in Kraft getreten sind, überhaupt nicht verurteilt worden. Hier ergebe sich ein Verdacht auf Manipulation erst, wenn mehrere Parameter in typischer Weise verändert seien – und nicht nur einer, wie die Zahl der Retikulozyten.

Autor: Petra Eiden
Letzte Aktualisierung: 14. Oktober 2010
Quellen: Nach Informationen von: Pressekonferenz „Der Fall Pechstein – aus medizinischer Sicht geklärt“, 15.3.2010, Berlin (Veranstalter: Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie) Dopingforscher im Fall Pechstein: Auf skeptischer Distanz, Süddeutsche Zeitung, 11.3.2010 Hämatologen auf Pechsteins Seite: Genetisches Erbe statt Doping? www.ard.de, 15.3.2010

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