Kampf gegen fragwürdige Vorbilder

Israel verhängt Arbeitsverbot für zu dünne Models

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Extremes Untergewicht ist bei vielen Model-Agenturen Voraussetzung für Aufträge. Israel hat dem nun einen gesetzlichen Riegel vorgeschoben.
Getty Images/Hemera

Untergewichtige Models vermitteln falsche Schönheitsideale, die für Teenager gefährlich werden können. Dem internationalen Schlankheitswahn begegnet Israel als erstes Land mit einem Gesetz, das für Models einen BMI von mindestens 18,5 vorschreibt.

In Israel müssen sich Models jetzt alle drei Monate durch ein ärztliches Attest bestätigen lassen, dass sie einen BMI von mindestens 18,5 haben. Nur dann dürfen sie nationale Laufstege betreten oder sich für Werbe- und Modefotografien ablichten lassen, die in Israel veröffentlicht werden. Eine entsprechende gesetzliche Regelung ist Anfang Januar in Kraft getreten. Sie umfasst auch die übliche Nachbearbeitung von Werbe- und Modefotografien, die unrealistische Schönheit demonstriert: Bearbeitungen wie Verschönerungen mit Fotobearbeitungsprogrammen müssen auf den Fotos angegeben werden.

Von Konfektionsgröße 38 auf 24

Einer der Initiatoren der neuen gesetzlichen Regelung ist der israelische Fotograf und Chef einer Modelagentur Adi Barkan. Er setzt sich schon seit Jahren für "gesunde" Models ein und beobachtet einen riskanten Abwärtstrend bei den von internationalen Agenturen gewünschten Idealmaßen. Vor 15 bis 20 Jahren habe man Models mit Konfektionsgröße 38 fotografiert, daraus sei im Laufe der Jahre 34 und 32 geworden, selbst Größe 24 sei nicht mehr ungewöhnlich, berichtet er. Wie gefährlich diese Entwicklung ist, weiß Barkan aus eigener schmerzlicher Erfahrung: Das ehemalige israelische Topmodel Hila Elmalich, dem er nahe stand, starb 2007 in seinen Armen. "Es gibt einen Unterschied zwischen dünn und zu dünn: Das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod", sagt er.

Tödlicher Schlankheitswahn

Elmalich hatte sich buchstäblich zu Tode gehungert. Als sie nach mehreren Krankenhausaufenthalten mit nur 33 Jahren starb, wog sie weniger als 27 Kilogramm. Sie ist bei Weitem nicht das einzige Opfer einer Branche, in der immer weniger Alles ist. Mit nur 22 Jahren starb beispielsweise Luisel Ramos im August 2006 während einer Modenschau kurz nach Verlassen des Laufstegs. Medienberichten zufolge hatte der Vater des Models aus Uruguay zu Protokoll gegeben, seine Tochter habe sich in den Monaten vor ihrem Tod, wenn überhaupt, nur noch von Salat und Cola ernährt. Als sie starb, wog Luisel Ramos gerade mal 50 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,75 Meter. Das ergibt einen BMI von 16,3. Nach Einteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hätte die 22-Jährige schon ab einem BMI von 18 als untergewichtig gegolten. Die Diagnose der Ärzte lautete denn auch: Herzversagen infolge Anorexia nervosa, wie der Fachbegriff für Magersucht lautet.

Shootings trotz extremen Untergewicht

Nur wenige Monate später, im November gleichen Jahres, erlag das brasilianische Model Ana Carolina Reston Macan mit 21 Jahren einem Nierenversagen mit darauf folgendem Organversagen, ebenfalls in Folge einer Magersucht. Das 1,74 Meter große Supermodel brachte vor seinem Tod nur noch 40 Kilo auf die Waage. Sie hatte sich auf den unglaublichen BMI von 13,2 heruntergehungert. Noch unglaublicher ist, dass sie trotz extremen Untergewichts noch Aufträge bekam: Nur wenige Wochen vor ihrem Tod posierte sie für ein Internet-Modemagazin.

Junge Mädchen eifern Models nach

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Viele junge Mädchen messen sich an den scheinbaren perfekten Models und finden sich zu dick, obwohl sie normalgewichtig sind.
Getty Images/Hemera

Aber nicht nur die Models hungern. Für viele junge Mädchen sind sie Vorbilder, und ihr Job gilt als Traumberuf. "Gerade im Jugendalter, besonders in der Pubertät, setzen sich vorzugsweise Mädchen und junge Frauen intensiv mit ihrem Körperbild auseinander. Schönheit ist ein wichtiges Thema. Man will aussehen wie die Vorbilder in Mode- und Musikwelt, im Sport, im Film oder in der Werbung", heißt es dazu in einer Information der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZGA).

Das bestätigt auch eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) des Bayerischen Rundfunks, die der Frage nachging, was Fernsehformate wie die 2006 gestartete Castingshow „Germany‘s next Topmodel“ in den Köpfen ihrer jungen Zuschauer bewirken. Das Ergebnis: In der Selbstwahrnehmung der Jugendlichen steigt vor allem die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Den Fernsehschönheiten begegnen die meisten mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid.

Jedes fünfte Mädchen mit Merkmalen einer Ess-Störung

Dazu passen auch die Ergebnisse von Untersuchungen zum Körperempfinden junger Mädchen. So ergab beispielsweise eine von der BZGA 2007 veröffentlichte repräsentative Gesundheitsuntersuchung unter Baden-Württembergischen Teenagern zwischen 14 und 16 Jahren, dass fast die Hälfte (45 Prozent) der normalgewichtigen Mädchen und 15 Prozent der bereits Untergewichtigen sich zu dick fühlte. KIGGS, die groß angelegte Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, kommt 2006 zu dem Ergebnis, dass 21,9 Prozent der 11- bis 17-Jährigen Merkmale einer Essstörung aufweisen.

Experte warnt vor Einfluss der Casting-Shows

Professor Dr. med. Stephan Herpertz von der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGMP) warnt vor diesem Hintergrund vor den Gefahren eines durch Castingshows gestörten Körperselbstbildes. Wenn Mädchen sich bei normalem Körpergewicht als zu dick empfinden, seien sie anfälliger für Ess-Störungen wie Magersucht oder Ess-Brech-Sucht, einer Variante, bei der auch eine fehlgeleitete Vorstellung vom idealen Körpergewicht und eine verzerrte Selbstwahrnehmung im Vordergrund steht. Anders als bei Magersüchtigen, die hungern oder nur wenige, kalorienarme Nahrungsmittel zu sich nehmen, erliegen Patienten mit Bulimie, so die medizinische Bezeichnung der Ess-Brech-Sucht, Ess-Attacken. Um nicht zuzunehmen, führen sie im Anschluss  künstlich Erbrechen herbei oder greifen zu Abführmitteln.

Essstörungen fordern jedes Jahr Todesopfer
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Wer an Magersucht leidet, entdeckt in seinem Spiegelbild auch hässliche Fettpolster, wenn tatsächlich nur noch Haut und Knochen zu sehen sind.
(c) Stockbyte

Beide Varianten der Essstörung sind sehr ernste Erkrankungen, betont Herpertz. Sie betreffen hauptsächlich junge Mädchen im Teenageralter. Laut DGMP leiden in Deutschland 0,8 Prozent der jungen Frauen zwischen 14 und 20 Jahren an Magersucht und drei Prozent an Bulimie. Gerade bei der Anorexa nervosa liege der Heilungserfolg nur bei etwa 50 Prozent, berichtet Herpertz. Bis zu zwölf Prozent der Betroffenen sterben an dem Leiden. In Zahlen ausgedrückt sind es zwischen 80 und 100 Todesfälle pro Jahr, die Angaben des Statistischen Bundesamts zufolge jedes Jahr auf das Konto von Essstörungen insgesamt gehen.

In Israel sind Essstörungen unter Jugendlichen noch häufiger als hierzulande. "Das Gesetz ist ein Anfang, Kinder und Jugendliche zu schützen", begründet die israelische Ärztin und Abgeordnete Rachel Adatto die neue gesetzliche Auflage in ihrem Land, die nicht nur die Models selbst betrifft, sondern auch Fotografen, Agenturen und Magazine in die Pflicht nimmt: Ihnen drohen empfindliche Geldbußen, wenn sie zu dünne Models beschäftigen. Das Gesetz gilt auch für ausländische Auftraggeber der Laufstegschönheiten.

Deutschland setzt auf Selbstbeschränkung

Auf den Zusammenhang zwischen von der Modeindustrie und den Medien propagierten fragwürdigen Schönheitsidealen und einer gestörten Selbstwahrnehmung, die sich wiederum in Essstörungen manifestieren kann, hat bislang nur Israel mit Gesetzesvorgaben reagiert. Beschränkungen teils freiwilliger Art gibt es jedoch auch andernorts. So sieht der Ethik-Code, den die italienische Regierung 2006 mit dem Verband der italienischen Mode und der Vereinigung Alta Moda verabschiedet hat, ein Mindestalter von 16 Jahren für Models vor und einen BMI von mindestens 18. In der Nationalen Charta der deutschen Textil- und Modebranche, die 2008 in Leben gerufen wurde, versprechen die Unterzeichner, für Models Kleidergröße 36, einen Body-Mass-Index von mindestens 18,5 und ein Mindestalter von 16 Jahren vorzuschreiben. Vorgaben zu einem vernünftigen Körpergewicht gibt es inzwischen auch auch bei den großen Modenshows in Madrid und Mailand.

Untergewichtige gewinnt amerikanische Casting-Show

Allerdings halten sich auch die Unverbesserlichen. Im Dezember 2010 kürte die Jury der US-amerikanischen Casting-Show America's Next Topmodel" die 19-jährige Ann Ward zur Siegerin des Wettbewerbs: Mit einem Gewicht von 45 Kilogramm kommt das 1,88 Meter große Model auf einem BMI von unter 13. Nur einen Monat zuvor war das magersüchtige Modell Isabelle Caro, 2007 bekannt geworden durch eine Kampagne gegen die Anorexia nervosa,  für die sie sich hatte ablichten lassen, an den Folgen ihres Leidens gestorben.

Bulimie und Magersucht

Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder Binge Eating Disorder werden von der Psychologin Silke Hagena im Gespräch mit Theresa von Tiedemann erläutert.

Asklepios Kliniken

Autor: Ruth Sharp / Lifeline
Letzte Aktualisierung: 27. März 2012

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