expertin_dr_pavel

"Wir haben vielfältige Behandlungsmöglichkeiten"

Welche neuen Erkenntnisse gibt es zu Neuroendokrinen Tumoren?

Leben-mit-NET sprach mit Dr. Marianne Pavel, Oberärztin an der Charité - Universitätsmedizin Berlin, Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Hepatologie und Gastroenterologie, Interdisziplinäres Stoffwechselzentrum.

Leben-mit-NET:

Gibt es neue Erkenntnisse zu den Ursachen von Neuroendokrinen Tumoren?

Anzeige

Dr. Pavel:

Nein. Die Entstehung von Neuroendokrinen Tumoren ist ein komplexes Geschehen. Es gibt keinen einzelnen molekularen Mechanismus, der die Ursache der Krankheit ist. Eine eigentliche, krankheitsauslösende Ursache kennt man nicht - mit Ausnahme einiger erblicher Neuroendokriner Tumoren, bei denen es zum Beispiel im Rahmen einer Multiplen Endokrinen Neoplasie vom Typ 1 zu Häufungen von Krankheitsfällen in den betroffenen Familien kommt (MEN 1 ist eine Erkrankung, bei der Tumoren in mehreren Drüsen, so in der Hirnanhangsdrüse, der Bauchspeicheldrüse und den Nebenschilddrüsen auftreten - Anm. der Red.). Hier kennen wir die genetische Grundlage der Erkrankung. Bei der Mehrzahl Neuroendokriner Tumoren gibt es aber keine derartige Ursache.

Leben-mit-NET:

Werden NET häufiger?

Dr. Pavel:

Man kann zumindest sagen, dass Neuroendokrine Tumoren häufiger diagnostiziert werden. In großen amerikanischen Datenbanken, die 15.000 Patienten umfassen, zeigt sich, dass tatsächlich mehr Erkrankungen neu auftreten als früher angenommen. Heute schätzt man, dass zwischen 2,5 und 5 von jeweils 100.000 Einwohnern an NET erkrankt sind. Das mag zum Teil an verbesserter bildgebender und endoskopischer Diagnostik liegen, die außerdem häufiger durchgeführt wird. Ob eine wahre Zunahme vorliegt, oder ob man NET früher nur seltener erkannt hat, ist letztendlich nicht zu beantworten.

Leben-mit-NET:

NET sind selten und in der Regel nicht durch Standarduntersuchungen in der Hausarztpraxis zu diagnostizieren. Haben Hausärzte die verschiedenen Krankheitsbilder von NET ausreichend vor Augen? Denken sie an NET als mögliche Diagnose?

Dr. Pavel:

Ich denke, das Bewusstsein für die Erkrankung hat insgesamt zugenommen - durch Fortbildungsveranstaltungen, die in den letzten Jahren in Deutschland stattgefunden haben, und durch die Integration des Krankheitsbildes in wichtige Kongresse, zum Beispiel den Deutschen Krebs-Kongress. Die Wahrnehmung durch andere medizinische Disziplinen ist besser geworden als früher. Nichtsdestotrotz dauert es oft sechs bis sieben Jahre, bis die Erkrankung festgestellt wird.

Zu bedenken ist, dass 50-60% der Patienten nicht-funktionelle Neuroendokrine Tumoren haben, die keine Hormone in die Blutbahn ausschütten. Diese Tumoren werden nur durch Zufall oder durch unspezifische Beschwerden festgestellt. Das ist im Wesentlichen durch kein Mittel zu ändern, außer durch regelmäßigen Einsatz von bildgebender Diagnostik in der Vorsorge. Wenn ein Tumor keine Beschwerden macht, wie soll man ihn dann früher diagnostizieren?

Demgegenüber könnte man die Diagnostik von funktionell aktiven Tumoren verbessern, wenn bei gleichzeitigem Auftreten von Durchfällen und Flush-Symptomatik immer an ein Karzinoidsyndrom gedacht würde, falls keine andere, häufigere Ursache gefunden wird.

Leben-mit-NET:

Kommt es vor, dass Fälle völlig unerkannt bleiben?

Dr. Pavel:

Das mag es geben - sehr kleine Tumoren, die sich klinisch nicht bemerkbar machen, und die man erst bei der Autopsie entdeckt oder als Zufallsbefund bei einer Blinddarmoperation. Entscheidend ist in der Regel die Größe des Tumors. Wenn er eine Größe von 2cm erreicht, metastasiert er mit einer Wahrscheinlichkeit von 60-80%, das Risiko steigt bereits ab einer Größe von über 1cm, ist jedoch insgesamt viel geringer.Eine Ausnahme stellen die Neuroendokrinen Dünndarmtumoren dar, die bereits unter 1cm streuen können. Durch die endoskopische Frühdiagnostik - z.B. Koloskopie, Rektoskopie - entdeckt man rektale Neuroendokrine Tumoren früher und kann sie abtragen, bevor sie die kritische Größe von 1-2cm erreichen.

Leben-mit-NET:

Viele Patienten haben einen diagnostischen Irrlauf hinter sich, bevor die Krankheit erkannt wird. Was sind die größten Probleme auf dem Weg zur richtigen Diagnose?

Dr. Pavel:

Viele Patienten haben eine lange Patientenkarriere hinter sich. Oft wird das Tumorleiden festgestellt, nachdem jahrelang Durchfälle und Flush nicht als eigentliche Symptome oder als psychosomatische Beschwerden gewertet worden sind oder ihre Ursache einfach unklar geblieben ist - bis die Patienten schließlich an die richtige Stelle kommen und die eigentliche Diagnostik und Behandlung überhaupt beginnt.

Leben-mit-NET:

Wie sehen die Behandlungsmöglichkeiten von NET-Patienten heute aus?

Dr. Pavel:

Wir haben vielfältige Therapiemöglichkeiten: Vom Einsatz einer so genannten Biotherapie mit Somatostatin-Analoga oder Interferon über lokal-ablative Verfahren wie Chemoembolisation oder Embolisation, laserinduzierte Thermotherapie und Radiofrequenzablation bis hin zu modernen Methoden wie selektive interne Radiotherapie ("Ablation", Eigenschaftswort "ablativ", bedeutet "Abtragung" und bezieht sich auf das Reduzieren, Abtragen oder Veröden unerwünschter Gewebe - Anm. d. Red.). Darüber hinaus natürlich die Radiorezeptortherapie und in speziellen Fällen auch die Chemotherapie. Hinzu gekommen sind in den letzten Jahren molekular-gezielte Therapien, die derzeit in klinischen Studien geprüft werden.

Lesen Sie mehr über die Therapie von Neuroendokrinen Tumoren

Leben-mit-NET:

Wie gut vertragen NET-Patienten die moderne Behandlung mit Medikamenten wie Somatostatin-Analoga, Interferon alpha oder Chemotherapie?

Dr. Pavel:

In der Regel vertragen die Patienten die Somatostatin-Analoga sehr gut. Es gibt in etwa 20-30% der Fälle Nebenwirkungen, die aber mit fortgesetzter Therapie in den meisten Fällen wieder rückläufig sind.

Die Interferon-Therapie wird weniger gut vertragen. Deswegen wird sie oft auch an zweiter Stelle gewählt, nach der Somatostatin-Analoga-Behandlung - zumindest in der Therapie hormonell aktiver Tumoren. Durch den Einsatz von pegyliertem Interferon (ummanteltes Interferon, welches verzögert freigegeben wird - Anm. d. Red.) ist die Verträglichkeit von Interferon aber wesentlich besser geworden, pegyliertes Interferon ist jedoch offiziell noch nicht zugelassen.

Die Streptozotocin-basierte Chemotherapie, die wir bei Tumoren der Bauchspeicheldrüse anwenden, ist auch recht gut verträglich, wobei individuelle Unterschiede bestehen. Insgesamt ist unsere Erfahrung damit sehr gut. Eine aggressivere Therapie ist die platin-basierte Chemotherapie, die aber nur bei schlecht differenzierten Tumoren eingesetzt wird.

Leben-mit-NET:

Was kann getan werden, wenn es Probleme mit der Verträglichkeit gibt?

Dr. Pavel:

Somatostatin-Analoga werden nur in wenigen Fällen nicht vertragen. Dann muss die Therapie abgesetzt und es kann Interferon gegeben werden. Wenn beide Therapien nicht eingesetzt werden können, würde man auf lokale Behandlungsmethoden oder auf die Radiorezeptor-therapie zurückgreifen, um die Tumormasse zu verringern.

Leben-mit-NET:

Wie sind heutzutage die Behandlungsaussichten?

Dr. Pavel:

70-90% der Patienten sprechen symptomatisch auf die Behandlung mit Somatostatin-Analoga an, 60-70% der Patienten auch auf Interferon alpha. Ihre Beschwerden werden also gebessert.

Die Daten zu Überlebenszeiten sind noch unzureichend und werden meist für die Gesamtheit der Neuroendokrinen Tumore angegeben, ohne den Ursprung in den verschiedenen Organen und das Stadium der Erkrankung hinreichend zu berücksichtigen. Im Durchschnitt überleben 50-60% der Patienten fünf Jahre mit der Erkrankung. Aber diese Zahlen können auch höher liegen, je nachdem welche Untergruppe betrachtet wird und wie ein Patient behandelt wurde.

Leben-mit-NET:

Ist in absehbarer Zeit mit neuen Therapieverfahren zu rechnen?

Dr. Pavel:

Ja. Es werden neue Therapieverfahren derzeit in klinischen Studien evaluiert. Molekular-zielgerichtete Verfahren gehören dazu. Wenn sich zeigen sollte, dass sie effektiv sind, könnten sie das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten erweitern.

Leben-mit-NET:

Welche Rolle spielen interdisziplinäre Zentren bei der Behandlung von NET-Patienten?

Dr. Pavel:

Sie spielen eine große Rolle. Angesichts der Vielfalt der Therapieansätze und der Tatsache, dass es kein einheitliches Therapieschema für jeden gibt, sondern eine individuell angepasste Therapie erforderlich ist, braucht man interdisziplinäre Zentren, um herauszufinden, welche Behandlung für einen Patienten die Beste ist. Kriterien für die Therapiewahl sind zum Beispiel, ob der Tumor funktionell aktiv ist oder nicht, wo der Tumor angesiedelt ist und ob der Tumor eine hohe oder niedrige Wachstumsrate hat. Dazu braucht man neben den internistischen Disziplinen Endokrinologie, Gastroenterologie und Onkologie auch Radiologen, Nuklearmediziner, Pathologen und Chirurgen, die alle in einem interdisziplinären Zentrum vertreten sein sollten.

Leben-mit-NET:

Wie ist die Lebensqualität der Betroffenen einzuschätzen?

Dr. Pavel:

Die Lebensqualität der Patienten mit gut differenzierten Neuroendokrinen Tumoren ist oftmals gut. Auch Patienten mit Karzinoidsyndrom haben eine gute Lebensqualität, wenn die Symptomatik durch die Behandlung gut beherrscht werden kann.

Leben-mit-NET:

Mit welchen Schwierigkeiten haben die Betroffenen und Ihre Angehörigen im Alltag zu kämpfen? Gibt es diesbezüglich Unterschiede zwischen den verschiedenen NET-Erkrankungen?

Dr. Pavel:

Ja, natürlich. Schlecht differenzierte Neuroendokrine Tumoren haben eine ungünstige Prognose und oftmals ist auch die Lebensqualität der Patienten schlechter (schlecht differenzierte Tumoren bestehen aus stark entarteten Zellen und sind sehr aggressiv - Anm. d. Red.). Die Lebenserwartung ist geringer als bei einem gut differenzierten Tumor mit einem langen Krankheitsverlauf. Daraus ergeben sich natürlich ganz unterschiedliche Lebenssituationen.

Weitere Informationen zu den unterschiedlichen Neuroendokrinen Tumoren

Leben-mit-NET:

Auf welchem Gebiet brauchen NET-Patienten besondere Unterstützung?

Dr. Pavel:

Die Patienten mit Neuroendokrinen Tumoren sind bereits sehr gut in Selbsthilfegruppen organisiert. Vielleicht könnte aber das Angebot im Bereich der Psychoonkologie noch ausgeweitet werden, also auf dem Gebiet der psychischen und sozialen Folgen der Erkrankung.

Leben-mit-NET:

Frau Dr. Pavel, vielen Dank für das Gespräch.


Autor: Jan Groh
Stand: Sep 3, 2008


Sie lesen gerade:

Welche neuen Erkenntnisse gibt es zu Neuroendokrinen Tumoren?

Seite empfehlen:
A A A
Anzeige

FAQ NET

fragezeichen_bunt_faq

Häufig gestellte Fragen

Sind Neuroendokrine Tumoren (NET) ansteckend? Wird die Krankheit vererbt? Hier finden Sie Antworten auf häufige Fragen zu NET.

mehr