
Lifeline fragt nach - PD Dr. Jelinek antwortet
Schweinegrippe: Südhalbkugel besonders betroffen
Welche Vorsichtsmaßnahmen sollten Sie bei einer Reise in Länder treffen, die von der Schweinegrippe besonders betroffen sind? Wann und wem helfen antivirale Medikamente gegen die Virusgrippe? Haben Schwangere und Kinder ein erhöhtes Risiko für Komplikationen? Antworten auf diese Fragen finden Sie in einem Interview mit unserem neuen Experten Herrn PD Dr. Jelinek, Leiter des Berliner „Centrum für Reise- und Tropenmedizin“.
lifeline.de: Herr PD Dr. Jelinek, das Auswärtige Amt empfiehlt bei Reisen in Länder wie Chile und Mexiko Vorsorgemaßnahmen gegen die Schweinegrippe und weist bei anderen Ländern auf verschärfte Einreisekontrollen hin. In welchen Ländern ist die Schweinegrippe derzeit besonders aktiv. Was sollte man beim Reisen beachten?
PD Dr. Jelinek: Reisewarnungen für einzelne Länder sind derzeit sicherlich nicht sinnvoll. Dies betrifft insbesondere Mexiko, das Land, in dem die Schweinegrippe zwar erstmals in größeren Fallzahlen aufgetreten ist, in dem sich die Lage aber mittlerweile deutlich entspannt hat. Momentan erhalten wir vermehrt Meldungen von der Südhalbkugel, wo die Grippesaison im Winter erst langsam vorübergeht. Besonders betroffen sind Argentinien, Chile und Australien. Es muss jedoch betont werden, dass die offiziellen Meldungen nicht immer der tatsächlichen Situation entsprechen. So werden z.B. in Südafrika Influenzatests zum weit überwiegenden Teil nur noch durchgeführt, wenn der Patient selbst die Kosten trägt. Dies hat die Zahl der Tests drastisch reduziert und damit natürlich auch die Meldungen.
Unabhängig vom Zielland sollten beim Reisen einfache Hygienemaßnahmen beachtet werden:
- häufiges Händewaschen mit Seife
- möglichst seltenes Händeschütteln
- Meiden Sie größere Menschenansammlungen, soweit Ihnen das möglich ist!
lifeline.de: Neueren Medienberichten zufolge verdrängt das Schweinegrippevirus in einigen Ländern die saisonalen Grippeviren. Ist das gut oder schlecht?
PD Dr. Jelinek: Dies ist ein Zeichen für die Verbreitung des neuen Influenzavirus, das weder gut noch schlecht ist. Die „alten“, saisonalen Influenzaviren werden hierdurch nicht verschwinden. Das neue Influenzavirus trifft auf eine große Anzahl von Menschen, die noch nie mit einem ähnlichen Virus in Kontakt waren. Deshalb kann es sich momentan leicht verbreiten. Für die saisonalen Grippeviren besteht oft bereits ein gewisser Schutz aus früheren Infektionen, dies macht ihnen die Ausbreitung etwas schwerer.
lifeline.de: Wem helfen antiviral wirksame Substanzen wie Oseltamivir und Zanamivir?
PD Dr. Jelinek: Sofern diese Mittel sehr früh zu Beginn der Influenza gegeben werden (möglichst innerhalb der ersten 24 Stunden), können sie die Ausbreitung der Viren im Körper blockieren und damit den Krankheitsverlauf deutlich abschwächen. Später gegeben, haben sie keinen wesentlichen Effekt mehr. Sinnvoll eingesetzt sind die Mittel vor allem bei Personen, die durch Komplikationen der Grippe besonders gefährdet sind.
lifeline.de: Würde ich die Schweinegrippe auch ohne die Einnahme dieser Medikamente überstehen?
PD Dr. Jelinek: In den meisten Fällen ist der Verlauf der Schweinegrippe eher mild. In solchen Fällen ist die Einnahme dieser Mittel nicht unbedingt notwendig. Besonders gefährdet sind Menschen mit Vorerkrankungen, kleine Kinder, Schwangere.
lifeline.de: Wie gefährlich ist die Schweinegrippe für Schwangere?
PD Dr. Jelinek: Wirklich gut verstanden werden die Gründe für das anscheinend häufigere Auftreten von Komplikationen noch nicht – dazu gibt es noch nicht genug Patientinnen und Untersuchungen. Es hat sich aber gezeigt, dass eine Schweinegrippe in der Schwangerschaft zu schweren Verläufen und auch zum Tod führen kann. Daher sollte hier besondere Vorsicht geübt werden.
lifeline.de: Gefährdet diese Krankheit auch das Ungeborene?
PD Dr. Jelinek: Ja, auch das Ungeborene ist durch die Schweinegrippe gefährdet, da die Viren über den Blutstrom auf das Kind übergehen können.
lifeline.de: Das H1N1-Virus gefährdet Kinder offenbar besonders. Verläuft die Schweinegrippe bei Kindern anders?
PD Dr. Jelinek: Ebenso wie Schwangere scheinen kleine Kinder eher zu Komplikationen und zu schweren Verläufen zu neigen.
lifeline.de: Gibt es dafür eine Erklärung?
PD Dr. Jelinek: Eine endgültige wissenschaftliche Erklärung gibt es aufgrund der bisher relativ geringen Fallzahlen noch nicht.
lifeline.de: Herr PD Dr. Jelinek, wir danken für das Gespräch.
Zur Person:
PD Dr. Jelinek
Facharzt für Innere Medizin,Infektiologie, Tropenmedizin
Medizinischer Direktor des BCRT – Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin
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