Interview
Impfstoffe gegen Schweinegrippe
Am 26. Oktober startet die Impfung gegen Schweinegrippe. Viele Deutsche sind sich noch unsicher, ob sie sich überhaupt impfen lassen wollen. Fragen wie „Worin unterscheiden sich die einzelnen Impfstoffe?“, „Welche Erfahrungen gibt es mit den darin enthaltenen Adjuvantien (Verstärkerstoffen)?“, beantwortet Experte Herr Dr. Leidel, Mitglied der Ständigen Impfkommission am Robert Koch‐Institut, in einem aktuellen Interview.
Lifeline
Sollte man sich denn überhaupt schon impfen lassen - bislang verlief die Schweinegrippe in Deutschland ja eher mild?
Dr. Leidel
Niemand weiß, ob es bei den milden Verläufen bleiben wird. Bei Grippeviren kommt es leicht zu Veränderungen, z.B. durch Mutationen, und bisher traten bei allen Pandemien des vorigen Jahrhunderts zweite oder sogar dritte wesentlich schwerere Wellen auf. Das muss nicht so kommen, aber es ist auch nicht unwahrscheinlich. Und dann ist es ganz sicher besser, man hat vorgesorgt und sich durch Impfung geschützt.
Allerdings ist gar nicht klar, ob sich wirklich jeder, der geimpft werden möchte, auch frühzeitig impfen lassen kann. Derzeit ist vorgesehen, zunächst medizinisches Personal und für die öffentliche Sicherheit und Ordnung wichtige Personen zu impfen. Danach sollen Menschen geschützt werden, die durch eine chronische Krankheit besonders gefährdet sind, und schließlich (mit einem etwas anderen Impfstoff) Schwangere, die ebenfalls durch besonders schwere Verläufe gefährdet sind. Erst dann soll in Abhängigkeit von den Krankheitsverläufen und von den zusätzlichen Erfahrungen mit den Impfstoffen entschieden werden, ob auch die gesunde Bevölkerung geimpft werden soll.
Lifeline
Worin unterscheiden sich die einzelnen Impfstoffe eigentlich?
Dr. Leidel
Gegen die Neue Grippe („Schweinegrippe“) werden hier vor allem zwei Impfstoffe angewendet werden. Der eine heißt Pandemrix und wird von der Fa. GSK in Dresden hergestellt. Die Impfviren werden – wie bei den meisten „normalen“, also saisonalen Grippeimpfstoffen in Hühnereiern vermehrt, in ihre Bestandteile zerlegt (und dadurch natürlich völlig abgetötet, sodass der Impfstoff kein vermehrungsfähiges Virus enthält) und gereinigt. Außerdem wird der eigentliche Impfstoff kurz vor der Anwendung mit einer Verstärkersubstanz, einem sogenannten Adjuvans, mit der Bezeichnung AS03 gemischt. Die allermeisten saisonalen Grippeimpfstoffe enthalten ein solches Adjuvans nicht. Dieser Impfstoff ist von den europäischen Zulassungsbehörden zugelassen. Von ihm haben die Bundesländer insgesamt 50 Millionen Portionen bestellt.
Der andere Impfstoff wird Celtura heißen und von der Fa. Novartis hergestellt. Bei diesem Impfstoff wird das Impfvirus nicht in Hühnereiern, sondern in Zellkulturen (Hundenierenzellen) vermehrt. Daher kann man ihn auch bei Menschen mit einer Hühnereiweißallergie verwenden. Auch dieser Impfstoff besteht aus Untereinheiten inaktivierter Viren, enthält also kein vermehrungsfähiges oder eine Grippe verursachendes Virus. Er wird ebenfalls ein Adjuvans enthalten, das als MF 59 bezeichnet wird und dem AS03 sehr ähnlich ist. Die Zulassung von Celtura wird für Ende Oktober, Anfang November erwartet.
Außerdem gibt es noch einen weiteren zugelassenen Impfstoff, das Celvapan der Fa. Baxter. Dieser in Hühnereiern vermehrte Impfstoff enthält kein Adjuvans und besteht aus den kompletten, jedoch inaktivierten Viren. Dieser Impfstoff ist zur Anwendung bei Schwangeren vorgesehen. Außerdem hat die Bundeswehr für ihre Soldaten diesen Impfstoff gekauft. Die Behauptung, er sei „besser“ als die beiden anderen, trifft nicht zu. Er hat andere Vor- und Nachteile.
Lifeline
Wie sicher sind Adjuvantien wie AS03 oder MF59 und wofür benötigt man sie eigentlich?
Dr. Leidel
Anders als die USA hat die Europäische Union von vornherein auf ein Konzept mit adjuvantierten Impfstoffen gesetzt. Diese haben zwei Vorteile: Zum einen können schneller ausreichende Impfstoffmengen produziert werden. Durch das Adjuvans, das als Immunverstärker wirkt, können mit der gleichen Impfstoffmenge viermal so viele Menschen geimpft werden. Außerdem ist die Reaktion des Immunsystems „breiter“. Es ist bekannt, dass Grippeviren sich recht schnell verändern können. (Dies ist ein Grund dafür, warum der Grippeimpfstoff in jeder Saison wieder neu angepasst werden muss.) Durch die breitere Reaktion des Immunsystems wirken die Antikörper auch noch gegen bereits veränderte Schweinegrippeviren.
Die Adjuvantien bestehen aus natürlichen Substanzen: Squalen, einem Fettstoff, der auch im menschlichen Körper bei der Bildung von Cholesterin entsteht und der z. B. in vielen pflanzlichen Ölen enthalten ist. Das Squalen für die Impfstoffe wird aus Haifischlebern gewonnen. Außerdem enthält das Adjuvans Polysorbat, das aus Pflanzen gewonnen wird, und Vitamin E.
Die Substanzen sind sehr viel besser untersucht, als oft behauptet wird. Das Adjuvans MF 59 ist in einem saisonalen Impfstoff ebenfalls enthalten und wurde über 40 Millionen Mal angewendet, ohne dass irgendwelche Hinweise auf Probleme aufgetreten wären. Auch AS03 ist bereits einige zehntausend Mal problemlos angewendet worden.
Lifeline
Sind diese Impfstoffe auch für Kinder und Schwangere geeignet – oder sollten diese nur Impfstoffe ohne Adjuvantien erhalten?
Dr. Leidel
Es ist für mich kein vernünftiger Grund erkennbar, warum die Adjuvantien nicht bei Kindern eingesetzt werden sollten. Etwas anders verhält es sich mit Schwangeren. Das Immunsystem wird durch den Körper in der Schwangerschaft etwas „herunterreguliert“. Das hat einen guten biologischen Grund: Die Immunabwehr soll sich nicht gegen das ungeborene Kind richten. Und da stellt sich tatsächlich die Frage, wie unbedenklich es ist, wenn man dem durch einen Immunverstärker möglicherweise entgegenwirkt. Andererseits sind Schwangere durch eine Infektion mit dem Virus der Neuen Grippe A/H1N1 („Schweinegrippe“) besonders gefährdet. Ihr Risiko, ins Krankenhaus zu müssen, ist etwa 4 Mal so hoch, das Risiko, zu sterben, etwa 6 Mal so hoch wie für Nichtschwangere. Sollte ein nicht adjuvantierter Impfstoff für Schwangere nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen, halte ich das Risiko einer Impfung mit adjuvantiertem Impfstoff für deutlich geringer als das Risiko einer Infektion durch Schweinegrippe.
Lifeline
Falls ich mich impfen lasse, benötige ich dann trotzdem eine zusätzliche Impfung gegen die „normale“ (saisonale) Grippe?
Dr. Leidel
Ja, die Impfung gegen „Schweinegrippe“ schützt nicht vor der saisonalen Influenza (und umgekehrt). Daher ist in dieser Saison sowohl die Impfung gegen „Schweinegrippe“ als auch die Impfung gegen die saisonale Grippe erforderlich.
Lifeline
Herr Dr. Leidel, wir bedanken uns für das Gespräch.








