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Expertenrat Schweinegrippe

Unterschied zu anderen Grippewellen?

Eine Leserin fragt: Über die Schweinegrippe ist ja seit Monaten viel zu lesen. Informationsfluss und Aufklärung sind groß, das Bewusstsein/Wissen darüber verbreitet - auch zu vorbeugenden Schutzmaßnahmen und zur Symptomerkennung.

Man hat aber das Gefühl, eine Ansteckung mit diesem Virus und die Erkrankung an der 'Schweinegrippe' haben etwas Stigmatisierendes. Erkrankte scheuen sich zuzugeben, tatsächlich betroffen (gewesen) zu sein.

Gibt es bei dieser Grippewelle einen medizinischen Unterschied zu anderen Grippewellen, die regelmäßig daherkommen? Oder sich das einfach nur ein bisschen verselbstständigt?

Herr Dr. Leidel: Ich glaube, man kann die derzeitige Situation nur dann richtig verstehen, wenn man sich ein paar Jahre zurückerinnert. Da drohte die sogenannte "Vogelgrippe" (H5N1) auf den Menschen überzuspringen und eine Pandemie auszulösen. Dieses Virus war – auch wenn es Menschen nur in glücklicherweise relativ seltenen Fällen anstecken konnte - unglaublich gefährlich. Etwa 60 Prozent der Erkrankten starben.

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In dieser Zeit haben die Staaten unter der Führung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Pandemiepläne entwickelt und die pharmazeutische Industrie dazu bewogen, sich auf die Entwicklung pandemischer Impfstoffe zu stürzen, obwohl keineswegs sicher war, dass dies wirtschaftlich sinnvoll sein würde.

Dann ist es zu unserem Glück anders gekommen. Statt des hochgefährlichen H5N1 hat ein anderes neues Virus (H1N1) begonnen, sich von Mensch zu Mensch auszubreiten. Es handelt sich dabei tatsächlich um ein ganz neues Virus, das sich deutlich von früher bereits zirkulierenden Viren des Subtyps H1N1 unterscheidet. Als es in zwei WHO-Regionen (diese kann man in etwa mit den Erdteilen vergleichen), nämlich in Mittel- und Nordamerika sowie in Europa zu einer nachhaltigen Mensch-zu-Mensch-Übertragung kam, musste die WHO definitionsgemäß die Pandemie ausrufen, betonte aber gleichzeitig, dass die Krankheitsverläufe überwiegend mild seien.

Nun traten die nationalen Pandemiepläne in Kraft und wegen der bereits geleisteten Vorarbeiten, konnte verhältnismäßig rasch mit der Produktion eines, an die neue Situation angepassten, Impfstoffs begonnen werden.

Zunächst wusste niemand, wie sich das neue Virus auswirken würde. Die unterschiedliche Beantwortung dieser Frage hat sicher viele Menschen verunsichert. Durch widersprüchliche Aussagen zur Sicherheit der Impfstoffe wurde dies noch verstärkt. Das Vertrauen in die zuständigen nationalen und internationalen Behörden und Wissenschaftlern und die Fähigkeit selbst einen kühlen Kopf zu bewahren, sind gesunken. Schließlich wurde jedes Gerücht und jedes bewusst verbreitete Märchen begierig aufgenommen (Impfstoff gefährlicher als die Krankheit, Impfstoff nicht ausreichend getestet, Verstärker verantwortlich für Golfkriegs-Syndrom, Nanopartikel im Impfstoff, usw.). So entstand meines Erachtens das, was Sie recht freundlich als Verselbstständigung bezeichnen.

Was ist nun wirklich Sache:

Es handelt sich um ein neues Virus, gegen das es in der Bevölkerung (vielleicht mit Ausnahmen bei den Älteren) keine nennenswerte Immunität gibt. Das Virus ist etwas ansteckender als es die saisonalen Typen und Subtypen meist sind. Beides zusammen führt dazu, dass die Zahl der Infizierten und Erkrankten eher etwas höher ist als bei einer saisonalen Grippewelle. Auffallend ist, dass die Altersverteilung sich deutlich von der während der saisonalen Grippe unterscheidet. Betroffen sind vor allem Kinder und junge Erwachsene. Menschen über 60 erkranken überraschend selten. Die Verläufe sind zu etwa 95 Prozent verhältnismäßig mild, oft eher milder als es in den saisonalen Wellen durchschnittlich der Fall ist. Aber zugleich gibt es auch Verläufe, die ungewöhnlich heftig sind und rasch eine Behandlung auf der Intensivstation erforderlich machen. Diese schweren Verläufe betreffen meist (aber durchaus nicht immer!) Menschen mit bereits bestehenden Vorerkrankungen.

Auch jetzt weiß niemand, ob diese Charakteristika so bleiben. Bei den Pandemien des vergangenen Jahrhunderts gab es stets mehrere Wellen, die sich in ihrer Heftigkeit und Gefährlichkeit voneinander unterschieden. Diesmal sind wir besser vorbereitet als in der Vergangenheit, die Medizin hat sich weiterentwickelt und insbesondere verfügen wir diesmal erstmals in der Frühphase einer Pandemie über einen wirksamen und sicheren Impfstoff.

Das sollte uns die Gelassenheit geben, die weitere Entwicklung in Ruhe abzuwarten, etwas mehr Vertrauen in die zuständigen Institute und Organisationen zu haben und die Rundmails mit neuen Schauermärchen nicht zu ernst zu nehmen.


Quelle: Anfrage eines Nutzers im Lifeline-Expertenrat
Autor: Dr. Leidel/Expertenrat Schweinegrippe/Springer Medizin
Stand: Dec 9, 2009


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