
Vernunft oder Gefühl
Wie entscheiden wir richtig?
Eine Flut von Informationen und ständig wechselnden Anforderungen bestimmt unseren Alltag. Jeder Moment verlangt von uns Entscheidungen unterschiedlichster Art. Ratio oder Intuition, wer ist der bessere Ratgeber?
Treffsicherheit im Bruchteil einer Sekunde
Haben Sie manchmal das Gefühl, etwas tun zu müssen, aber nicht zu wissen, warum? Oder Sie wissen genau, dass eine Entscheidung richtig ist, aber sie können sie nicht begründen? Entscheidungen ziehen Konsequenzen nach sich, im Guten wie im Schlechten. Kompetenz in allen Lebensbereichen hängt davon ab, wie schnell und treffsicher wir die richtigen Entscheidungen fällen, oft im Bruchteil einer Sekunde. Doch wie kommen sie zustande?
Die bewusste Verarbeitung von Informationen im Gehirn findet im Arbeitsspeicher statt. Hier laufen alle Wahrnehmungen zusammen, werden bewertet, sortiert, neu verknüpft, wieder gelöscht oder gespeichert. Neuere Untersuchungen legen nahe, dass der Botenstoff Dopamin als eine Art Belohnungssystem des Gehirns einen Einfluss auf bewusste Entscheidungsprozesse hat. Ist ein Problem erfolgreich gelöst oder eine wichtige Entscheidung getroffen, wird demnach vermehrt Dopamin in den Nervenzellen ausgeschüttet, wobei das "Glückshormon" die Gedächtnisbildung fördert und darüber hinaus dazu motiviert, aus aktuellen Informationen wiederum richtige Voraussagen für die Zukunft zu treffen und damit Entscheidungsprozesse zu optimieren.
Komplexität - die Grenze der Vernunft
Doch entscheiden wir bewusst und überlegt auch immer richtig? Nein, meinen Kognitionsforscher und Psychologen - gerade bei komplexen Fragestellungen nicht. Unser Gehirn stößt im Alltag immer wieder an Grenzen, die das bewusste Entscheiden torpedieren. Daher neigt es dazu, sich das Denken so einfach wie möglich zu machen - beispielsweise indem es sich auf bereits erworbenes Wissen stützt. "Was gestern funktionierte, wird auch heute gehen", ist daher eine Strategie des Entscheidens. Sie führt zum Erfolg, solange die Rahmenbedingungen gleich bleiben, funktioniert allerdings nicht, wenn Flexibilität gefragt ist.
Ebenfalls ein Problem der Komplexität: Das Gehirn ist nicht in der Lage, sich sehr große Zahlen vorzustellen. Das illustriert ein Versuch, bei dem die Probanden folgende Aufgabe lösen sollten: In einem Teich schwimmt am ersten Tag ein Seerosenblatt, am nächsten sind es zwei. Nach vierzehn Tagen ist der Teich zur Hälfte mit Blättern bedeckt. Wann wird der gesamte Teich bedeckt sein? Die meisten Befragten antworteten darauf: "Nach einem Monat." Diese Antwort ist falsch. Richtig ist: "Am nächsten Tag."
Erreicht ein Problem einen bestimmten Grad an Komplexität, scheint langes Nachdenken, also ein vernunftorientierter Entscheidungsfindungsprozess paradoxerweise nicht zu einer besseren Lösung zu führen, sondern schlicht zur Überforderung des Arbeitsspeichers. Spätestens hier kommen Intuition, Emotionen und persönliche Motive zum Zuge - eine Entscheidungsebene, die auch im beruflichen Alltag von größerer Bedeutung ist, als wir es in vielen Fällen vermuten würden.
Intuition - Schneller als der Verstand?
Als Intuition bezeichnen Kognitionsforscher die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, ohne sich der Informationen, die ihnen zugrunde liegen, bewusst zu sein. Sie funktionieren schnell und mühelos. Emotionen haben für Entscheidungsprozesse und bei der Informationsverarbeitung insgesamt eine Schlüsselrolle. Nicht umsonst spricht die Wissenschaft von drei Gehirnsystemen des Menschen, die nur im Zusammenspiel die volle Gehirnleistung erbringen: Das Großhirn, in dem alle höheren Prozesse wie Denken, Lernen und Sprechen gesteuert werden, benötigt für Entscheidungsprozesse zwingend das Limbische System, unser emotionales Zentrum, in dem alle eingehenden Informationen emotional bewertet werden. Instinkte, Reflexe und Triebe, die unbewusst ablaufen, sind im Reptiliengehirn angesiedelt, dem evolutionsgeschichtlich ältesten Teil des Gehirns.
Dass Menschen unter bestimmten Bedingungen sogar in der Lage sind, Chancen und Wahrscheinlichkeiten intuitiv gut abzuschätzen, zeigte ein Versuch des Psychologen Fuat Balci von der Universität Princeton: Seine Probanden mussten am PC in Sekundenschnelle immer wieder intuitiv entscheiden, wann und in welche Richtung sie zu gehen hatten, um eine Belohnung (in diesem Fall virtuelle Spielpunkte) zu erhalten, ohne dass sie vorher wussten, wo und wann diese zu finden war. Sie kamen der statistisch berechneten Wahrscheinlichkeit sehr nahe.
Frei nach Jane Austen: Vernunft und Gefühl
Zusammen genommen deuten die wissenschaftlichen Ergebnisse darauf hin, dass bewusstes Nachdenken nur bis zu einer bestimmten Komplexität des Entscheidungsprozesses tatsächlich zu besseren Ergebnissen führt. Darüber hinaus ist unser Gehirn schlicht überfordert. Dann hilft auch kein längeres Nachdenken. In diesen Situationen treffen wir intuitiv häufig die bessere Entscheidung. Ratio und Intuition sind also keine Gegensätze. Sie ergänzen sich. Um unseren Alltagsanforderungen gewachsen zu sein, benötigen wir beides.





