Unterschätzter Knochenkiller

Osteoporose lässt Knochen von Millionen zerbröseln

Geziehlte Behandlung kann dem Knochenschwund Einhalt gebieten

Während Erkrankungen wie Diabetes, Krebs oder Herzinfarkt bekannt und gefürchtet sind, wird die Osteoporose oft als harmlose Altfrauenkrankheit abgetan. Dabei sind allein in Deutschland über sechs Millionen Menschen betroffen, und die Zahl osteoporose-bedingter Knochenbrüche steigt. Wie die Krankheit gut therapiert werden kann, hat ein spezialisiertes Ärztenetz im Rheinland gezeigt.

Osteoporose lässt Knochen von Millionen zerbröseln
Vielen Patienten ist nicht bewusst, was Osteoporose anrichten kann. Daher ist es wichtig, dass sich Ärzte Zeit für Beratung und Information nehmen.
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Dass Osteoporose das Ausmaß einer Volkskrankheit hat, zeigt eine im Januar 2013 veröffentlichte Studie: Eine Forschergruppe hatte die Abrechnungsdaten der Technikerkrankenkasse (TK) zwischen 2006 und 2009 analysiert. Unter den 1,7 Millionen über 50-Jährigen, die in diesem Zeitraum bei der TK versichert waren, konnten die Wissenschaftler 331.468 Osteoporose-Patienten ermitteln. Auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet bedeutet das, dass in Deutschland rund 6.3 Millionen Menschen von dem heimtückischen Knochenschwund betroffen sind. Allerdings erhält nur etwa ein Fünftel Medikamente zur Behandlung der Osteoporose - womöglich mit ein Grund, dass 52 Prozent der TK-Versicherten mit Osteoporose im Beobachtungszeitraum einen oder mehrere Knochenbrüche erlitten, die auf den Knochenschwund zurückzuführen sind. Die Studienautoren jedenfalls kommen zu dem Schluss: "Die große Zahl der Versicherten mit Frakturen und Mehrfachfrakturen lässt einen Optimierungsbedarf bei der Behandlung vermuten".

Osteoporose-Therapie gemäß Leitlinien hat Seltenheitswert

Ein Fazit, zudem auch andere Experten kommen. So schreibt Markus Gosch, Vorstandsmitglied der Österreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie, in der Fachzeitschrift MMW - Fortschritte der Medizin: "Trotz der immensen Bedeutung osteoporotischer Frakturen und der vielen zur Verfügung stehenden Therapieoptionen erhalten in Deutschland nur etwa elf Prozent aller Osteoporose-Patienten eine den aktuellen Leitlinien entsprechende Therapie."

Dies wäre aber wichtig, um Betroffenen viel Leid zu ersparen. Nach Expertenmeinung ließe sich mit einer adäquaten Behandlung mehr als die Hälfte aller osteoporotisch bedingten Knochenbrüche vermeiden. Diese treten ohne Behandlung vermehrt in zunehmendem Alter auf: Jede dritte Frau und jeder fünfte Mann über 50 Jahren erleiden in Deutschland im weiteren Leben eine osteoporotisch bedingte Fraktur, schreibt Experte Gosch. Tendenz steigend: Angesichts einer älter werdenden Gesellschaft sei mit einer Verdoppelung der Anzahl osteoporotischer Knochenbrüche bis zum Jahr 2050 zu rechnen.

Patienten sehen oft keinen Handlungsbedarf

Dass die Osteoporose oft nicht oder unzureichend therapiert wird, liegt nicht nur an den Ärzten, sondern auch an den Patienten. In der Öffentlichkeit wird die Krankheit nicht so ernst genommen wie andere chronische Erkrankungen, zum Beispiel Diabetes oder Krebs. Viele tun sie als "Altefrauenkrankheit" ab. Darunter leiden Prävention und Therapie, zumal der schleichende Knochenschwund lange keine Beschwerden verursacht. Betroffene gehen also nicht zum Arzt oder folgen den Anweisungen des Arztes nicht ausreichend.

Das bestätigen auch Ärzte des Kompetenznetzwerks Osteoporose Nordrhein, dessen Behandlungserfolge sich sehen lassen können. Eine große Hürde bestehe aber darin, Patienten von der Teilnahme zu überzeugen, berichtet Christopher Niedhart in der "Ärztezeitung". Nach Erfahrung des Orthopäden und Rheumatologen sehen die Patienten oft keinen Handlungsbedarf, weil die Krankheit sich so langsam entwickelt, oder glauben, dass sich der Krankheitsverlauf nicht ändern lässt. "Die Therapietreue bei Osteoporose ist schlecht", fasst er zusammen.

35 Prozent weniger Knochenbrüche im Osteoporose-Kompetenznetzwerk

Umso beachtlicher sind die Erfolge, die das 2005 in der Region Aachen gegründete und 2009 auf das gesamte Rheinland ausgeweitete Kompetenznetzwerk Osteoporose Nordrhein verbuchen kann. Die Compliance, wie Ärzte die Therapietreue ihrer Patienten auch nennen, liegt in Bezug auf die Arzneimittelversorgung um 70 Prozent über der einer Kontrollgruppe von Patienten mit Osteoporose, die nicht an dem Programm teilnehmen, berichtet die Ärztezeitung. Der Schmerzmittelverbrauch der Patienten in dem Netzwerk sei um 15 Prozent gesunken, die Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund von osteoporose-bedingten Knochenbrüchen um 35 Prozent zurückgegangen.

Grundlage des Kompetenznetzwerkes ist eine sogenannter Vertrag zur integrierten Versorgung (IV-Vertrag). Solche Verträge ermöglichen eine bessere Vernetzung unterschiedlicher Anbieter medizinischer Leistungen, zum Beispiel von Krankenhausärzten und Niedergelassenen. Es lassen sich unter anderem besondere Therapie- und Qualifikationsanforderungen festlegen. Die AOK Rheinland/Hamburg hat den Osteoporosevertrag mit rund 130 niedergelassenen Ärzte mit der Zusatzqualifikation Osteologie und sechs Krankenhäuser mit Fachabteilungen oder Spezialambulanzen geschlossen. Das Erfolgsgeheimnis des Kompetenznetzwerkes Osteoporose Nordrhein liegt vor allem in mehr Zeit für Information und Beratung der Patienten, der besseren Abstimmung der Ärzte untereinander und einer an Leitlinien orientierten Therapie. Matthias Mohrmann, Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg, sieht in dem Ansatz des Kompetenznetzwerkes den richtigen Weg und hält eine Ausweitung dieses Versorgungsmodells innerhalb des AOK-Systems für sinnvoll.

Kasse nach IV-Vertrag Osteoporose fragen

Für Osteoporose-Patienten bedeutet dies, zur Therapie gezielt nach einem derartigen Netzwerk Ausschau zu halten. Denn die AOK Rheinland/Hamburg ist nicht die einzige Krankenkasse, die mit einem Vertrag zur Integrierten Versorgung die Früherkennung und Therapie der Osteoporose verbessern will. Auch Ersatzkassen wie die TK und die Barmer Ersatzkasse sowie Betriebskrankenkasse haben IV-Verträge Osteoporose geschlossen. Fragen Sie bei Ihrer Kasse nach!

Essen gegen Osteoporose

Autor:
Letzte Aktualisierung: 04. Juni 2014
Quellen: Prof. Peyman Hadji et al., Epidemiologie der Osteoporose – Bone Evaluation Study: Eine Analyse von Krankenkassen-Routinedaten, in: Dtsch Arztebl Int 2013; 110(4): 52-7; Mag. Dr. med. Markus Gosch, Diagnose und Therapie der postmenopausalen Osteoporose: Nicht warten, bis die Knochen brechen!, in: MMW - Fortschritte der Medizin 2013, Ausgabe S1; Ilse Schlingensiepen, Osteoporose-Netz zieht erfolgreiche Bilanz, in: Ärzte Zeitung online, 18.10.2013

Beitrag zum Thema aus der Community
  • Wechseljahre
    Osteoporose durch Medikamente?
    16.02.2013 | 14:00 Uhr

    Guten Tag, ich nehme folgende Medikamente täglich ein: 150 mg Lamotrigin und 40 mg...   mehr...

  • Forum Osteoporose/Knochenschwund
    Laufen mit Osteoporose!?
    08.03.2011 | 12:29 Uhr

    Seit 3 Jahren laufe ich(38Jahre) und hatte nie Probleme.Da ich dieses Jahr wieder den...   mehr...

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