Lesbische Liebe
Lesbische Liebe im Spiegel der Wissenschaft
Frauen liebende Frauen hat es zu allen Zeiten gegeben, auch wenn Zeugnisse ihrer Existenz hinter Formeln wie "innige Freundschaft" oder "weibliche Seelenverwandtschaft" verschwunden sind.
Frauen sind in der Geschichte des christlichen Abendlandes stets als das zweite Geschlecht gesehen und behandelt worden, als Objekte von Mannes Gnaden. Auch ihre Sexualität wurde in direkter Beziehung zu der des Mannes definiert; diesem hatten sie zur Verfügung zu stehen und auf seine Bedürfnisse zu reagieren. Eigene sexuelle Wünsche oder gar Aktivität kamen in der männlichen Sicht auf Frauen nicht vor. Liebe, Zärtlichkeit und Sexualität unter Frauen wurde nicht ernst genommen, galt als neckischer Zeitvertreib zu Kriegszeiten, im Kloster oder im Gefängnis.
Dieser Ignoranz ist es geschuldet, dass weibliche Homosexualität im Gegensatz zu männlicher oft keiner weiteren Beachtung, aber auch keiner ausdrücklichen Verfolgung ausgesetzt war. Als sexuelle Verirrung rückt sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Blickfeld der sich formierenden Sexualwissenschaft.
Im psychiatrischen Sinne behandlungsbedürftig
Diese Disziplin beschreibt die Sexualität vor der Folie der heterosexuellen Norm und interessiert sich besonders für die Abweichungen. Der deutsche Psychiater Richard von Krafft-Ebing publiziert 1886 erstmals seine klinisch-forensischen Studien zur Homosexualität unter dem vielsagenden Titel "Psychopathia Sexualis". Der Tenor dieser Schrift ist eindeutig, denn ganz im Stil des damals gängigen (Sozial-)Darwinismus wird Sexualität ausschließlich unter dem Aspekt der Fortpflanzung betrachtet. Jede Abweichung von dieser Funktion kann nur eine evolutionäre Degeneration und im psychiatrischen Sinne behandlungsbedürftig sein.
Hintergrund dieses Gedankens ist die Annahme, dass ein genuiner Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Erregung bestehe und dass sexuelle Attraktivität nur zwischen ungleichen Polen denkbar sei. Lesbische Liebe ist in Krafft-Ebings Augen eine auf einer krankhaften Natur beruhende, seelische und körperliche Vermännlichung. In späteren Jahren unterscheidet er zwischen einer angeborenen und erworbenen weiblichen Homosexualität. Um ihr entgegenzuwirken, plädiert er leidenschaftlich für deren Bestrafung.
Diese zur offiziellen Lehrmeinung avancierte These hat der Berliner Arzt Magnus Hirschfeld im Blick, als er 1901 im Rahmen seiner "Theorie der sexuellen Zwischenstufen" den Terminus des "3. Geschlechtes" kreiert. Hierunter subsumiert er Homosexuelle, Prostituierte, Transvestiten und biologische Zwitter. Ziel ist es, dem 3. Geschlecht eine Schicksalhaftigkeit zuzuschreiben, für die die Einzelne nicht verantwortlich ist. Mit dem gleichgeschlechtlichen Empfinden geht nach Hirschfeld eine körperliche Intersexualität einher, die auf einer unvollständigen Drüsenentwicklung in der Pubertät beruhe. Die Liebe zum eigenen Geschlecht sei angeboren und deshalb ein natürliches Phänomen.
Hirschfeld gründet 1897 das wissenschaftlich-humanitäre Komitee und agitiert politisch gegen den berüchtigten Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches (StGB), der (männliche) Homosexualität mit Gefängnis bedroht. In Zusammenarbeit mit dem linken Flügel der Frauenbewegung engagiert er sich gegen den Paragrafen 218 des Grundgesetzes für das Recht der Frauen auf Abtreibung. Er insistiert auf der kulturellen und wirtschaftlichen Nützlichkeit homosexueller Menschen für die Gesellschaft. Als Arzt wendet er sich gegen eine "Therapie" der Homosexualität, die er ohnehin für sinnlos hält. Er führt empirische Studien durch und zitiert in seinen Schriften regelmäßig homosexuelle Männer und Frauen, die von einer tiefen Erfüllung ihrer Liebe berichten. Hirschfeld versteht sich als Aufklärer, für den das Problem der Homosexualität eines der fehlenden Akzeptanz der heterosexuellen Mehrheit ist.
Weibliche Homosexualität für Freud Zeichen der Unreife
Der Begründer der Psychoanalyse,
Sigmund Freud, ist der erste Forscher, der eine Dynamik speziell der weiblichen Homosexualität entwickelt. In seinen "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) postuliert Freud eine grundsätzliche psychische Anlage zur Bisexualität, die aller menschlichen Entwicklung zugrunde liegt. Er spricht von mehreren Abstufungen der Homosexualität, die er auch Inversion nennt.
Das junge Mädchen macht irgendwann im Spiel mit Jungen die nach Freud traumatische Entdeckung des physischen Geschlechtsunterschieds; manche Mädchen ignorieren das unterstellte Gefühl der Unvollständigkeit und halten fest an der Konkurrenz mit Männern. Der allen Frauen eigene Penisneid, folgert Freud ganz im Stil seiner Zeit, führe stets zu Kompensationsversuchen. Weibliche Homosexualität sei ein Versuch, die narzisstische Kränkung über das körperliche Defizit durch eine männlich geprägte Objektwahl zu überwinden. Da eine Frau eine andere aber nie so befriedigen könne wie ein Mann, ist eine ausgeprägte weibliche Homosexualität für Freud ein Zeichen von Unreife.
In der Hierarchie der Perversionen stehe sie allerdings deutlich über anderen, weil sie auf einen realen Menschen gerichtet sei und sich nicht in Fantasien oder der Benutzung eines Fetischs erschöpfe. Wichtig an dieser antiquierten Sicht (weiblicher) Homosexualität ist die analytische Distanz zum Gegenstand. So geht es Freud nicht darum, gleichgeschlechtliche Liebe moralisch zu verwerfen; vielmehr versucht er, sie deskriptiv in sein
Die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland beendet abrupt jede wohlwollende Forschung zur Homosexualität. Führende Mediziner und Psychiater des Dritten Reiches treten vehement für deren gnadenlose Ausmerzung ein. In abstrusen und theoretisch haltlosen Pamphleten glauben sie den Nachweis zu führen, männliche wie auch weibliche Homosexualität sei der Bodensatz menschlicher Regungen. Von diesem wissenschaftlichen Desaster, auf das die gezielte Ermordung zehntausender Schwuler in den Konzentrationslagern folgt, hat sich die Forschung lange Jahre nicht erholt.
Aspekt der Homoemotionalität
Die jüdische Ärztin Charlotte Wolff gehört zu den zahllosen von den Nazis aus Deutschland vertriebenen Menschen. Sie flieht über Paris nach London, wo sie nach anfänglichen Schwierigkeiten als Ärztin und Psychiaterin arbeiten kann. Im Jahre 1971 veröffentlicht sie eine empirische Studie über "Die Psychologie der lesbischen Liebe". Eine englische Lesbenorganisation hatte ihr den Kontakt zu 108 lesbischen Frauen vermittelt, die, unter Zusicherung höchster Diskretion, einen detaillierten Fragebogen ausfüllten und in Tiefeninterviews direkt Auskunft gaben. Mit Freud nimmt Wolff die psychische Bisexualität des Menschen an, lehnt jedoch dessen Konstrukt der körperlichen Unvollständigkeit der Frau ab.
In ihrer Untersuchung der Liebe unter Frauen hebt sie den Aspekt der Homoemotionalität hervor. Ein Ergebnis ihrer Studie ist die These, dass für die Entwicklung einer lesbischen Orientierung das symbiotische Verhältnis zwischen Mutter und Tochter förderlich sei. Massive Frustrationen in der Kindheit, wie etwa das Zurückstehen hinter einem mehr geliebten Bruder, führten reflexartig dazu, dass die erwachsene Frau die schützende Einheit mit der Mutter mit einer Geliebten nachzuholen strebe. Diese Sehnsucht nach dem Unerreichbaren ist nach Wolff charakteristisch für die lesbische Liebe, ebenso wie deren generelle Instabilität.
Sie zeichnet ein tragisches Bild weiblicher Homosexualität: Traurigkeit, romantisierende Realitätsblindheit, Resignation und Schuldgefühle sind für sie wesentliche Eigenschaften. Sie ergänzt, dass der enorme Druck der homophoben Gesellschaft viele lesbische Frauen in den Alkoholismus oder in Neurosen treibt. Charlotte Wolffs Beschreibung lesbischer Liebe quasi von innen dient keineswegs ihrer Pathologisierung, sondern hat das erklärte Werben um mehr Toleranz zum Ziel.









