Lesben & Schwule

Schwule und Lesben: Wie Hund und Katz'

Lesben halten Schwule für oberflächlich und eitel; Schwule denken, Lesben seien humorlos, separatistisch und zwanghaft politisch korrekt. Außerdem seien sie selbst schuld an der ihrer oft beklagten Nichtwahrnehmung.

Wenn sich Schwule und Lesben organisieren, gehen sie folgendermaßen vor: Die Schwulen wählen einen Vorstand und kaufen ein Faxgerät, die Lesben diskutieren mindestens zwei Stunden darüber, ob Hunde in den Versammlungsraum dürfen. Wie in jeder Übertreibung, steckt auch in dieser Anekdote ein Körnchen Wahrheit. Stephanie ist 32 und lebt in Berlin. Durch ihre Arbeit als Journalistin hat sie viel mit Schwulen zu tun: "Was ich an Schwulen mag, zumindest an denen, die ich kenne, ist ihre offene und verspielte Art. Das macht das gemeinsame Arbeiten in Stresssituationen einfach angenehm, da müssen sie sich nicht so dringend beweisen und hervortun wie Heteros.
Allerdings haben viele Schwule schlicht einen blinden Fleck, wenn es um Frauenbelange geht: Gewalt gegen Frauen, die unterschiedslos Lesben wie Heteras trifft, ist ihnen egal. Da sehen sie für sich keinen Handlungs- oder auch nur Solidarisierungsbedarf. Gleichzeitig finden sie es total normal, wenn sie von Frauen unterstützt werden in Sachen AIDS und Paragraf 175. Da sehe ich es wieder: Schwule sind halt auch nur Männer, sie finden es richtig, dass frau ihnen einfach so hilft und kommen selten auf den Gedanken, mal etwas zurückzugeben."

Karin ist 25 und studiert Informatik in Düsseldorf. Privat wie an der Uni hat sie viel mit Schwulen zu tun, sie teilt eine Wohnung mit ihrem besten schwulen Freund. "Ich bin gern mit schwulen Männern zusammen. Wir lachen viel miteinander, erzählen uns gegenseitig von unseren neuen Eroberungen, trösten einander, wenn wir Kummer haben, gehen in der Clique zum Cristopher Street Day (CSD). Lesben unter sich sind leider nicht so locker und humorvoll, da wird es schnell so grundsätzlich: Ist es nun okay, SM zu mögen oder nicht; ist es Verrat, mal mit einem Mann ins Bett zu gehen oder nicht usw. Ich finde es schade, dass es für Lesben nicht die gleiche sexuelle Infrastruktur gibt wie für Schwule, also Darkrooms oder Saunen, wo es einfach nur um Sex geht."

Viele Dinge gemeinsam

Auf den ersten Blick haben Schwule und Lesben viele Dinge gemeinsam. Da ist das Coming-out, das ihnen verdeutlicht, dass sie als Minderheit in einer Gesellschaft leben, in der Heterosexualität die unterstellte Norm ist. Beide müssen lernen, mit der Stigmatisierung ihrer Sexualität und ihrer Lebensweise durch die Umwelt umzugehen.

Auch aus rechtlicher Sicht gibt es deutliche Unterschiede zur heterosexuellen Umgebung. So kann im Krankheitsfall dem Partner bzw. der Partnerin die Auskunft über den Zustand des Patienten bzw. der Patientin mit dem Hinweis verweigert werden, der/die Nachfragende gehöre ja nicht zur Familie. Im Todesfall der Partnerin bzw. des Partners muss eine Lesbe ebenso wie ein Schwuler damit rechnen, aus einer gemeinsamen Wohnung zu fliegen, während bei Heteropaaren (auch unverheirateten) hingegen automatisch die Option besteht, den Mietvertrag zu übernehmen. Auch in punkto Adoptionswunsch sind die Hürden für Homosexuelle ungleich höher als für Heterosexuelle. Lediglich der Jugendschutz macht bei der Frage der sexuellen Selbstbestimmung keinen Unterschied mehr zwischen Homos und Heteros: Das Schutzalter für Jugendliche beiderlei Geschlechts und beiderlei sexueller Orientierung liegt bei 16 Jahren.

Und doch gibt es jenseits der juristischen Bedingungen deutliche Unterschiede zwischen Lesben und Schwulen. Es ist für (schwule) Männer einfacher, ein Leben zu führen jenseits heterosexueller Zumutungen, als für (lesbische) Frauen. Das liegt einfach daran, dass Männer nach wie vor stark über die Berufsarbeit definiert werden (und das auch selbst tun), während Frauen gerne ein Platz im Herzen der Familie zugewiesen wird. Ein allein lebender Mann ist weniger suspekt als eine allein stehende Frau, bei der eher vermutet wird, etwas sei "nicht in Ordnung." Schwule kommen als Männer in den Genuss der männlich geprägten Vorstellungen über Berufsarbeit, es gelingt ihnen tendenziell besser, im Beruf Fuß zu fassen und sozial unauffällig zu leben. Lesben mit dem Hang zur Unabhängigkeit werden in erster Linie als Frauen gesehen, sie finden schwerer Arbeit und nur selten eine gutbezahlte.

Beruflich-finanzielles Gefälle

Dieses beruflich-finanzielle Gefälle spiegelt sich auch wider in den ausdifferenzierten schwulen und lesbischen Subkulturen. In jeder großen Stadt gibt es eine imposante schwule Infrastruktur: Kneipen, Discos, Saunen, Sexshops, Buchläden, Beratungsstellen usw. in die sich kaum ein Heteromann verirren wird. Demgegenüber gibt es sehr viel weniger lesbische Projekte, die oft in allgemeine Frauenräume integriert sind.

Ein Standardvorwurf aus Lesbenkreisen an die schwulen Brüder ist die weitgehende Gleichgültigkeit gegenüber den sozialen Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Schwule seien nicht an einer grundlegenden Veränderung der Geschlechterverhältnisse, die immer auch Machtverhältnisse sind, interessiert, es gehe ihnen lediglich um die persönliche Teilhabe an den Segnungen der patriarchalen Gesellschaft.

Nach den Jahren des Separatismus und des bewussten Nichtwahrnehmens gibt es auch eine partielle Zusammenarbeit zwischen Schwulen und Lesben. Da ist natürlich der CSD, der alljährlich Ende Juni Zehntausende Schwule und Lesben auf die Straßen treibt. Seit zwei Jahren gibt es einen Verlag, der Bücher für Schwule und Lesben produziert - der erste seiner Art.

Es gibt, nicht zuletzt vor dem Hintergrund chronisch leerer öffentlicher Kassen, vorsichtige Annäherungen zwischen schwulen und lesbischen Projekten, die (noch) mit Staatsgeldern gefördert werden. Und es werden Perspektiven des Vorgehens ausgelotet, wie den massiven gesellschaftlichen Konflikten der Zukunft (und auch schon der Gegenwart) bei weiteren zu erwartenden Einschnitten ins soziale Netz begegnet werden kann.


Autor: Springer Medizin
Stand: Sep 25, 2000


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