
Potenz & Impotenz
Erektionsprobleme: Sexualtherapie sinnvoll
Männern mit psychisch bedingten Erektionsstörungen bereitet Sex meistens keinen Genuss: Zu sehr ist er mit Leistungsdruck und Versagensängsten verbunden. Jeder gescheiterte Versuch, mit der Partnerin zu schlafen, erhöht die Anspannung nur noch. Sexualtherapeuten sind darum überzeugt: Am besten Mann und Frau fangen wieder bei Null an und berühren sich zunächst nur ganz sacht.
"Der Druck, die Angst, das negativ Besetzte am sexuellen Kontakt soll durch die Sexualtherapie herausgenommen werden", sagt Thomas Pfaff, Sexual- und Psychotherapeut bei Pro Familia. Darum bekommen die Paare anfangs einfache Sensualitätsübungen als Hausaufgabe auf: Es fängt damit an, dass sie sich gegenseitig in Rücken- und Bauchlage mehrere Male etwa 5-10 Minuten lang streicheln. Der Genitalbereich, die Brüste und der Po sind dabei tabu.
Erregung stellt sich nur durch Entspannung ein
Experten nennen diese Übungen, die die US-Sexualforscher William Howell Masters und Virginia Eshelman Johnson (Masters and Johnson) begründet haben, auch Sensate-focus-Übungen. Sie eignen sich besonders für die Therapie psychisch bedingter Erektionsstörungen, die rund 20% aller Fälle von erektiler Dysfunktion ausmachen. "Es geht nicht um Stimulation und Erregung, sondern um ganz entspannten körperlichen Kontakt. Denn der Grundgedanke ist: Nur wenn Entspannung möglich ist, kann sich auch Erregung einstellen", erklärt Pfaff. Ein weiterer Vorteil der Übungen: Das Paar bleibt weiterhin in körperlichem Kontakt und kann sich nicht in Vermeidungsstrategien flüchten. "Viele finden es erleichternd, dass durch die Therapie ein Rahmen gesetzt wird", sagt Pfaff.
Männer mit Erektionsstörungen haben oft nur die Frau im Blick
Eine Grundregel während der Übungen lautet: Nur auf sich selbst schauen, es genießen, zu berühren oder gestreichelt zu werden, ohne dabei den Partner im Blick zu haben. Der Psychologe Prof. Uwe Hartmann spricht in seinem Buch "Erektionsstörungen" auch von "der Notwendigkeit, egoistisch zu sein". Denn viele Patienten mit Erektionsstörungen sind - entgegen dem Klischee vom animalischen, lustfixierten Mann - beim Sex ganz auf die Frau ausgerichtet. "Wie schaffe ich es, meine Frau zum Höhepunkt zu bringen?" Diese Frage steht bei den Männern häufig im Mittelpunkt, meint Pfaff. Eine solche Haltung ruft Stress hervor und führt leicht zu Erektionsstörungen. Ziel der Sexualtherapie ist darum, den Mann zu seinen eigenen Wünschen zurückzubringen.
Was Männer über Sex denken
Die Vorstellung, dass ein Mann seine Frau befriedigen muss, nennen Sexualtherapeuten "sexuelles Skript". Es gibt eine ganze Reihe von Skripten, die der Therapeut in den Sitzungen gemeinsam mit dem Paar aufspürt und diskutiert.
Weitere Beispiele für sexuelle Skripte von Männern sind:
- jede Berührung ist sexuell und soll auch zum Sex führen
- ein Mann zeigt beim Sex, was er wirklich kann
- ein Mann ist allzeit bereit
- Sex ist harte Arbeit
- zum guten Sex gehört ein Orgasmus
- Sex muss immer spontan sein, er soll nicht geplant sein, man muss nicht über ihn reden
Später folgt das Spiel mit der Erregung: Die Männer werden aufgefordert zu masturbieren und eine Erektion aufbauen und wieder abklingen zu lassen. Diese Übung sorgt für Vertrauen in die sexuellen Funktionen und soll verhindern, dass das Paar jede Erektion "mit erheblicher Verkrampfung und mehr vom Willen als von der Lust inspiriert" - sofort 'ausnutzt'", schreibt Hartmann.
In der letzten Stufe der Sensate-focus-Übungen ist dann auch die Penetration erlaubt. Aber dieses Stadium durchlaufen die meisten Paare nicht mehr, weil sie die Therapie bereits vorher erfolgreich abschließen, berichtet Pfaff.
Kombination von Medikamenten und Sexualtherapie oft sinnvoll
Eine Sexualtherapie umfasst etwa 30-35 Sitzungen und ist für viele Paare eine große Hilfe: Die Erfolgsquoten variieren je nach Untersuchung zwischen 56% und 79%. In Frage kommen für die Therapie auch Männer, deren Erektionsstörungen der Arzt als körperlich einstuft, meint Hartmann. "Fast in jedem Fall führt eine wie auch immer verursachte Erektionsstörungen reaktiv zu erheblichen intrapsychischen und partnerschaftlichen Belastungen." Pfaff ist überzeugt: Auch ein Mann, der wegen einer Arteriosklerose Erektionsstörungen hat, entwickelt leicht Versagensängste, die ihn in einen Teufelskreis geraten lassen. In vielen Fällen ist es nach Ansicht beider Experten sinnvoll, die medikamentöse und die sexualtherapeutische Behandlung zu kombinieren.
Quellen: LIFELINE-Gespräch mit Thomas Pfaff, Uwe Hartmann, Christian G. Stief









