
Kamasutra
Wahrheit und Mythos
Kamasutra ist vielen als Sammlung akrobatischer Sexstellungen bekannt. Tatsächlich jedoch liefert das Buch vor allem generelle Einblicke in das Verhältnis von Frau und Mann.
Zwischen 200 und 300 nach Christus zerbrach sich der indische Autor Mallanaga Vatsyayana den Kopf über das Thema der erotischen Liebe. Die Resultate seiner Überlegungen fasste er im Buch Kamasutra zusammen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme handelt es sich hierbei nicht ausschließlich um eine Sammlung schwer nachvollziehbarer Sexualpraktiken sondern viel mehr um eine Anleitung für die gleichermaßen erotische und ethische Lebenskunst.
Das große Sittenbuch des 3. Jahrhunderts
Entstanden ist das Werk in einer Zeit, die noch nichts von individueller Freiheit und Entfaltung wusste. Das Leben des Einzelnen wurde von seiner Kastenzugehörigkeit und den vorherrschenden hinduistischen Glaubenssätzen bestimmt. So mancher Historiker sieht das Kamasutra in diesem Kontext als Anstandsregelwerk, das trotz seiner Sittentreue gegen die gängigen Reglementierungen und vor allem der Beschneidung der Frauen aufbegehrte. Wieder andere schütteln den Kopf bei so viel vermutetem subversivem Potenzial. Sie sehen in dem Werk des indischen Autors vor allem eine Ideenschmiede für wohlhabende Männer, die ihr Genussleben aufpeppen wollen, wobei sich die Rolle der Frau ganz klar auf die der Lustspenderin beschränkt.
So sehr sich die Geister hinsichtlich der Intention des Werkes auch scheiden mögen, fest steht, dass sich das Kamasutra nicht auf die Funktion eines Sex-Führers reduzieren lässt. Im Mittelpunkt des Werkes steht das grundsätzliche Verhältnis von Männern und Frauen. So enthält es etwa Anleitungen, wie man sich dem weiblichen Geschlecht möglichst unverfänglich annähert. Dem männlichen Leser wird außerdem verraten, woran er eine gute Liebhaberin erkennt und falls er bereits einen Ring am Finger trägt, wie er am besten ehebricht.
Pragmatische Anleitungen für prickelnde Stunden
Wer im Kamasutra nach Anregungen sucht, um sein eingefahrenes Sexualleben aufzufrischen und sein Repertoire an Sexstellungen aufzubessern, wird dennoch fündig- vorausgesetzt, er scheitert nicht an den zwar sehr detaillierten, dafür jedoch äußerst wissenschaftlichen bis trockenen Anleitungen für ein zufriedenes Sexualleben. Leidenschaftlich stimmt die Lektüre des entsprechenden Kapitels, das den knappen Namen „Sex“ trägt, sicherlich nicht. Besser geeignet sind da schon Übersetzungen, die es weniger genau mit dem Original meinen. Sie liefern jede Menge anschaulichen erotischen Bildmaterials mit knappen Bildbeschreibungen und einen guten Ansporn, etwas für seine Fitness zu tun.
Sex im Stehen, im Spagat, im Handstand oder in der Kerze - wer jede der beschriebenen Positionen unbeschadet überstehen und dabei auch noch so etwas wie Lust empfinden will, braucht einen gelenkigen Körper. Oder aber er blättert einfach etwas weiter, denn unter den Stellungen finden sich auch weniger halsbrecherische und wohlbekannte Vertreter wie etwa die Löffelchen Position. Was beim Stöbern im Kamasutra generell nicht schadet, ist eine spielerische Einstellung zu den geschilderten Sexualpraktiken und zur eigenen Sexualität. Denn Sex ist kein Sport und Ernsthaftigkeit in Sachen Erotik der reinste Lustkiller.









