Person & Seele
Beim Musizieren sprechen die Gefühle
Aus der Musiktherapie ist bekannt, dass Musik machen - egal ob durch Singen, Pfeifen oder instrumentales Musizieren - Ärger und Spannungen abbaut und gute Stimmung schafft. Das Geheimnis des Musikmachens liegt darin, dass nicht der Verstand, sondern die Gefühle das Sagen haben. Darum ist es nicht wichtig, ob die selbstproduzierten Töne ein wenig "schief" klingen.
Singen ist wieder "in"! Nach Jahren des passiven Konsums wollen jetzt immer mehr Kinder und Jugendliche wieder selbst Musik machen. Vor allem Singen ist gefragt, wie steigende Anmeldungen für Gesangsunterricht in Jugendmusikschulen zeigen. Dieser Boom wird getragen von dem Wunsch vieler Teens, durch eine Blitzkarriere als Popstar berühmt und reich zu werden. Dabei wird leicht vergessen, dass Singen nicht nur eine kommerzielle Seite hat. Der Gesang ist so alt wie die Menschheit. In allen Kulturen hat er eine besondere Rolle gespielt, denn das Musikmachen, insbesondere das Singen, verbindet Menschen und ist eine einzigartige Form für den Gefühlsausdruck - sowohl für Freude und Dank als auch für Groll, Kummer und Schmerz.
Volkslieder wirken besonders wohltuend
Alles, was seelisch belastet, kann durch Gesang gemildert werden. Diese Wirkung haben sich die Geknechteten und Trauernden schon immer zunutze gemacht. Daraus entstanden beispielsweise die "Gospels" der afrikanischen Sklaven in Amerika. In unseren Breiten sind es vor allem die Volkslieder, die unsere Grundstimmungen ausdrücken. Obwohl sie heute fast schon in Vergessenheit geraten sind, können sie mit ihren Texten und Melodien helfen, Trauer oder Ärger zu bewältigen. Wer das Lied "Die Gedanken sind frei" singt, kann besser mit Unterdrückung, Zurückweisung und Wut umgehen. Das Lied "Es waren zwei Königskinder" ermöglicht es, Trauer auszudrücken und sie zu verarbeiten. Und wer Lieder wie "Hoch auf dem gelben Wagen" oder "Es klappert die Mühle am rauschenden Bach" summt, kann sich gute Laune verschaffen. Das Singen beeinflusst also das Gemüt und die Stimmung und kann gezielt dazu eingesetzt werden, sich zu beruhigen und zu entspannen. Eine besonders wohltuende Wirkung haben alpenländische Melodien, Volkslieder, Wiegenlieder und Weihnachtslieder. Ihre einfach strukturierten Melodien und Harmonien vertreiben jede Aufregung. Sie machen ruhig und schläfrig, sie schaffen eine gemütliche Atmosphäre und rufen ein wohliges Gefühl hervor.
Beim Musikmachen sollte das Fühlen im Vordergrund stehen
Beim Singen und beim Musizieren zur eigenen Entspannung kommt es nicht darauf an, möglichst perfekt alle Töne zu treffen. Es geht um den persönlichen Ausdruck, nicht um die Musik als Kunst. Deshalb sind schiefe Töne ebenso erlaubt wie Pfeifen, Klatschen, Summen, Stampfen oder Schreien. Alles, was den eigenen Körper oder Instrumente in Schwingung versetzt, kann genutzt werden, um das auszudrücken, was in einem vorgeht. Dazu ist weder Gesangsunterricht nötig, noch muss man ein Instrument beherrschen. Denn es gibt viele Instrumente wie beispielsweise Trommeln, Rasseln, Xylophone oder Flöten, denen relativ einfach Töne, Laute und Rhythmen zu entlocken sind, ohne dass man sich vorher eingehend damit beschäftigen muss. Es geht auch nicht darum, ein gefälliges Musikstück nach allen Regeln der Kunst zu produzieren. Im Gegenteil - Improvisation ist angesagt! Wer so richtig seine Wut herauslassen oder leise Töne anschlagen will, muss in sich hineinhören. Der Kopf muss ausgeschaltet werden. Analytisches oder strukturiertes Denken schadet bei diesem Prozess nur. Erst wenn das Denken dem Fühlen untergeordnet ist, zeigt sich der wichtigste Effekt der Musik: Sie spricht den Menschen ganzheitlich und auf allen Ebenen an und überwindet dabei Sprachbarrieren und intellektuelle Grenzen.
Musik kann viel bewirken - sie kann ermutigen, beruhigen, entspannen, erheitern und befreien. Die dauernde Musikberieselung im Radio, Supermarkt oder Auto stumpft ab und lässt vergessen, wie viel wir von Musik profitieren können. Wer sich also etwas Gutes tun will, sollte ab und zu selbst ein Liedchen trällern.









