Person & Seele
Warum wir schenken
Bald ist Weihnachten, das Fest der Liebe. Zu Weihnachten gehört, dass Menschen sich Geschenke machen - eben als Ausdruck dieser Liebe. Geschenke sind jedoch nicht immer eine Herzensgabe, sondern sie können zu Dankbarkeit verpflichten und sogar beschämen oder verletzen. Schenken hat viele Funktionen und ist meistens gut gemeint - aber eben nicht immer.
Weihnachten ist das große Fest in unserem Kulturkreis: das Fest der Freude, der Liebe, der Familie und des Schenkens. In der Adventszeit sind die Menschen einen Monat lang wie ausgewechselt: Sie geben sich großzügig und denken fast nur an ihre Liebsten und daran, was ihnen Freude machen könnte. Weihnachten bedeutet aber auch Kommerz pur. In keiner anderen Jahreszeit macht der Handel so viel Umsatz. Obwohl der Konsumrausch, dem die meisten Bundesbürger in der Weihnachtszeit verfallen, häufig kritisiert wird, hat Weihnachten bisher kaum etwas von seinem Zauber eingebüßt. Doch warum schenken wir überhaupt?
Schenken ist ein Verhalten, das in allen Kulturen vorkommt. Dieses Verhalten wird mit verschiedenen Ansätzen erklärt:
- Während Männer sich im Prinzip ständig und mit beliebig vielen Frauen fortpflanzen können, ist die biologische Fortpflanzungsfähigkeit der Frau beschränkt. Deshalb ist sie wählerischer und lässt nicht jeden Mann an sich heran. Der Mann muss also um die Frau buhlen, sie erweichen und ihr Herz gewinnen, um an sein Ziel - Fortpflanzung und Vererbung seiner Gene - zu kommen. Das erreicht er unter anderem, indem er die Frau mit Geschenken umwirbt.
- Schenken wird auch als Austauschhandlung gedeutet: Wie du mir, so ich dir. Macht einer ein Geschenk, so ist der andere - direkt oder indirekt - zu einer ähnlichen Handlung verpflichtet. Das muss jedoch nicht immer ein Geschenk sein, sondern es kann sich auch um einen Gefallen handeln.
- Schenken kann dazu dienen, positive Gefühle wie Liebe, Zuneigung, Wohlwollen und Solidarität auszudrücken. Durch Schenken lassen sich jedoch auch Macht, Einfluss und Status des Schenkenden oder des Beschenkten definieren. Ein teures Geschenk soll beispielsweise ein gutes Licht auf den Schenkenden werfen, kann den Beschenkten aber unangenehm berühren oder gar beschämen, weil er sich vielleicht nicht adäquat revanchieren kann.
- Das Schenken von dauerhaften Gegenständen kann dazu dienen, jemandem ewig im Gedächtnis haften zu bleiben.
- Schenken kann dazu genutzt werden, um Gefühle zu provozieren, hauptsächlich Dankbarkeit. Unpassende Geschenke können aber auch wütend machen oder beschämen.
- Schenken kann auch die eigenen Gefühle und das Bild von sich selbst verbessern. Wer schenkt, fühlt sich meistens großzügig und hält sich für einen guten Menschen.
- Schenken dient dazu, Beziehungen zu festigen.
- Schenken ist nicht immer darauf angelegt, eine der genannten Funktionen zu erfüllen. Manchmal ist schenken auch völlig selbstlos.
"Ein Geschenk ist immer ein Zeichen", sagt der Mainzer Soziologe Gerhard Schmied. Welches Zeichen durch ein Geschenk gesetzt wird, das muss jeder - sowohl als Schenkender als auch als Beschenkter - jeweils selbst herausfinden.









