Person & Seele
Auch Frauen brauchen Rückzugsräume
In herkömmlichen Wohnungen gibt es zwar Räume für Kinder und auch die Männer belegen meist ein "Arbeitszimmer" oder einen "Hobbyraum" - aber ein eigener Raum für Frauen ist nicht vorgesehen. Das kann ganz schön auf die Nerven gehen. Doch schon eine kleine eigene Nische ermöglicht es Frauen, sich auch mal zurückzuziehen. Davon profitiert die ganze Familie.
"Die meisten Frauen wohnen immer noch eher traditionell", sagt die Architektin Karin Gerhardt aus Darmstadt. In einer Durchschnittswohnung mit 2-3 Zimmern, Küche und Bad beanspruchen Frauen mit Familie selten einen Raum für sich - dafür ist einfach nicht genügend Platz. Daher haben viele Frauen kaum eine Chance, auch mal Abstand zu Kind, Partner und Haushalt zu gewinnen.
Neben der herkömmlichen Wohnungsaufteilung sind gesellschaftliche Erwartungen und das eigene Selbstverständnis dafür verantwortlich, dass den meisten Frauen ein eigener Raum fehlt. Für viele Frauen ist die "Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft" für die Familie selbstverständlich. Besonders Mütter beanspruchen selten einen Raum für sich. "In der Vorstellung vieler Deutscher ist die Mutter - im Gegensatz zum Vater - immer verfügbar", sagt Regina Dackweiler, Professorin für Soziologie an der Universität Frankfurt. "Die Tür hinter sich zu schließen, passt nicht in dieses Bild." Doch so viel Selbstlosigkeit kann auf Dauer an die Nerven gehen, vor allem wenn Ruhe und Rückzug dringend gebraucht werden, beispielsweise bei Stress, Krankheit oder einem Trauerfall. Doch auch im Alltag sollte es nicht nur Kindern und Männern, sondern auch Frauen selbstverständlich zustehen, ihr eigenes Reich zu haben, das sie gestalten und in dem sie tun und lassen können, was ihnen gefällt.
Möglichkeiten zum Rückzug: Ecken, Nischen und ehemalige Kinderzimmer
Für Frauen, die schon lange auf ein eigenes Zimmer warten, bietet sich die beste Gelegenheit, wenn die Kinder ausziehen - dann können sie sich im Kinderzimmer einquartieren. Aber selbst wenn kein freies Zimmer vorhanden ist - als Rückzugsort kann schon ein Platz in der Diele dienen, der durch eine Schiebetür abgetrennt wird. "Auch eine Ecke im Schlafzimmer mit einem Sessel oder einem Schreibtisch können ausreichen", sagt Carmen Rosen aus Köln. Die Psychologin rät Frauen außerdem, sich abschließbare Schubladen anzuschaffen, in denen ganz persönliche Unterlagen oder Erinnerungsstücke aufbewahrt werden können. Das habe nichts mit Geheimniskrämerei, sondern mit dem Recht auf eine Privatsphäre zu tun.
Neue Kraft tanken
Frauen, die sich einen Rückzugsort schaffen, sollten nicht befürchten, deshalb als unsozial zu gelten. Vielmehr zeigen sie, dass auch sie persönliche Bedürfnisse haben, die die Familienmitglieder zu respektieren haben. Außerdem bekommen sie nicht das Gefühl nur funktionieren zu müssen als Hausfrau und Mutter. Ein Eigenleben zu haben und es zu pflegen, ist außerdem für die ganze Familie gut. Denn ausgeruhte und entspannte Mütter bringen viel mehr Gelassenheit und Geduld für ihre Kinder auf. "Etwas für sich zu tun und nicht ständig beisammen zu sein, kann auch die Partnerschaft bereichern", sagt die Psychologin Rosen.









