Auftreten
Hören Sie mehr auf Ihren Bauch!
Das Job-Angebot klang wie ein Sechser im Lotto: Traumgehalt, großartige Aufstiegschancen, spannende Aufgaben, sogar einen Dienstwagen will der neue Arbeitgeber bereitstellen. Bei diesen Perspektiven heißt die Devise eigentlich: Sofort zugreifen! Doch was tun, wenn man "so ein komisches Gefühl im Bauch" hat?
Es gibt wohl kaum jemanden, der noch nicht dieses "Schmetterlingsgefühl" erlebt oder von sich gesagt hat, eine Sache liege ihm schwer im Magen. Dass es sich dabei nicht um unsinnige Redensarten handelt, haben jetzt Wissenschaftler mit neuen Forschungen bewiesen. Ihr Fazit: Im Bauch sitzt eine zweite Kommandozentrale, die oft kompetenter entscheidet als der Kopf.
Ausgestattet mit 100 Millionen Nervenzellen ist dieses "enterische Nervensystem" (ENS) weitaus komplizierter aufgebaut als das gesamte Rückenmark. Das Bauchgehirn ist ähnlich strukturiert wie das Gehirn. Man kann es sich wie einen Strumpf vorstellen, der Speiseröhre, Magen und Darm umschließt. So haben Wissenschaftler beispielsweise in Magen und Darm von Alzheimer- und Parkinson-Patienten ähnliche Gewebeschäden gefunden wie im Gehirn. Das Bauchgehirn arbeitet auch mit denselben Nervenbotenstoffen. Das erklärt, warum Antidepressiva, die die Nervenbotenstoffe beeinflussen, auf den Magen schlagen können.
Es gibt sie wirklich: Die Bauchentscheidung
Professor Emeran Mayer, Physiologe an der Universität Kalifornien, konnte nachweisen, "dass unser Bauchgehirn viele emotionale Prozesse steuert." Er ist davon überzeugt: "Das berühmte gute oder schlechte Gefühl ist nicht nur Intuition, es beruht auf ganz realen Erfahrungsgrundlagen. Nicht nur das Gehirn, auch der Bauch speichert Erfahrungen, die ein Mensch im Lauf seines Lebens sammelt, und setzt diese dann im alltäglichen Leben um."
Ein kleines Beispiel, in dem es um die Liebe geht: Kurz vor seinem 30. Geburtstag machte sich der berühmte Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) Gedanken darüber, ob er heiraten solle oder nicht. Der für seine Gründlichkeit bekannte Brite schrieb lange Listen über die Vor- und Nachteile der Ehe. Auf der Plusseite standen etwa die kuscheligen Sofastunden. Auf der Minusseite der befürchtete Zeitverlust durch familiäre Probleme. Er grübelte - und kam auf keinen grünen Zweig. Schließlich heiratete er seine Cousine Emma doch. Eine reine Bauchentscheidung, wie er später zugab.
Ein anderes Beispiel für eine typische Entscheidungssituation: das Bewerbungsgespräch. Eigentlich braucht ein Personalchef Tausende von Informationen, um richtig zu liegen. Doch nach drei Minuten ist für ihn die Sache meist klar. "Reine Bauchentscheidung", bestätigt Dr. Peter Schnieder von der Bewerberberatung in Mannheim. Ist sie erst einmal getroffen, sammelt der Personalchef nur noch Eindrücke, die sein Urteil bestätigen. "Zu diesem Verhalten neigen Menschen nun mal", so Schnieder.
Tatsache ist, dass wir zu rein rationalen Entscheidungen gar nicht fähig sind. Unser Hirn wäre heillos überfordert, wenn es in kürzester Zeit alle Infos besorgen und bewerten müsste. Deshalb greift es auf ein Urprogramm zurück, das ihm Denkabkürzungen - so genannte mental shortcuts - zeigt. Wie der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin herausfand, wählen wir in diesen Momenten immer die Variante, die uns am vertrautesten erscheint. Oder wir begnügen uns mit ein paar dürren Fakten und peilen über den Daumen. Was dabei herauskommt, ist gar nicht so schlecht. Gigerenzer: "Es liegt Weisheit im Nichtwissen." Gigerenzer bewies dies u. a. mit einem Test. Er ließ Laien Aktienpakete schnüren. Sie schlugen nicht nur den Marktindex, sondern auch etliche Profi-Fonds.
Das Gehirn im Bauch arbeitet anders als sein Kollege im Kopf
Wie das Kopfgehirn arbeitet, kann man sich vorstellen - wie eine Rechenmaschine. Aber wie "denkt" der Bauch? Er braucht keine Infos, er hat seine "somatischen Marker", wie es der amerikanische Psychologe Antonio Damasio nennt. Sie geben uns einen Vorgeschmack darauf, wie wir uns nach einer Entscheidung fühlen würden. Damasios Rat: Wir sollten in unserer hektischen, kopflastigen Zeit ruhig mehr auf unser Bauchgehirn hören. Einschalten lässt es sich jederzeit, und zwar so: Ein bisschen entspannen, sich vorstellen, die Entscheidung wäre gefallen, und sich fragen: Wie fühlt es sich an? Schön warm und behaglich? Dann ist alles in Ordnung. Grummelt der Bauch? Dann Vorsicht! Und den Kopf bitten, noch einmal gründlich über alles nachzudenken.









