Paare

Richtiges Streiten will gelernt sein

Jedes Paar streitet sich mal. Das ist ganz normal. Eine guter Streit kann Klarheit schaffen und die Atmosphäre wieder entspannen. Doch sich richtig auseinander zu setzen, ist eine Kunst. Dabei ist es wichtig, den anderen nicht mit Vorwürfen zu ersticken und seine Gegenwehr zu produzieren. In einer Paartherapie oder einem Gesprächstraining lernen Paare, wie das geht.

Glückliche Paare streiten nicht weniger als unglückliche. Aber sie streiten anders. In gescheiterten Beziehungen zeigt sich immer die gleiche Abwärtsspirale: Kritik, Verachtung, Rückzug. In guten Beziehungen begegnen sich die Partner mit Respekt. Sie haben gelernt, sich auf einander einzustellen. "Aktives Zuhören" heißt gemeinhin die Zauberformel. Doch das allein scheint nicht auszureichen. Der US-Psychologe John Gottman glaubt aufgrund vieler Studien, dass die emotionale Nähe entscheidend ist. Nur wer ein Grundvertrauen zum Partner besitze, könne in einer Krisensituation einen erfolgreichen Rettungsversuch starten, einlenken, einen Scherz machen oder ein liebes Wort sagen.

Es hört sich absurd an. Doch es ist gar nicht so selbstverständlich, dass sich ein Paar gefühlsmäßig nahe steht. Es gebe viele Gründe, warum sich zwei Menschen finden, sagt Rainer vom Feld, Paartherapeut in Berlin. Oft sei es nicht die geglaubte Liebe, sondern verborgene selbstbezogene Gründe spielten eine Rolle. "Viele Paare schauen und hören schon bei der Partnerwahl nicht genau hin. Nicht mit Absicht, sondern unbewusst steht vielleicht der eigene Kinderwunsch oder die Karriere fördernde Familiengründung im Vordergrund. Auch glauben die meisten Menschen, dass ihre Einsamkeitsgefühle in einer Partnerschaft ein Ende hätten, und lassen sich deshalb darauf ein."

Um konstruktiv streiten können, muss die Beziehung im Gleichgewicht sein

Geld, Kindererziehung, Freizeitgestaltung, unterschiedliche Interessen - laut Umfragen sind das die Dinge, über die Paare am meisten streiten. "Bei 'beziehungsvollen' Paaren lassen sich hier in der Regel Lösungen finden", erklärt vom Feld. "Gelingt dies häufiger nicht mehr, so sind diese Themen nur Aufhänger für tiefer liegende Störungen der Paarbeziehung: Macht und Ohnmacht, Autonomie und Anhängigkeit, 'Gefühlswelt und 'Sachwelt! Eine Paarbeziehung muss immer wieder ins Gleichgewicht kommen, wenn Streiten konstruktiv zu Kompromissen führen soll."

Die meisten Paare kämen wegen kommunikativer und sexueller Probleme, manche wollten einen Seitensprung aufarbeiten, andere schauen, ob ihre Beziehung überhaupt noch zu retten sei. "Eine Therapie ist kein Garant dafür, dass ein Paar zusammenbleibt", sagt vom Feld. "Manchmal ist es ehrlicher, sich zu trennen."

Gesprächstraining zeigt gute Ergebnisse

Vielen Paaren hilft es jedoch, miteinander reden und hinhören zu lernen. Das belegt eine Studie des Instituts für Forschung und Ausbildung in Kommunikationstherapie e.V. Die Einrichtung der Erzdiözese München-Freising hat das Gesprächstraining EPL (Ein partnerschaftliches Lernen) entwickelt, das auf den Erkenntnissen des Beziehungsforschers John Gottman beruht. Die Untersuchung zeigte: Drei Jahre nach dem Training hatten sich nur 9% der Paare getrennt. In der Kontrollgruppe, die keinen Kurs absolviert hatte, waren es 22%. (mj)

Quellen: BSMO-Gespräch mit dem Psychotherapeuten Rainer vom Feld und nach Informationen der TV-Sendung Quarks & Co. und des Instituts für Forschung und Ausbildung in Kommunikationstherapie e.V.

Tipps zum fairen Streiten


  • 1. Unterschiedliche Sprachen
    Sprachwissenschaftler haben Alltagsgespräche analysiert und festgestellt, dass Männer und Frauen "unterschiedliche Sprachen" sprechen. Während Männer in erster Linie informieren wollen, versuchen Frauen mit ihrer Sprache Intimität und Harmonie zu schaffen. Das kann zu verbalen Missverständnissen führen, die einen Streit auslösen oder ihn bisweilen schlimmer machen.


  • 2. Ärger sofort rauslassen
    Psychologen raten, Ärger und Wut nicht zu verdrängen oder herunterzuschlucken. Häufig entsteht ein Streit, weil unverarbeiteter Ärger hochkommt. Bis zu 90% einer akuten Verärgerung werden aus der Vergangenheit gespeist, so die Erfahrungen von Psychologen. Nur 10% haben mit aktuellem Ärger oder Verletzungen zu tun. Daher ist es wichtig, seinen Groll immer direkt abzulassen.


  • 3. Nicht verallgemeinern
    Beim Streiten konkret bleiben. Sätze, wie "du bist i m m e r müde, wenn ich Sex will" oder "du hörst n i e zu", produzieren beim anderen Gegenwehr. Er fühlt sich angegriffen. Eskalation kann die Folge sein. Stattdessen z.B. sagen: "Dass du jetzt müde wirst, frustriert mich" oder "hör mir jetzt zu".


  • 4. Keine Vorwürfe machen
    "Du bist schuld, dass es mir schlecht geht" - so ein Vorwurf verletzt den anderen. Als Folge wird er dichtmachen oder sich wehren. Ärger sollte nicht in "Du-Botschaften" geäußert werden, sondern immer in "Ich-Botschaften".


  • 5. Interpretieren vermeiden
    Wer die Worte oder das Handeln des anderen interpretiert, stellt sich über ihn und erzeugt damit ein Machtgefälle. Das kann einen Streit zum Eskalieren bringen. Besser ist es, das Problem des anderen mit eigenen Worten zu wiederholen, etwa in der Art: "Versteh ich dich richtig, dass ..." So fühlt sich der andere respektiert und nicht angegriffen. Außerdem kann er einfacher sagen, wenn der andere ihn missversteht.


  • 6. Unlösbare Konflikte akzeptieren
    Es gibt Streits, die immer wieder in einer Sackgasse landen. Solche Kontroversen, die sich nicht beilegen lassen, sollten die Partner akzeptieren lernen. Es sei nicht schlimm, etwas im Bösen stehen zu lassen, sagen Psychotherapeuten. Gut sei, sich in einer solchen Situation erst mal in Ruhe zu lassen und sich dann gegebenenfalls professionelle Hilfe zu holen.


Autor: Springer Medizin
Stand: Sep 2, 2003


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