Tag 9
Verurteilte Vorurteile
Jetzt, wo ich ein völlig anderer und verjüngter Mensch bin und mich so langsam an den neuen Lebensabschnitt gewöhne, muss ich neue Beschäftigungen finden, mit denen sich meine Tage strukturieren lassen. Bisher habe ich mich mit Zigaretten vom Arbeiten abgelenkt, nun spiele ich in einer besonders tollkühnen Minute mit dem Gedanken, endlich wieder etwas zu tun.
Der Gedanke gefällt mir, und ich könnte mich jetzt sofort an einen Artikel setzen, stattdessen beschließe ich, meine Freunde zu treffen, um ihnen zu erzählen, dass ich endlich wieder arbeite und mich nicht länger ablenken lasse.
Raucherlokale nur mit der richtigen Ausrüstung betreten
Zum Glück sind viele meiner Freunde künstlerisch tätig und daher gerade erste dabei, zu Brunchen oder sich vom Brunchen zu erholen. Drei von ihnen treffe ich in einem Café, in dem es den besten Käsekuchen und neuerdings kein Rauchverbot mehr gibt. Sofort zücken die vom Brunchen erschöpften Freunde ihre Zigarettenpackungen. Sie können sich das Rauchen nicht einmal verkneifen, wenn neben ihnen Menschen sitzen, die den besten Käsekuchen schlechthin genießen wollen. Ich finde das ärmlich und peinlich und würde am liebsten mit dem Finger auf sie zeigen und etwas Hämisches ausrufen, obwohl es mir vermutlich nicht zusteht, sie zu verurteilen. Immerhin sitze ich in einer In-Kneipe und habe eine 500-g-Tüte Möhren dabei.
Aus alten Freunden mach‘ neue Feinde
Während ich also so sitze, an einer Möhre nage und meine drei Freunde beim Rauchen beobachte, komme ich nicht umhin zu überlegen, ob diese Menschen da wirklich meine Freunde sind. Wer so leichtfertig seine eigene und meine Gesundheit aufs Spiel setzt, hat mich nicht verdient. Leider wünsche ich mir nur, so zu denken. Wenn ich ehrlich zu mir bin, klingen meine Gedanken eher so: Nur Raucher können ohne Mühe so kreativ, nachdenklich, dynamisch, besonnen und verschmitzt aussehen. Nur Raucher können kommentarlos so gescheit wirken.
An dieser Stelle stoppe ich mich, um mich zu rügen. Nicht einmal mir selbst hätte ich eine solche Verkennung der Realität zugetraut, doch irgendetwas hält mich davon ab, zur Besinnung zu kommen. Vermutlich bin ich nur etwas zu verträumt für ein friedfertiges Sozialleben und gehöre zurück in meine Wohnung. In diesem Sinne erhebe ich mich und strebe dorthin, wo es nur noch mich und die Konsequenz gibt. Ich will ganz sicher gehen, der Versuchung den Hahn zudrehen und werde alle rauchenden Seelen aus meinem Adressbuch löschen. Leider gibt es da nur Raucher, weshalb ich gezwungen bin, alle drei Menschen zu verabschieden, die ich kenne. So fühlt es sich also an, wenn man in jeder Hinsicht unharmonische Beziehungen beendet und niemanden mehr hat, denke ich.
Schluss mit Mitleid- für heute
Zart gefüllt mit Milchkaffee und viel Selbstmitleid reiche ich meinem Freund den heutigen Tagebucheintrag. Er schüttelt den Kopf und fragt, ob das alles an Inhalt sei. Ich antworte beflissen, dass mir dazu nichts mehr einfällt. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Ich soll nicht immer so maßlos übertreiben und jammern, sagt er daraufhin. Immerhin kenne ich bestimmt vier Menschen, wenn nicht sogar fünf. Außerdem mache ich mich ausgezeichnet als Nichtraucherin, daran habe er vor wenigen Tagen noch nicht zu glauben gewagt. Mit diesen Worten dreht er ab und kommt nach einem Moment mit einer besonders schönen Möhre für mich zurück. Ich nehme sie an mich und denke: eine in jeder Hinsicht harmonische Beziehung.






