Tag 8
Ermüdungserscheinungen
Wenn ich energisch und energiegeladen wäre, könnte ich aussehen wie jemand, der energisch und energiegeladen ist. So sehe ich nur aus wie ich aussehe. Ich bin nicht nur dick, sondern obendrein mächtig müde. Es ist viel zu früh, viel zu kalt, viel zu viel von allem Schlechten, das man sich vorstellen kann, aber ich habe keine Möhren mehr im Haus. Mir bleibt also nicht, als mich zum Supermarkt zu quälen, ein Kilo Möhren im Wägelchen zu verfrachten und mich zur Kasse zu bewegen.
Der Kassierer lächelt. Er lächelt und siezt mich. Irritiert frage ich, für wie alt er mich hält, was ihn kurzzeitig aus der Fassung bringt und schließlich zu der Aussage verleitet, dass ich allenfalls Mitte Dreißig sein kann. Es schmerzt.
Umziehen in eine schönere Zukunft
Ich bin erst 29, sage ich einer Verkäuferin in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses. Sie zuckt mit den Schultern und verpackt, was ich ihr hinschiebe. Auf dem Weg nach Hause überlege ich, vom Szenepfuhl Prenzlauer Berg nach Neukölln zu ziehen, weil man dort selbst im verbeutelten Jogginganzug noch gut aussieht. Es ist fast 12 Uhr, als ich diese Überlegung ablege und meinen Kosmetikspiegel mit integriertem Licht auspacke. Es ist 12:02, als ich den Kosmetikspiegel in den Keller verbanne. Was ich immer wusste: Rauchen ruft freie Radikale auf den Plan und lässt die Haut schneller altern. Was mir kurzzeitig entfallen ist: Nichtrauchen lässt sie jedoch nicht augenblicklich wieder jünger aussehen. Ich bin verärgert, kaue zwei Nikotinkaugummis in kurzer Folge und denke, dass das Schlimmste des Tages überstanden ist, als ein Bekannter anruft.
Stimmungslage neutral bis freudig
Ich trete beide Kaugummis auf dem Boden aus und lasse ihn erzählen, wie es war, als er vor Jahren das Rauchen aufgegeben hat. Er erinnert sich, dass es gar nicht so wild war, er habe einfach zu Trinken begonnen. Ich solle mich jedoch nicht unterkriegen lassen, denn wenn die Verlockung zu groß würde, gebe es noch immer Akupunktur, Hypnose und Medikamente, die das Belohnungszentrum des Gehirns austricksen. Schon spiele ich mit dem Gedanken, mich unter Hypnose akupunktieren zu lassen, als mir klar wird, dass ich das Schwierigste vielleicht schon hinter mir habe. Seit bestimmt zwei Tagen ist mein Freund nicht mehr zusammengezuckt, wenn ich sein Arbeitszimmer betreten habe.
Unterstützung ist alles und mehr
Ich möchte es genau wissen und nehme meinen Freund zur Seite. Er ist schlecht drauf, denke ich, weil er es mir sagt. Dennoch frage ich, wie er mich in den letzten - sagen wir mal - 40 Stunden erlebt hat. Er sagt, dass er gerade viel zu tun hat, was mich nicht davon abhält, ihn um einen Kommentar zu bitten. Den könne er mir jetzt liefern. Oder jetzt. Ganz egal, Hauptsache jetzt. Mein Freund knurrt genervt, ich solle ihm die Antwort vom Gesicht lesen. Schnell kneife ich die Augen zusammen und schaue auf sein Gesicht, das sich als weißer Fleck von der grauen Tapete abhebt. Mitten im weißen Fleck meine ich etwas zu sehen, das wie ein bereites Lächeln gepaart mit einem gütigen Zwinkern aussieht. Ich schlage mich famos, denke ich laut und bewege mich zwitschernd und um gefühlte 10 Jahre verjüngt in den nächsten Tag.






